Aficionadas der Tatort-Geschichte werden sich erinnern! Und zwar an die erste Kieler Folge mit Klaus Schwarzkopfs legendärem Kommissar Finke von 1973. Die trug den schönen Titel Blechschaden, weil der Fall mit einem Unfall begann: Ein Mann überfährt einen Radfahrer und begeht Fahrerflucht, weil er mit seiner Geliebten unterwegs ist. Der Radfahrer stirbt, die Ermittlungen setzen ein, aber während die Polizei ermittelt, geht das Spiel mit immer neuen Lügen und Erpressungen munter weiter, nur weil die erste Lüge nicht auffliegen darf.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Warum erzähle ich das? Weil die Schwarzwälder Tatort-Folge Für immer und dich (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) ebenfalls mit einem solchen Blechschaden beginnt, der weitere Verwicklungen nach sich zieht. Jugendliche Kraftradfahrer schlagen eine Scheibe am Auto von Martin Nussbaum (Andreas Lust) ein und klauen eine Tasche. Nussbaum verfolgt die Halbstarken, auf waghalsiger Flucht geht ein Spiegel seines Autos drauf, und schließlich fährt er – aus Unachtsamkeit, nicht aus Absicht – einen der Motorisierten so an, dass der einen Hang hinunterstürzt und später stirbt.

Und auch Nussbaum kann die Wahrheit nicht erzählen, weil er in einer Lüge lebt. Mit dem Mädchen Emily (Meira Durand), das von zu Hause ausgebüxt ist, weil sie den Urlaub für immer, den der viel ältere Mann ihr versprach, wohl attraktiver fand als die familiäre Enge. Der Film (Buch: Magnus Vattrodt, Regie: Julia von Heinz) führt in diese Geschichte mit großer Ruhe ein, er sonnt sich in den lens flares seiner Hochsommerlichkeit (Kamera: Stefan Sommer), über der aber immer schon die Wolken des Unheimlichen hängen.

Das hat einerseits mit der lange unklaren Konstellation von älterem Mann und minderjährigem Mädchen zu tun, in der das Machtgefälle behutsam entfaltet wird: Emily hatte wohl Lust auch auf Sex mit Nussbaum, aber die Szenen mehren sich, in denen die Interessen der beiden auseinanderdriften, in denen Emily sich von den engen Vorstellungen, die Nussbaum von der Beziehung mit ihr hat, emanzipiert.

Und andererseits spielt nicht nur Meira Durand ihre Rolle zwischen Sorglosigkeit und wachsendem Zweifel sehr gut (wie eigentlich alle anderen, vor allem aber auch Luisa-Céline Gaffron als Tankstellenbekanntschaft Jona). Andreas Lust macht aus Nussbaum einen von Anfang an einleuchtenden Charakter – einen überforderten Mann, dessen Autorität gerade noch reicht, um vor einem Mädchen souverän zu wirken. Lust kann die dauernde Lüge so differenziert darstellen wie nicht viele andere, in jeder Bemerkung, in jeder Geste, in jedem Blick lässt sich die Figur verstehen – ihr Blendertum und zugleich das Wissen um die Kraft, die es kostet, nach außen ein falsches Bild von sich zu vertreten.

Wo diese Kraft ausgeht, wird eine Gereiztheit sichtbar, die beständig auf dem Seil tanzt, von dem sie in Gewalt abrutschen könnte: wie er der eigenen Mutter (die große Ursula Werner), als sie ihm das geforderte Geld doch nicht so geschmeidig geben will wie zugesagt, das Brotmesser aus der Hand nimmt und für einen kurzen Moment mit der Möglichkeit der Bedrohung liebäugelt! Die Intensität dieser Szene kommt freilich auch aus der quirligen Montage (Saskia Metter), die die impressionistischen Bilder und originellen Auflösungen so synthetisiert, dass Details Bedeutung bekommen. Am Ende richtet sich Nussbaums Gewalt gegen einen Hund, nicht gegen Emily.

Für immer und dich erzählt also vom allmählichen Schwinden einer Lebenslüge (auch wenn der Film mit weit weniger Verwicklungsmechanik auskommt als Blechschaden seinerzeit). Nussbaums Bewegungsspielraum wird immer kleiner, auch weil die Polizei ihm immer näher kommt. Dabei macht sie nur ihre Arbeit, was der Tatort ebenfalls in großer Ruhe zeigt: wie sich von Spur zu Spur, von Erkenntnis zu Erkenntnis an Nussbaum heranermittelt wird. 

Für Eva Löbau (als Franziska Tobler) und Hans-Jochen Wagner (als Friedemann Berg) ist dieser Fall der eindeutig dankbarste ihrer noch jungen Tatort-Dienstzeit. Weil er ihnen mehr Platz gibt, als es die üblichen "Wo waren Sie?"-Fragen erlauben. Weil auch zwischen dem Ermittlerpaar ein Geheimnis liegt, das sich erst am Ende auflöst ("Ich war schwanger").

So bleibt der Titel das einzige, was sich gegen Für immer und dich einwenden lässt. Rio Reisers Song ist zweifellos von großer Schönheit. Aber anders als König von Deutschland, das Lied, das Nussbaum im Auto seiner Mutter aus Erschöpfung schon nicht mehr aus vollem Hals mitsingen kann, lässt sich dieser Hit auf keine der Figuren so richtig beziehen.