Es ist ja so: Jeder, der schon einmal einen Weltuntergang mitgemacht hat, weiß, dass die Welt dann nur noch aus niederen Wirbeltieren und Matratzendiscountern besteht, deshalb leistet sich Hollywood ungefähr 284 Superhelden, um zumindest im Kino möglichst viele Weltuntergänge zu verhindern. Seit elf Jahren kann man die meisten dieser operettenhaft verpanzerten Gestalten in Marvels Actionfilmreihe Avengers antreffen, Filme, die etliche Zuschauerrekorde brechen. Im vergangenen Jahr, nach Avengers: Infinity Wars taumelten Kritiker geradezu knülle aus dem Kino, riefen elaboriertere Versionen von "Geil!" in ihre Zeitungen und empfahlen Shakespeare oder antike Dramen als Interpretationshilfe. Vor Endgame nun, dem vermutlich letzten Teil der Reihe, hieß es vorab ein letztes Mal: noch teurer (400 Millionen Dollar soll er gekostet haben), noch besser, noch mehr von Weißderteufel.

Das Organisationsprinzip des Films, abseits vom erzähltheoretischen Gewese über das angeblich so trickreich verknotete Marvel Cinematic Universe, ähnelt dem einer Shoppingmall: Hier sehen Sie einen McDonald’s, dort einen Starbucks, gegenüber der Burger King, ach, ein H&M, ja Donnerwetter, und dahinten ist diese Unterwäschekette, deren Namen man immer fünfmal lesen muss. Übersetzt hieße das: Iron Man, Thor, Black Widow, Hulk, Spiderman, Captain America, Black Panther, Captain Marvel, Hawkeye, Ant-Man, Dr. Strange und die Guardians of the Galaxy, alle auf einmal. Würde man vom offiziellen Poster  ausgehen, könnte man sagen, es sei nur der Film zum Plakat, auf dem sehr viel markenrechtlich geschütztes Gedränge herrscht.

Und würde man diesen Film mit den schlimmsten Absichten kritisieren, käme man wohl zum Schluss: Er ist zum Äußersten sentimental, albern, flach, infantil, unsinnig, voll juchzblödem Geknall und logischer Fehler, zu grell, zu bunt und außerdem viel zu lang. Vermutlich hätte man damit recht, wäre Avengers: Endgame trotz alledem nicht so entsetzlich sympathisch. In seinem Größenwahn, in seiner besinnungslosen Verschwendung von besinnungslosen Einfällen, seinem Verlangen, ein erheblich aus dem Leim gegangenes kosmisches Märchen erzählen zu wollen vom Universum, das vernichtet werden soll. Von Männern und Frauen, die es mit technoidem oder mystischem Schnickschnack retten. Und dass dazu halb Hollywood antanzt und sich bereitwillig oft zu nicht mehr als Gesichtern degradieren lässt, die kurzatmigere Dialoge führen als in jeder trostlos gewordenen Ehe, bloß heldenmütiger und mit weißgott mehr Kiefermuskelspannung. Außerdem, das darf man ja nicht vergessen, sind sprechende Waschbären immer sehenswert.

Der zerknitterte Muskeldämon auf seiner Veranda

Es ist die Gleichzeitigkeit von rührender Schlichtheit und dem Willen zum haltlos Pompösen, von Verzückungswunsch und Zerstörungswillen. Und wer das Kino ohnehin schon immer verachtet hat, kann sich freuen, dass das Kino in der Avengers-Reihe die Kapitulation vor dem Videospiel in mehrfacher Ausführung unterschrieben hat.

So gesehen haben also alle was davon, und das ist ohne größere Vorkenntnisse zu bewältigen: Am Ende des vorigen Teils hat Thanos über die Avengers gesiegt. Thanos (Josh Brolin), das muss man noch rasch wissen, ist ein zerknitterter Muskeldämon, der am liebsten in einem anderen Sonnensystem auf seiner Veranda sitzt und melancholisch auf den Garten und die Landschaft schaut. Weil es ihm aber zu voll wurde im Universum, stahl er die sechs Infinity-Steine, mit deren Macht er die Zahl der Lebewesen halbiert hat. Damit endete Infinity War, und zu Beginn von Endgame liegt nun eine lähmende Trauer über einer sehr leeren Welt: Iron Man (Robert Downey Jr.) hat sich in ein Blockhaus am See zurückgezogen, die ehemalige KGB-Agentin Black Widow (Scarlett Johansson) schmiert sich deprimiert Erdnussbuttersandwiches, ihre Haartönung wächst auch schon raus. Und in einer Selbsthilfegruppe sitzt Captain America, gespielt vom mit patriotischem Ernst stierenden Chris Evans, der wohl leider zu den unbegabtesten Schauspielern gehört, an die man sich in Hollywood noch erinnern will.