Ist das schön hier! Giulietta (Silvia Busuioc, 2.v.l.), kommt 1968 mit ihrem Sohn Vincenzo (Rafael Koussouris, l.), ihrem Bruder Giovanni (Denis Moschitto, 2.v.r.) und dessen Frau Rosaria (Ana Sanchez, r.) am Münchner Hauptbahnhof an. © ZDF/Walter Wehner

Der deutsche Blick in Bella Germania macht aus der Einwanderungsgeschichte ein Märchen: Ein junger Prinz aus Deutschland kommt zu den Italienern und trifft da auf die junge Prinzessin, der er die Augen öffnet. Noch Jahre nach ihrer ersten Begegnung hält Giulietta (die wegen ihrer Schwangerschaft ihren Jugendfreund Enzo geheiratet hat) an Alexander fest. Er erscheint in der Geschichte weniger als Mensch denn als Versprechen auf ein besseres oder anderes Leben. Dass Alexander immer in der privilegierten Position verweilt und ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, entscheiden kann, was er möchte, zieht sich bis zum Schluss durch. Es zählt nur sein Bedürfnis nach einer aufregenden Beziehung, sein Sehnen nach einer "exotischen" Frau, die anders ist als die blonde Sekretärin, die er geheiratet hat. Er ist es auch, der als alter Mann entscheidet, seine Enkelin Julia Becker (Natalia Belitski) aufzusuchen und gemeinsam mit ihr die italienische Familie aufs Neue zu zwingen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

So ein deutsch-italienisches Familiendrama wäre als reine Unterhaltung ein okayes Unterfangen: Schöner Deutscher verliebt sich in schöne Italienerin, sie treffen sich an schönen Orten, aber ihrer Liebe stehen viele Hindernisse im Weg. Aber Bella Germania will mehr sein als Unterhaltung. Zwischen den Liebesszenen geht es um Soziopolitisches, Daniel Speck bemüht Begriffe wie Einwanderung, Integration und Heimat, füllt sie aber nicht mit Inhalt. Und der Regisseur Gregor Schnitzler klopft die Geschichte lediglich auf Symbolbilder ab, die von dem Kameramann Wolfgang Aichholzer dann kitschig in Szene gesetzt werden: München wird als das Ellis Island Europas verklärt, Einwanderung ist hier nicht mehr, als in den Zug zu steigen. Den Schwierigkeiten, in einem Land zu leben, das Gastarbeiter auf ihr Gastsein reduziert, wird kein Raum gegeben. Wenn gezeigt wird, wie der kleine Vincenzo (der mit seiner Mutter Giulietta und seinem Stiefvater Enzo auch nach München gezogen ist) von seinen Mitschülern geschlagen und als Spaghettifresser beschimpft wird, geht diese Szene unreflektiert und unkommentiert unter.

Es wirkt befremdlich, so einen Film in einer Zeit zu sehen, in der gerade ganz andere Debatten zum Thema Einwanderung geführt werden. Debatten über Heimat, über die Selbstverständlichkeit, deutsch sein zu können. Das sind komplizierte Diskurse, und der Bedarf an Versöhnlichem ist offenbar groß. Bei der Einwanderung der italienischen Gastarbeiter muss sich heute keiner den Kopf über Integration zerbrechen, niemand in Deutschland über Schuld und Verantwortung nachdenken. Die Migration der Italiener erzähle ja eine europäische Erfolgsgeschichte, sagt Daniel Speck. 

Die kann man problemlos beim Lieblingsitaliener um die Ecke besprechen, dem mit den rot-weiß-karierten Tischdecken. Da läuft dann Adriano Celentano oder O Sole Mio, und wenn die italienische Mamma hinter der Kasse steht, hat der Kunde seine Italiener so, wie er sie haben will. Um als Italiener in Deutschland anerkannt zu sein, muss man das Klischee bedienen. Dieser Dreiteiler ist der beste Beweis, dass sich am Bild Italiens in Deutschland seit den Fünfzigerjahren kaum etwas verändert hat. Mit dieser Einstellung kann man sich auch Bella Germania anschauen. Am Schluss gibt es zwar keinen Grappa aufs Haus, aber auch keine Rechnung. Hier tut nichts weh. 

Nachtrag vom 12. März: Als Reaktion auf die in diesem Text geäußerte Kritik an dem ZDF-Dreiteiler Bella Germania hat sich der Drehbuchautor Daniel Speck, der auch den Roman Bella Germania verfasst hat, an ZEIT ONLINE gewandt. Er betonte im Gespräch mit ZEIT ONLINE, sein Drehbuch sei "überarbeitet" worden. "Der Roman ist anders. Mir war es ein großes Anliegen, glaubwürdig und respektvoll mit der Zeitgeschichte und ihren Protagonisten umzugehen." 
Im Vorspann zu dem Mehrteiler werden unter "Buchbearbeitung" die Autoren Robert Krause und Florian Puchert genannt, in allen Pressetexten des ZDF hingegen ist Daniel Speck als einziger Autor aufgeführt.
Das ZDF erklärte auf Anfrage: "Der Fernsehfilm ist auf Basis der Drehbücher von Daniel Speck entstanden. Die beiden weiteren Autoren wurden beschäftigt, um das Buch produktionsfähig zu machen. Diese Vorgehensweise ist bei einem Dreiteiler durchaus üblich und dies geschah mit dem Wissen von Daniel Speck."

Sendehinweis: Die drei Teile von "Bella Germania" laufen ab Sonntag, dem 10. März, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF und sind in der ZDF-Mediathek bis zum 3. September 2019 verfügbar.