Das Seltsame ist, dass man sie sofort erkennt, trotz des käsigen Gesichts, des versoffenen Blicks unter dem angegrauten, stumpfen Haarschopf. Das weibliche Wrack, das in das allzu helle Licht der kalifornischen Morgensonne blinzelt, ist Nicole Kidman. Es sind ihre blauen, leicht schräg und ein wenig eng stehenden Augen, und es ist ihre fragile, hochgewachsene Gestalt. Unverkennbar und doch nicht zu erkennen. Genau das macht ihre große Kunst aus.

Kidman nämlich verwandelt sich in Karyn Kusumas Neo-Noir Destroyer nicht einfach in Erin Bell, eine Polizistin aus Los Angeles mit schwieriger Vergangenheit, sie spielt diese Rolle. Sie verschwindet nicht unter dem entglamourisierenden Make-up, sondern verleiht diesem weiblichen Bad Cop eine Persönlichkeit. Und macht sich selbst darin kenntlich: Trotz der Aura des Verdorbenen und Heruntergekommenen, das ihre Erin Bell auf eine Weise ausdünstet, dass man es im Kinosaal noch zu riechen vermeint, gibt es da etwas Zähes, Stählernes in dieser Figur, eine innere Verhärtung bei äußerlicher Fragilität, wie man sie aus vielen Rollen Kidmans in Erinnerung hat. Was nicht heißen soll, dass sie immer wieder das Gleiche spielt, ganz im Gegenteil, vielmehr versteht es Kidman, aus dem Gegensatz von Härte und Fragilität immer wieder neue Spannung zu schöpfen und psychologische Abgründe sichtbar zu machen.

Erin Bell etwa wird an diesem sonnigen Morgen, an dem Destroyer beginnt, von ihrer Vergangenheit eingeholt. Wenige Meter entfernt von dem Auto, in dem sie regungslos sitzt, liegt eine männliche Leiche im trockenen Kanalbecken, erschossen. Mit ihr schließt sich für Erin der Kreis. Wie es sich gehört fürs Noir-Genre, liegt die Aura der Verdammnis schon über den ersten überhellen Bildern, die mit ihrem harten Kontrast Los Angeles gleichsam schwarz-weiß erscheinen lassen.

Der Tote mit einem Nackentattoo, das eine Gangzugehörigkeit signalisiert, führt Erin zurück in eine Zeit vor 16 Jahren, als sie zusammen mit ihrem Partner Chris (Sebastian Stan) die Verbrecherbande um den charismatischen Silas (Toby Kebbell) als verdeckte Ermittlerin unterwanderte. Etwas muss damals sehr schiefgelaufen sein. Während die trinkende, lebensmüde Erin in der Gegenwart die überlebenden Gangmitglieder abklappert, um erneut an Silas heranzukommen, springt der Film in Flashbacks zurück in jene Zeit, als Erin noch glatte Haut und ein frisches Gesicht hatte. Aber, und das macht Kidman exzellent sichtbar, auch als jüngere Frau war diese Erin schon eine schwierige Persönlichkeit.

In einer Szene sieht man, wie sie und Partner Chris für ihre Undercoverrollen üben. Sebastian Stan, bekannt als Winter Soldier in der Avenger-Reihe, zeigt hier in knapper Zeit und kurzen Szenen wie schon als Ehemann in I, Tonya, dass das Marvel-Universum für ihn reine Zeitverschwendung ist. Sein Chris äußert Zweifel, wie er und Erin als Berufskollegen glaubhaft ein Liebespaar darstellen können, da gibt Erin ihm einen Kuss, der so "heiß" ist, dass er nicht nur Chris' Zweifel zerstreut, sondern auch als Beginn des Verhängnisses erkennbar wird. Die Liebe, die da zwischen den beiden Kollegen unerwartet aufkeimt, wird sich als Störfaktor erweisen, gerade weil sie echt ist.