In den vergangenen Tagen und Wochen fragte man sich schon manchmal, ob eigentlich die ganze Welt verrückt geworden sei. Die New York Times begann, per Countdown die Sekunden herunterzuzählen bis zur ersten Folge der letzten Game-of-Thrones-Staffel. Ein Whiskyhersteller brachte eine Edition (ein Malt für jedes Herrscherhaus) heraus, und zu Ostern gibt es den Eisernen Thron als Eierbecher zu kaufen. Während Europa in den vergangenen Tagen einem No-Deal-Brexit entgegenzitterte, zählte für GoT-Fans nur eine Frage: Wer wird im finalen Kampf zwischen Menschen und Untoten siegen?

Am Sonntagabend nach amerikanischer Zeit (nach europäischer also tief in der Nacht) sendet der US-Sender HBO die erste Folge der finalen achten Staffel des Fantasyspektakels. Nur noch sechs Folgen wird es geben, die jedoch alle Spielfilmlänge haben werden. Dieser Staffelstart, und das ist nicht mal übertrieben, ist das am meisten erwartete Serienereignis der vergangenen Jahre. Allein der Trailer wurde bisher mehr als 54 Millionen mal auf YouTube aufgerufen. Wer es ernst meint mit GoT, wird – zumindest in Deutschland – am Montagmorgen einigermaßen derangiert ins Büro kommen und dort mutmaßlich viel Zeit in der Kaffeeküche mit Koffeinzufuhr und Reden verbringen.

Es soll allerdings auch Menschen geben, die eben an der Menschheit zweifeln angesichts dieser Hysterie um eine Show, die von Drachen, Hexen, Magiern, Eiszombies und einer Gruppe von verrückten Familien handelt, die wahlweise miteinander ins Bett gehen oder sich die Köpfe abschlagen.

So betrachtet kann man nach dem Konsum von bislang 67 Episoden durchaus kritisch hinterfragen, was man sich da in den vergangenen acht Jahren eigentlich angetan hat. Und noch mal darauf zurückblicken, wie es Game of Thrones geschafft hat, von einer Fantasybuchadaption zu einer der erfolgreichsten Fernsehserien weltweit zu werden, mit einem Budget von inzwischen 15 Millionen US-Dollar pro Episode und einer riesigen Fanschar, die Drehorte wie Dubrovnik in Massentourismusziele verwandelt hat.

Als HBO die erste Staffel von Game of Thrones am 17. April 2011 in den USA auf den Bildschirm brachte, war der Pay-TV-Sender noch der unangefochtene König der gehobenen Unterhaltung. Netflix hatte damals zwar gerade angekündigt, nun auch selbst eine Serie produzieren zu wollen. Doch House of Cards sollte erst im Frühjahr 2013 neue Maßstäbe setzen, dank Streaming vor allem im Hinblick auf die damals noch recht neue Kulturtechnik des Binge-Watchings. Man saß sich gerade erst warm auf den Sofas der Welt zu Serienmarathons, fortan ohne weiter DVDs wechseln zu müssen.

Rückblickend wirkt das Jahr 2011 – zumindest in der westlichen Welt – politisch wie eine Zeit, in der noch einigermaßen Normalbetrieb herrschte. Barack Obama war in seinem dritten Amtsjahr, hatte gerade mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew ein historisches Atomabrüstungsabkommen abgeschlossen und die letzten US-Kampfverbände aus dem Irak abberufen. Der Arabische Frühling war noch mit Hoffnungen verbunden, der Konflikt in Syrien begann gerade erst und war noch weit von einem Stellvertreterkrieg entfernt, der Millionen Menschen betreffen würde.

