Es gibt eine inzwischen sehr berühmte Szene in Jordan Peeles Meisterstück Get Out, in der die Figur von Daniel Kaluuya mit weit aufgerissenen Augen, von Tränen überströmt, in die eigenen Abgründe aus Angst und Schmerz sinkt. An diesem im Wortsinne versunkenen Ort herrscht das Unbewusste, ein Zustand vollkommener Dunkelheit und Machtlosigkeit, den Peele zu einer starken Metapher für das Erbe der Sklaverei machte. Mit Get Out verbrachte der Zuschauer zwei Stunden in dieser beklemmenden Unterwelt. 

Ähnlich beklemmend fühlt sich der neue Horrorfilm von Jordan Peele an. Wir handelt diesmal nicht explizit vom Rassismus in Amerika, aber der Thriller bietet, ähnlich wie der Keller in Get Out, Bilder für die dunklen Seiten des amerikanischen Traums und der conditio humana, die uns zwingen, in den Spiegel zu blicken und die Monster zu erkennen, die wir selbst geschaffen haben. Dann packt uns das Grauen wie Lupita Nyong'o, als sie ihre Doppelgängerin anstarrt und Tränen über ihr Gesicht strömen wie einst Daniel Kaluuya.

Die kenianische Schauspielerin spielt die Mittelschichtsmutter Adelaide Wilson, die zusammen mit ihrem freundlichen Ehemann Gabe (Winston Duke) und den beiden Kindern (Shahadi Wright Joseph und Evan Alex) für einen Sommerurlaub in die kalifornische Küstenstadt ihrer Kindheit zurückkehrt. Gabe möchte ein bisschen Zeit am Strand verbringen, obwohl Adelaide kein gutes Gefühl dabei hat: Vor 30 Jahren verirrte sie sich hier in dem Spiegelkabinett eines Rummelplatzes. Ein Trauma, das sie ihr Leben lang unterdrückt hat.

Ein kleines bisschen reicher

Am Strand trifft sich die Familie mit ihren Freunden, den Tylers (Tim Heidecker und eine urkomische Elisabeth Moss), einem weißen Ehepaar, das ein kleines bisschen reicher ist. Das Haus der Tylers ist größer, ihr Auto moderner, das Boot in besserem Zustand. Obwohl die Wilsons durchaus selbst den amerikanischen Traum leben, kann Gabe seinen Neid kaum verbergen. Bis hierhin scheint Wir auf einer ähnlichen Idee zu gründen wie Get Out, doch das eigentliche Geheimnis dieser Geschichte wird all Ihre Vorstellungskraft vermutlich übersteigen.

Es dauert nicht lange, bis die Wilsons eines Abends vier schattenhafte Gestalten in ihrer Einfahrt vorfinden. Gabe geht vor die Tür und bittet sie, zu gehen, aber die Fremden, die blutrote Overalls tragen und goldene Scheren mitgebracht haben, sind nicht gekommen, um Papier zu schneiden. Auf den zweiten Blick sehen die Eindringlinge aus wie die Wilsons, allerdings war ihr Dasein bislang von Elend geprägt. Jetzt sind sie gekommen, um das schöne Leben der Wilsons für sich zu beanspruchen. "Was seid ihr?", fragt Adelaide irgendwann ihre Doppelgängerin. Die flüstert mit kratziger Stimme: "Wir sind Amerikaner."

Das ist dieser Tage eine ziemlich gruselige Ansage. Get Out war eine Horrorsatire über einen schwarzen Mann, der versuchte, sein erstes Wochenende bei der Familie seiner weißen Freundin zu überleben. Während andere Regisseure nach ähnlichen Erstlingserfolgen versuchen würden, das Thema weiter auszuschlachten, verwendet Peele es in Wir lediglich als Grundlage für etwas weitaus Gewaltigeres. "Kommen Sie nicht ins Kino und suchen nach einem Film über Rassenbeziehungen in Amerika, denn das führt Sie in die Irre", sagt der Regisseur im Gespräch über seinen neuen Film. Zwar rückt er eine (wohlhabende) schwarze Familie ins Zentrum des Films, was nicht oft geschieht, aber Hautfarben sind nicht das Thema des Films. Sie sind sogar ziemlich nebensächlich. Was andererseits dann doch wieder einen Kommentar darstellt: dass die Norm in Amerika manchmal eben einfach schwarz sein kann.

Worum es geht, darauf verweist der Originaltitel Us besser als die deutsche Übersetzung Wir. Der meint nämlich nicht nur das kollektive "wir" oder "uns", sondern auch die USA selbst, die United States. Das kollektive us bezieht sich auf die menschliche Existenz mit ihren dunklen und hellen Seiten. Das amerikanische US bezieht sich auch auf die fehlgeleitete Angst dieses Landes. "Sei es die Angst vor dem Außenseiter, vor dem Ausländer oder vor dem Anderen", sagt Peele. "Wir sind eine Gesellschaft von Menschen, die mit dem Finger auf andere zeigen." Peele interessiert, wohin das führt: zu einer Angst vor Einwanderern, vor Terrorismus, vor allem. Und ganz egal, ob die Protagonisten weiß oder schwarz sind, es sind Menschen wie wir, die unsere Welt für manch andere zur Hölle gemacht haben.