Im Jahr 2015 veröffentlichte die New York Times ein Video mit dem Titel Ein Gespräch mit meinem schwarzen Sohn. Darin geht es um schwarze Eltern in den Vereinigten Staaten, die mit ihren Kindern darüber sprechen müssen, wie sie sich verhalten sollen, falls sie von der Polizei angehalten werden, um nicht festgenommen oder gar erschossen zu werden. The Hate U Give beginnt mit genau so einem Vortrag, kurz the talk genannt. Maverick (Russell Hornsby) versammelt seine Familie und erklärt seiner neunjährigen Tochter und seinem zehnjährigen Sohn, dass sie, sollten sie je von der Polizei gestoppt werden, ihre Hände auf das Armaturenbrett legen und die Finger spreizen sollen. Beantworte alle Fragen des Polizisten höflich und direkt. Mach keine Faxen.

Die Szene stammt aus dem gleichnamigen Jugendroman, den Angie Thomas zu schreiben begann, nachdem der Schwarze Oscar Grant vor nunmehr fast zehn Jahren von der Polizei erschossen wurde. Die Verfilmung lief bereits im vergangenen Jahr in den amerikanischen Kinos an und wurde von Kritikern und Publikum gleichermaßen geliebt. Es ist ein ziemlich pädagogischer Hollywoodfilm, aber es ist auch eine mächtige Kulturkritik an einem geteilten Amerika, wie sie auch andere Filme im vergangenen Jahr geübt haben, einschließlich Spike Lees BlacKkKlansman und Boots Rileys Sorry to Bother You.

Die 16-jährige Starr Carter (Amandla Stenberg) führt das, was sie im Voiceover als ein Doppelleben beschreibt. Niemand im Film erwähnt ausdrücklich den Gedanken vom doppelten Bewusstsein, den der Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois einst äußerte – "zwei Seelen, zwei Gedanken, zwei unversöhnte Streben, zwei sich bekämpfende Vorstellungen in einem dunklen Körper" –, aber es ist ziemlich offensichtlich, dass sich der Film darauf bezieht.

Bloß nicht zu schwarz

Zu Hause in ihrem schwarzen, verarmten Viertel muss Starr ihrem Vater zuliebe die Grundsätze der Black Panther Party auswendig lernen. "In die örtliche Schule", erklärt sie, "geht man nur, um high oder schwanger zu werden." Deshalb schickt ihre Mutter (Regina Hall) Starr und ihre beiden Geschwister (TJ Wright und Lamar Johnson) auf eine weiße Privatschule, wo Starr sich gezwungen sieht, die vorbildliche Minderheit zu spielen. Sie ist das Mädchen, das Slang vermeidet, um nicht als "zu schwarz" wahrgenommen zu werden. Ihre weißen Klassenkameradinnen und -kameraden scheinen sie so zu akzeptieren. Starr hat sogar einen wirklich netten weißen Freund (K. J. Apa), den sie allerdings vor ihrem Vater versteckt.

All das ändert sich in einer Nacht, in der Starr von Khalil (Algee Smith), einem Freund aus Kindheitstagen, von einer Party nach Hause gefahren wird. Er wird von einem weißen Polizisten (Drew Starkey) angehalten, angeblich weil er beim Spurwechsel vergessen hat zu blinken. Starr legt ihre Hände auf das Armaturenbrett. Khalil tut es nicht. Er greift nach einer Haarbürste und das kostet ihn sein Leben, weil der Polizist die Bürste für eine Waffe hält.

Die Szene ruft den Tod von Philando Castile in Erinnerung, der im Jahr 2016 in einer Stadt in Minnesota wegen eines kaputten Rücklichts angehalten und dann vor den Augen seiner Freundin und deren vierjähriger Tochter erschossen wurde. Millionen von Menschen haben ihm auf Facebook beim Sterben zugesehen, weil seine Freundin live auf der Plattform streamte. Auch Starr will den Vorfall mit der Kamera festhalten, aber der Polizist knurrt sie an und sie lässt das Handy fallen.

Khalils Tod wird politisch, als der Vorfall von einer Aktivistin und Anwältin (Issa Rae) aufgegriffen wird. Starr zögert, sich dem Kampf anzuschließen. Sie hat berechtigte Angst vor der Polizei, die den Tod Khalils als tragischen Unfall abtun will, der hätte vermieden werden können, wenn der Junge sich nur an die Anweisungen des Polizisten gehalten hätte. Dieses Argument verwirft der Film –  zum Guten wie zum Schlechten – nicht völlig. Außerdem soll Starr als einzige Zeugin vor einem Geschworenengericht aussagen, doch der örtliche Drogenkönig (Anthony Mackie) will, dass sie schweigt, weil Khalil für ihn gedealt hat. Und schließlich ist Star auch deswegen so hin- und hergerissen, weil ihre Aussage bedeuten würde, dass die Mauer, die sie so sorgfältig zwischen ihren beiden Welten errichtet hat, einstürzen würde.