Man konnte sich als Zuschauerin und Zuschauer also relativ unschuldig an den Ränkespielen der Herrscherhäuser Stark, Lannister und Targaryen erfreuen. Die TV-Adaption von George R. R. Martins Fantasyromanzyklus Das Lied von Eis und Feuer schien zudem den Vorteil zu besitzen, dass sie nicht so leicht von der Realität eingeholt werden konnte. Sie zog ihre Referenzen aus der Geschichte, unter anderem aus der Historie des britischen Königreichs. Mit der fiktionalen Präsidentenserie House of Cards ging es erzählerisch abwärts, als 2016 Donald Trump gewählt wurde und die Realität plötzlich alle Fiktion absurd erschienen ließ. Game of Thrones hingegen traf der im selben Jahr per Referendum beschlossene Brexit nur insofern, als dass von da an GoT-Vergleiche in die Politikberichterstattung über Großbritannien einsickerten.

Fantasy nur als Köder

Ein bisschen Landschaft muss auch dran glauben, wenn die fliegenden Massenvernichtungswaffen im Einsatz sind: Ein Drache feuert los in der Episode "Spoils of War" in der siebten Staffel von "Game of Thrones". © 2017 HBO

Die größte Leistung der Serienmacher David Benioff und D. B. Weiss war, dass sie es schafften, eine sehr heterogene Mischung an Zuschauerinnen und Zuschauern für ein Genre zu interessieren, das bis dahin der Sorte jungen Männern vorbehalten schien, die gemeinhin als mit großer Weltfluchtsehnsucht ausgestattet gelten und mit nur geringer Sozialkompetenz: Fantasy. Game of Thrones benutzte Fantasy aber nur als Köder für einen wilden Genremix.

Wer House of Cards oder Veep mochte, brauchte ein gewisses Faible für den Politbetrieb, wer The Walking Dead schaute, durfte kein Problem mit brutalen Zombieszenen haben. Wer Herr der Ringe guckte, brachte höchstwahrscheinlich eine gewisse Fantasy-Affinität mit. Game of Thrones vereinte all diese Fangruppen in einem riesigen Plot: Hier wurden zahlreiche politische Systeme und Kriegsszenarien kühl erörtert, in Sachen Brutalität und Zombies konnte es die Serie locker mit The Walking Dead aufnehmen. Untote gab es zuhauf, wie auch an Kitsch grenzende Fantasyszenen mit Drachen und Fabelwesen. Indem die Serie jedoch elegant zwischen diesen Strängen hin- und hersprang, machte sie den Inhalt für viele Zuschauergruppen attraktiv. Ja, Game of Thrones ist wohl das letzte TV-Lagerfeuer, um diesen aussterbenden Begriff noch einmal zu bemühen. Es wird schwer werden für HBO und seine Konkurrenten, noch mal ein vergleichbares zu entfachen.

Heute, nur acht Jahre später, wäre ein solcher Erfolg kaum mehr denkbar. Schon die erste Episode Winter is coming würde zu Recht unter Rassismus- und Seximusvorwürfen begraben. Da wird das zarte, blonde Prinzesschen Daenerys an den dunkelhäutigen Anführer eines Reiterstamms zwangsverheiratet. Die Dothraki gelten als "Wilde", die systematisch die Frauen ihrer unterlegenen Gegner vergewaltigen; und auch Daenerys wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemann brutal entjungfert. Aber, und das ist eben auch das System Game of Thrones: Dieselbe Daenerys wird sich im Laufe der Staffel von der sexuell unter- zur überlegenen Protagonistin entwickeln, ihren Mann überleben und am Ende als Königin der Drachen der Asche entsteigen. Allerdings nackt, zugegebenermaßen.

Über die bislang sieben Staffeln entwickeln sich Daenerys, Sansa Stark und die Königsmutter Cersei Lannister von personifizierter Heiratsmasse zu Herrscherinnen. An ihren Kostümen kann man die Emanzipation ihrer Trägerinnen gut ablesen. Am Anfang der Serie trägt Cersei mittelalterlich-weibliche Wallegewänder, nur ein eiserner Gürtel signalisiert einen gewissen Machtanspruch; Daenerys ist stets nur mit dem Nötigsten umhüllt, sie ist auch die am häufigsten nackt gezeigte Figur in der Serie. Je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr verschließen sich die Frauen in einer Art Rüstung, verhärten sich Haltung und Gesichtsausdruck.

