Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"After Life"

Seine Ehefrau ist an Krebs gestorben, sein Vater dement, das Haus zugemüllt, sein Job als Lokaljournalist deprimierend, und als er versucht, sich in der Badewanne die Pulsadern aufzuschneiden, will der Hund was zu fressen: Tony ist am Ende. Seit sich mit dem Tod seiner Frau alles verändert hat, erträgt er den Alltag nicht mehr und die Routine, mit der ihn seine Umwelt permanent belästigt.

Der britische Stand-up-Comedian Ricky Gervais (bekannt als Stromberg-Vorbild in The Office) spielt diesen Tony als emotional verwahrlosten Mittfünfziger, dem alles egal geworden ist. Er raucht mit dem örtlichen Junkie Heroin, beschimpft seinen Chef, bedroht Kinder auf dem Pausenhof. Und als er überfallen wird, schlägt er den Angreifer einfach nieder. Mit einer Dose Hundefutter.

Tonys Verhalten ist nicht nur rücksichtslos, sondern seine persönliche Rache an der Welt. In den sechs halbstündigen Episoden, die Gervais auch geschrieben und produziert hat, verwandelt er sich in eine unberechenbare und moralisch zwiespältige Figur. Man schwankt ständig zwischen Augenzuhalten und Faszination. Denn natürlich birgt Tonys seelischer Ausnahmezustand auch eine große Befreiung. Wer hat noch nie davon geträumt, alle Konventionen, Regeln und Höflichkeiten zu ignorieren? Auch wenn man eine gesunde Portion Menschenhass mitbringen muss, um mit Tony zu sympathisieren: Er bleibt bis zum Schluss als Charakter nahbar. Auf eine sehr ungewöhnliche und extrem schwarzhumorige Art erzählt After Life von der Tristesse, nur noch sich selbst zu haben. Und wie schwierig es sein kann, das auszuhalten.
(Juli Katz)

Die sechs Episoden von "After Life" sind ab 8. März auf Netflix zu sehen.