Nach längerem Ritt sind die Brüder gerade in einem kleinen Westernkaff, irgendwo zwischen Oregon City und San Francisco, angekommen. Einer steuert direkt den Saloon an, der andere schaut sich im lokalen Gemischtwarenladen um, nimmt ein kleines Holzgerät aus dem Regal und erkundigt sich, was das sei. "Eine Zahnbürste", erwidert der Ladenbesitzer und erklärt, wie man sie mit weißem Puder aus der Dose benutzt, um die Zähne sauber und den Atem frisch zu halten. Etwas später sieht man dann John C. Reilly als Eli Sisters am Lagerfeuer stehen und noch etwas unsicher mit der Bürste im Mund hantieren.

Kopfgeldjäger im Wilden Westen, die gab es schon oft. Aber so wie diese beiden hat man das noch nicht gesehen: In einem Genre, in dem sich bekanntermaßen Männer durch Handlungen definieren, sind die Sisters Brothers ein Paradox: zwei Quasselstrippen, die auf geradezu rührend unbeholfene Weise in einem endlos dahinplätschernden Dialog ihre Existenz reflektieren. Genau das hat den französischen Regisseur Jacques Audiard, der sich nie sonderlich für Western interessierte, für den Stoff eingenommen, den der Schauspieler John C. Reilly und dessen Frau, die Produzentin Alison Dickey, an ihn herangetragen haben: "Mich interessierte dieser Moment in der amerikanischen Geschichte, in der diese Gegend erst im Entstehen begriffen war", erzählt er im Interview in einem Berliner Hotel. "Die Häuser waren noch nicht fertig gebaut, die Codes für das Westernkostüm noch nicht festgelegt. Nach dem ersten Goldrausch von 1848 veränderte sich die Gegend. Das ist der Punkt, an dem es kippte, an dem nach der Eroberung Amerikas die Geschichte Amerikas begann." 

Audiard ist ein drahtiger, schmal gebauter Mann mit funkelnden Augen und kahlem Schädel. In seiner feinen, blauen Strickjacke mit vielen kleinen Knöpfen wirkt er wie ein englischer Gentleman und ist zugleich von der geheimnisvollen Aura jener französischen Gangster umweht, von denen er so oft erzählt hat. Von innerer Unruhe erfüllt antwortet er dennoch überlegt und kann sich auch mal richtig amüsieren, wenn er etwa über die kleinen virilen Männer spricht, die ihm die Arbeit auf den Kinosets lange vergällt haben, bis er sie sukzessive durch Frauen ersetzt hat oder durch Männer mit weniger Machismo.   

Das Kino als sehr prosaischer Ort

Jacques Audiard wurde 1952 in Paris geboren. Sein Vater Michel Audiard war ebenfalls Filmregisseur und vor allem ein angesehener Drehbuchautor, der dem Sohn vermittelt hat, dass das Kino kein mythischer, sondern ein sehr prosaischer Ort ist: "Wenn man schreibt, muss das ja nicht immer gleich große Literatur sein, schon gar nicht im Kino, in dem es eher darum geht, Situationen zu beschreiben", erinnert Audiard die Lehren seines Vaters. "Für ihn war das Kino keine Kunst wie die Literatur oder die Musik, sondern etwas sehr Banales, Alltägliches."  Vielleicht ist das der Grund dafür, dass bei Audiard die Mythen des Kinos immer in der Wirklichkeit aufgehen.

Zunächst aber studierte Audiard, der sich selbst als Spätzünder bezeichnet, Literatur und Philosophie, um Lehrer zu werden. Fast zufällig fand er dann doch ins Metier seines Vaters, über einen Schnittworkshop und als Assistent in den Schneideräumen von Roman Polański und Patrice Chéreau. Beim Schneiden hat Audiard, der nie eine Filmschule besuchte, nach eigenen Worten gelernt, wie man Geschichten strukturiert. Danach arbeitete er eine Weile am Theater, adaptierte Literatur für die Bühne. Mit 30 beginnt er dann die ersten Drehbücher zu schreiben, unter anderem Georges Lautners Der Profi mit Jean-Paul Belmondo und 1983, gemeinsam mit dem Vater, Claude Millers Psychothriller Das Auge.

Nachdem er mit zwei Freunden eine Produktionsgesellschaft gegründet hatte, arbeitet er auch als Regisseur. 1994 dreht er sein Debüt mit Wenn Männer fallen über einen Handelsvertreter, der den Mörder seines Polizistenfreundes aufspürt. Es ist die erste Geschichte von vielen über im Grunde rechtschaffene Männer, die durch die Umstände kriminell werden. Der Titel Wenn Männer fallen könnte dann auch das Motto fast aller Filme von Audiard sein, in denen junge Männer immer wieder auf gewalttätige Abwege geraten, bis hin zu seinem jüngsten, The Sisters Brothers, in dem die Revolverhelden tatsächlich vom Pferd fallen, weil sie betrunken sind oder todkrank nach einem Spinnenbiss.

"Ich mag Helden, die mit Makeln behaftet sind", antwortet Audiard, wenn man ihn fragt, was all diese gefährlich lebenden Männer in seinen Filmen mit ihm zu tun haben. Versehrte gibt es aber auch unter seinen Frauenfiguren: die stumme Büroangestellte in Lippenbekenntnisse, Marion Cotillards Waltrainerin, der in Der Geschmack von Rost und Knochen beide Beine amputiert werden. Oder auch die drei tamilischen Flüchtlinge, die sich in Dämonen und Wunder zu einer Patchworkfamilie zusammenschließen, dem ersten Film mit dem Audiard den eigenen Kulturkreis verlassen hat. Wie in Ein Prophet, dem existenziellen Gefängnisdrama über kriminelle Araber, trifft er damit auch die bewusste Entscheidung, die Realität von Menschen in sein Filmuniversum aufzunehmen, die sonst im Kino nicht vorkommen.