Dass sich nicht nur die Kleidung, sondern das Frauenbild generell in Game of Thrones verändert hat, ist auch dem Einfluss der wachsenden (weiblichen) Zuschauerschaft geschuldet. In Fanforen wurden schon immer Szenen angeprangert, die besonders explizite Nacktheit und Demütigung von Frauen zeigten, auch wenn es in der Buchvorlage nicht so explizit beschrieben wurde. Die Journalistin Sara David hat sich die Mühe gemacht und in einem detaillierten Datenprojekt für die US-Website Broadly die Anzahl von Nacktszenen pro Episode und Staffel zusammengezählt, zudem die versuchten und vollendeten Vergewaltigungen.

Visuelle Effekte - So entstehen die Effekte aus "Game of Thrones" Viele der Landschaften, Städte und Heere aus der Erfolgsserie werden am Rechner in Stuttgart erschaffen. Wir zeigen wie.

Als in der vierten Staffel Cersei Lannister von ihrem Zwillingsbruder Jaime am Sarg ihres gemeinsamen Kindes vergewaltigt wird (auch das eine Szene, die nicht in Martins Büchern vorkommt), schrieb Dave Itzkoff auf der Titelseite der New York Times: "Vergewaltigung ist so allgegenwärtig geworden in diesem Drama, das sie fast schon zum Grundrauschen geworden ist: ein üblicher und nicht mehr schockierender Vorfall." Die größte Rage unter den Zuschauerinnen löste schließlich eine Szene in der fünften Staffel aus, in der Sansa Stark von ihrem Ehemann Ramsay Bolton (dem Obersadisten in einer an Sadisten nicht armen Serie) vor den Augen ihres Kinderfreundes in der Hochzeitsnacht missbraucht wird. Die Episode Unbowed, Unbent, Unbroken wurde vom US-Kritikerportal Rotten Tomatoes als mit Abstand schlechteste Game-of-Thrones-Folge überhaupt gewertet.

Interessant ist, dass daraufhin Staffel 7 die erste der Serie war, in der keine Vergewaltigung mehr vorkam. So wie auch die Anzahl der Nacktszenen auf nur sechs sank (in der ersten Staffel waren es fast 30). Und: Es waren nun genauso viele Männer wie Frauen unbekleidet zu sehen.

Keine Geschichte des Empowerments

Eine der kämpferischen Frauen von "Game of Thrones": Die Ritterin Brienne von Tarth (Gwendoline Christie) hat nur eine Schwäche – Jaime Lannister. © 2013 HBO

Es ginge jedoch zu weit, Game of Thrones nun als eine einzige Geschichte des female empowerment zu betrachten. Wie Stephanie Cruz auf medium.com zutreffend schreibt, erlangen auch die mächtigsten Frauen in der Serie ihre Ziele nur durch die Hilfe findiger oder starker Männer, die sexuell an ihnen interessiert sind. Im Falle der Queen of Dragons Daenerys sind es zudem letztlich nur die besagten Drachen, die ihr Macht und Respekt verschaffen.

Dennoch hat die Serie für eine Fantasyproduktion erstaunlich viele starke Frauenfiguren zu bieten. Der Romanautor George R. R. Martin hat ein Personal aufgestellt, mit dem sich viele Mädchen und Frauen identifizieren können. Mit Daenerys gibt es die klassische Prinzessin mit Fabeltier; mit Sansa die leidende Königstochter, die wie im Märchen durch harte Prüfungen gehen muss; mit Arya den Tomboy, das Mädchen, das sich in Jungenklamotten Bildung und Kampfkunst aneignet. Cersei ist die kämpferische Mutter mit Machtanspruch, Melisandre die weise Frau, Hexe und Kassandra, und Brienne von Tarth schließlich die edle Ritterin mit romantischem Gemüt. All diese Frauen werden sowohl am Tiefpunkt ihrer Existenz als auch auf dem Höhepunkt ihrer Macht gezeigt. Meist in genau dieser Reihenfolge. Diese Figurenentwicklung ist in Game of Thrones – bis auf einige Ausnahmen – tatsächlich vor allem den weiblichen Charakteren vorbehalten. Die Männer gehen großenteils vorher auf dem Schlachtfeld drauf oder werden hinterrücks gemeuchelt. Gerne auch von Frauen.

