Agentterrorist heißt Deniz Yücels nächstes Buch, und schon der Titel ist typisch für den Stil des Redakteurs der Zeitung Die Welt. Damit veralbert er Recep Tayyip Erdoğan, den Kopf jener "Gangsterbande" (Yücel), die ihn im Februar 2017 hinter Gitter brachte, weil ihr die regierungskritischen Berichte des Türkei-Korrespondenten missfallen hatten. "Er wird niemals freikommen, solange ich in diesem Amt bin. Er ist ein Agent und Terrorist", wütete der türkische Präsident kurz nach der Verhaftung Yücels. Offenbar hatte sich Erdoğan auf die Schnelle nicht zwischen diesen zwei Schlagworten entscheiden können.

Seit 14 Monaten ist Yücel nun wieder frei – obwohl Erdoğan bekanntlich noch im Amt ist. Das Buch, das im Mai erscheinen soll, hat der seit seiner Entlassung aus der Haft vom Springer-Verlag freigestellte Journalist an einem geheimen abgelegenen Ort geschrieben. Hier hat ihn die Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay besucht. Das Ergebnis ist die 45-minütige Dokumentation Deniz Yücel. Wenn Pressefreiheit im Gefängnis landet, die die ARD in ihrer Reihe Die Story im Ersten zeigt. Gleich zu Beginn ist das Statement Erdoğans zu hören, das Yücel offenbar zu seiner Wortschöpfung inspirierte.

Atalay und ihre Kollegen Michael Höft und Astrid Reinberger rekapitulieren hier Yücels Haftzeit – und auch die Vorgeschichte seiner Verhaftung, die bis 2016 zurückreicht. Damals holt ihn sein Verlag per Dienstanweisung nach Berlin, weil bereits zu diesem Zeitpunkt die Gefahr besteht, dass Yücel in Haft kommt. Den Korrespondenten hält es aber nicht lange in Deutschland. "Er wollte unbedingt zurück", sagt Springers Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner im Film.

Ulf Poschardt bricht das Interview ab

Die Dokumentation greift auch noch einmal die Geschichte der außergewöhnlich breiten Solidarität für Deniz Yücel auf, die von der linken Wochenzeitung Jungle World bis zu Thomas Gottschalk reichte, der auf einer Free-Deniz-Lesung auftrat. Seine Freunde und Kollegen, die diese Unterstützung organisiert hatten, hätten sich keine Illusionen darüber gemacht, damit Druck auf die Türkei ausüben zu können, sagt Yücel gegenüber Atalay. "Der Adressat" dieser Solidarität sei vielmehr die Bundesregierung gewesen. 

Neben Yücel spricht Atalay mit zehn weiteren Personen, darunter gleich drei aus dem Hause Springer: Mathias Döpfner, der Yücel betreuende Welt-Redakteur Daniel-Dylan Böhmer sowie Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt-Gruppe. Der gibt als Leitartikler zwar stets den harten Hund, zeigt sich hier aber sozusagen von seiner weichen Seite. Als Atalay wissen möchte, wie es denn war, als die Redaktion erfahren habe, dass Yücel frei gekommen sei, wirkt Poschardt, als werde er von seinen Emotionen übermannt – jedenfalls bricht er das Interview an dieser Stelle ab.

Schröder will sich nicht äußern

Gar nicht reden wollte dagegen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der auf Initiative des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel im Fall Yücel als Vermittler agiert hatte. Als Atalay das erzählt, sieht man sie beim Telefonieren in einem lichtdurchfluteten Arbeitszimmer einer Altbauwohnung. Solche leeren Bilder sind zwar typisch für TV-Dokumentationen, aber ein Ärgernis sind sie jedes Mal aufs Neue – und bei politisch brisanten Themen stört derlei Firlefanz besonders.

Manchmal glaubt man, eine Spannung zwischen Atalay und Yücel zu spüren. Gefällt ihm eine Frage oder der Tonfall einer Frage nicht, bringt er das schon mal mit einer gewissen Genervtheit zum Ausdruck. Angesichts dessen, dass sein Chef Poschardt Yücel als "sturen Kerl" beschreibt, kann man sich durchaus vorstellen, dass er Leuten, die einen Film über ihn machen, auf den Zeiger gehen kann.