Die Filme des DC-Comic-Universums hatten seit zwei Jahren einen – und nur einen Vorteil – gegenüber den Superheldenadaptionen aus der Marvel-Galaxie: die fulminante, feministische Superheldin Wonder Woman. Die Verfilmung der Comicfigur durch die Regisseurin Patty Jenkins bewies, dass eine starke Frauenfigur einen Superheldenblockbuster wirtschaftlich mindestens so gut tragen kann wie einer ihrer männlichen Kollegen Batman oder Superman. Die israelische Schauspielerin Gal Gadot erwies sich in der Rolle als freigeistig, rebellisch und verletzlich. Aber anzunehmen, was DC beziehungsweise Warner Bros. könne, könne Marvel beziehungsweise Disney schon lange, erwies sich als Irrglaube des Studios.

Captain Marvel, in dem Brie Larson die titelgebende Superheldin spielt, ist der einundzwanzigste Film in der Reihe der miteinander verknüpften Marvel-Filme, seit 2008 mit Iron Man alles begann. Es ist der erste, der um eine Frau gebaut wurde, und der erste von einer weiblichen Regisseurin. Aber das ist schon das einzig Revolutionäre.

Dabei könnte auch Captain Marvel noch viel bedeuten für junge Mädchen, die sich mit selbstbewussten, starken Frauen identifizieren wollen, doch nach mehr als zwei Stunden im Kino hat man immer noch keine Ahnung, wer diese Frau eigentlich sein soll. Von der viel gepriesenen Frauenpower, die seit Monaten in der Werbung und in Interviews versprochen wurde, keine Spur. Stattdessen gibt es eine viel zu chaotische Handlung, viel zu viel Weltraumaction und eine ziemlich dämliche Kampfszene, die mit I'm Just A Girl von No Doubt unterlegt ist. Das ganze sieht aus wie ein schlechter und überlanger Trailer für den nächsten Avengers-Film, der in Deutschland am 25. April anlaufen soll. Es gibt jedoch eine sehr süße Katze.

Die Erde ist hier Planet C-53

Bevor es zum Planeten C-53 geht, der Erde, wirft uns Captain Marvel unerklärlicherweise in einen jener langwierigen intergalaktischen Kriege, die immer irgendwo in den äußersten Winkeln des Weltraums toben. Eingehüllt in feuchten, gelben Nebel ist das Ganze sowohl unmöglich zu verfolgen als auch peinlich mit anzusehen. Auf der einen Seite kämpfen die Kree, ein außerirdisches, humanoides, blaublütiges Volk, das Befehle von einer sogenannten "höheren Intelligenz" entgegennimmt, einem komplizierten, organischen Bewusstsein, das Annette Bening verkörpert. Auf der anderen Seite stehen die Skrulls, ausgesprochen hässliche Wesen, die aussehen wie grüne Orks mit spitzen Ohren, aber das Aussehen von jedem annehmen können, den sie sehen, worauf ihr Anführer (Ben Mendelsohn) besonders stolz ist.

Auf dem technologisch hoch entwickelten Heimatplaneten der Kree, auf Hala, treffen wir jedenfalls zum ersten Mal die titelgebende Heldin, jetzt noch "Vers" genannt, eine ehemalige Luftwaffenpilotin von der Erde, was sie zu Beginn nicht weiß, weil sie an Gedächtnisschwund leidet. Sie kann coole Energiestrahlen aus ihren Händen schießen, aber ihr Mentor Yon-Rogg, gespielt von Jude Law, trichtert ihr immer wieder (mindestens gefühlte zehn Mal) ein, dass sie endlich ihre Gefühle in den Griff kriegen müsse. Typisch Mann vermutlich.

Die Botschaft hinter Yon-Roggs Ermahnungen könnte nicht deutlicher sein: Frauen sind immer zu emotional. Vers weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber ihre Emotionen werden einst ihre größte Stärke sein. Das ist grundsätzlich eine interessante Idee, aber "emotional" ist wirklich das letzte Wort, mit dem man die Figur von Brie Larson beschreiben würde. Emotionen oder gar Herz scheinen mit ihren Entscheidungen nichts zu tun zu haben. Sie stampft durch diesen Film wie ein Terminator. Vom Anfang bis zum Schluss bleibt sie erstaunlich stark und belastbar. Das ergibt keinen spannenden Charakterbogen. Das ergibt eine gerade, langweilige Linie.

Ein großer Teil der Handlung, an der fünf Autoren mitgeschrieben haben einschließlich der beiden Regisseure Anna Boden und Ryan Fleck (Dirty Trip), konzentriert sich auf die Identitätskrise von Carol Danvers, so Vers' echter Name. Sie weiß nicht, wer sie ist oder woher sie kommt, was bedeutet, dass Brie Larson die längste Zeit mit einem großen Fragezeichen und ohne nennenswerte Eigenschaften agiert. Brie Larson ist eine talentierte Schauspielerin, die einen Oscar für ihre Rolle in Room gewann. Aber durch diesen Mangel an Persönlichkeit wirkt ihre Darstellung eher wie die einer Actionfigur aus Plastik.