Wer sich durch das Dokuangebot bei Netflix klickt, weiß: Kapitalismuskritik ist die Königsdisziplin des internationalen Dokumentarfilms. Tenor und Machart sind seit The Corporation, einem Klassiker des Genres aus dem Jahr 2003, meist gleich. Auch die Untergangsprophetien der zu Wort kommenden Expertinnen und Experten ähneln einander in ihrem Alarmismus. Noam Chomsky, Naomi Klein und Jeremy Rifkin, die Stars der Szene, sind sich einig: Dieses System tötet! Es muss weg! Wenig haben Filme und Experten jedoch meist dazu zu sagen, was auf den beschworenen Systemtod folgen soll. Der Dokumentarfilm Near And Elsewhere von Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni will da Abhilfe schaffen.

Den Dokumentarfilmern geht es um nichts weniger als die Vermessung des gelobten Landes Utopia. "Wie", lautet die Zentralfrage ihres filmischen Essays, der am 21. März 2019 in den Kinos angelaufen ist, "kann sich unsere Gesellschaft in Anbetracht der aktuellen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen weiterentwickeln?"

So weit, so ambitioniert. Leider unterwirft sich die Essaydokumentation dann etwas zu bereitwillig den Gesetzmäßigkeiten des Genres: Experten, die dasselbe Weltbild teilen, sezieren die Folgen des Raubtierkapitalismus. In Interviewschnipseln produzieren der Zukunftsforscher Matthias Horx, der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewich und die italienische Soziologin Elena Esposito in Serie steile wie bedenkenswerte Thesen. Nur gönnen die Filmemacher sich und dem Zuschauer nicht den Raum, diese anzuwenden auf die Welt, die uns umgibt.

"Mentale Entzündung"

Ein Beispiel: Die Ordnungsideen von einst, analysiert der Kulturwissenschaftler Josef Vogl, funktionieren nicht mehr. Doch für die Ideen von morgen haben wir noch keine Worte, gleichwohl sie bereits jetzt entstehen. Doch welche Ordnungsideen sind das, wie prägten sie unser Leben und warum funktionieren sie nicht mehr? Da bleiben Vogl und der Film vage. Der moderne Kapitalismus, so das Fazit, sei nicht mehr in der Lage, die von ihm geweckten Erwartungen zu erfüllen. Doch bevor der Zuschauer sich fragen kann, ob dem wirklich so ist, haut der Zukunftsforscher Matthias Horx bereits die nächste steile These raus. Orientierungslosigkeit erzeuge Angst, sagt Horx. Angst führe zu Panik und Überreaktionen, wie sie im Populismus und im internationalen Finanzwesen zu beobachten seien. Horx' Diagnose: Die Gesellschaft leide an "mentaler Entzündung".

Klingt gut und ist sicher nicht falsch. Doch wie ist der Zusammenhang zwischen Orientierungslosigkeit und Populismus genau beschaffen? Wo im Finanzwesen zeigen sich im Detail Angst und Panik? Man erfährt es nicht. Die befragten Experten haben daran keine Schuld. Sie erfüllen ihre Aufgabe, schwingen sich pflichtschuldig von Thesengipfel zu Thesengipfel, schimpfen eloquent auf Deregulierung und Flexibilisierung, geben den marktkonformen Demokratien im Vorbeiflanieren rhetorisch eins auf den Deckel und würden den "dressierten Menschen" am liebsten von seinen kapitalistischen Ketten befreien, wenn man sich dafür nicht aus dem akademischen Elfenbeinturm herausbewegen und in den Niederungen der Realpolitik die Hände schmutzig machen müsste.

Hippe Sehnsucht

Die Täler zwischen diesen Geisteshöhen des Kulturpessimismus bleiben im Finsteren. Die Filmemacher geben sich keine Mühe, sie auszuleuchten. Anscheinend haben sie wenig Lust, die hochfliegenden Gedanken einzuordnen, sie am konkreten Beispiel zu überprüfen. Dabei ist es gerade die Aufgabe eines Essays, sich selbst kritisch in Beziehung zur Welt zu setzen. Diese persönliche Stellungnahme verweigern die Macher von Near And Elsewhere jedoch. Sie meinen, die Meinung den Experten überlassen zu können.

Nur notdürftig sind deren Gedankenassoziationen verbunden mit einer Rahmenhandlung: Drei zivilisationsmüde Menschen irren durch eine gesichtslose Großstadt auf der Suche nach ... ja, wonach eigentlich? Nach einer besseren Zukunft, einem von Panik, Kapitalismus und Angst verschonten Arkadien, nach dem Himmel auf Erden, einem netten Mann mit Bart, der sie einfach mal in den Arm nimmt? Sie wissen es wohl selbst nicht. Sie sind sprachlos, geben nur wenige Sätze von sich. Die klingen tiefsinnig, ohne es zu sein. Genauso wie der vermeintliche Filmessay.

Offenkundig wird die Sprachlosigkeit von Near And Elsewhere gerade beim eigentlichen Thema des Films: der Vermessung von Utopia. Die Gesellschaft sei, sagt Vogl, "an politischer Sklerose" erkrankt. Den Menschen fehle es heute an politischer Fantasie. Anders als die Menschen des 19. Jahrhunderts könnte man sich mittlerweile eine Alternative zum Kapitalismus gar nicht mehr vorstellen. Das allerdings gilt leider auch für Vogl, Horx und Esposito selbst. Die reden viel von der Furcht vor Anfängen, von "Hoffnungsreservoiren"  oder der allgemeinen Sehnsucht nach "Wiedervergesellschaftung". Doch wie genau soll diese aussehen?

Der dressierte Mensch

Als Mensch des 19. Jahrhunderts hatte Karl Marx dazu in der Tat eine gewisse Vorstellung. Was daraus wurde, ist bekannt. Und doch gehört es zu den Stärken von Near And Elsewhere, daran zu erinnern. Genauer gesagt erinnert die Schriftstellerin Swetlana Alexijewich alle Möchtegernutopisten und Edelkapitalismuskritiker daran, wie die politische Utopie der Vergesellschaftung bis heute durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts kontaminiert ist. Ihr ganzes Werk kreist um den Homo sovieticus, den Lenin und Stalin mit blanker Gewalt erschufen und der mindestens genauso deformiert ist wie der Mensch des modernen Kapitalismus.

Aber um eine echte Utopie, eine ganz konkrete Vorstellung von Zukunft geht es Near And Elsewhere gar nicht. Der Film thematisiert und reproduziert eher die moderne Sehnsucht nach Utopie. Man will die Zukunft und den Aufbruch fühlen, ohne ihn sich konkret vorstellen zu müssen. Politisch oder utopisch ist das nur an der Oberfläche. Darunter verbirgt sich eine neue postkapitalistische Romantik, die nichts wagt und niemandem wehtut. Unfreiwillig findet Near And Elsewhere in der finalen Spielszene genau das passende Bild dafür: Ein junger Mann mit Zivilisationsblues und Dreitagebart sitzt im Abendrot am Strand und blickt melancholisch aufs Meer. Ein Motorboot mit glücklichen Hipstern auf Spritztour schippert vorbei. Sie locken ihn: "Komm mit uns und du wirst immer glücklich sein."

Doch nicht einmal dazu kann sich der dressierte Mensch von heute aufraffen.