Umgekehrt sind es vor allem in den bisher letzten beiden Staffeln der Serie Männer wie Jon Snow oder Tyrion Lannister, die erschöpft scheinen von den ewigen Schlachten und versuchen, die Dinge zivilisierter zu klären. Es gehört zur Ironie der Fantasygeschichte, dass am Schluss eher die beiden selbst erklärten Herrscherinnen Daenerys und Cersei jegliche Hemmungen verlieren, Abertausende von Kriegern in Schlachten zu verheizen.

Damit nun auch zum letzten, nicht wegzuredenden Kritikpunkt der Serie: So sehr die herabwürdigenden Sex- und Nacktszenen zurückgegangen sein mögen, so sehr ist die Zahl der Toten gestiegen. Game of Thrones gilt nicht zu Unrecht als die Serie, die ohne Rücksicht auf Verlust ihr Personal vernichtet, so beliebt es im Einzelfall beim Publikum auch sein mag. Während in der ersten Staffel nur 59 Figuren starben (auch das bereits ein gewaltiger body count), verzehnfachte sich diese Zahl in der sechsten Staffel, in der siebten waren es dann weit über 1.000.

Dieser Anstieg hängt offenkundig damit zusammen, dass das Budget der Serie mit der Zuschauerzahl anwuchs und steigenden Truppenverschleiß in zunehmend größer dimensionierten Schlachten erlaubte. Die wurden an immer exotischeren Orten, mit immer mehr Komparsen, mit immer aufwendiger animierten Drachen und mit überhaupt immer mächtiger werdender Tricktechnik produziert.

Die Kämpfe in den ersten Episoden der Serie nehmen sich beinahe schon putzig aus gegen die Schlachtengemälde, die der Regisseur Miguel Sapochnik in den Episoden Hardhome und Battle of the Bastards inszenierte. Während Hardhome den ersten großen Kampf zwischen Menschen und Untoten abbildet, geht es in der "Schlacht der Bastarde" um die Entscheidung zwischen dem größten Sympathieträger der Serie, Jon Snow, und ihrem größten Widerling, Ramsay Bolton. Zugleich stellt diese Schlacht aber auch eine Umkehr im Denken der Machthaber dar. Snow ist bereits kriegsmüde, als er in diesen Kampf zieht, und der Zuschauer wird mit ihm in einen unübersichtlichen Strudel von Menschenleibern, Fetzen, Schwertern, Blut und Geschrei mitgezerrt: ein Antikriegsfilm auf dem Fernsehbildschirm.

In der achten Staffel nun, so viel ist seit der letzten Szene der siebten klar, wird alles auf die letzte Entscheidungsschlacht hinzulaufen. Die findet statt zwischen dem Nachtkönig und seiner Armee der Weißen Wanderer und Untoten einerseits und der Allianz der guten Menschen um Daenerys und Jon Snow andererseits. Dann wird es zu Ende sein, so oder so.

Wer weiß, ob diese Serie um wahnsinnige Herrscher und arrogante Kindkönige genau so treuherzig rezipiert worden wäre, hätte sie in der Ära Trump begonnen. Allein die Mauer, die den Norden der sieben Königreiche vor den sogenannten Wildlings schützen soll, hätte eine ganz andere Konnotation erhalten.

Und so darf man den finalen Hype um die letzten sechs Episoden von Game of Thrones vielleicht auch als einen wehmütigen Abschied vom unschuldigen Zusehen werten. Denn der defätistische Ausdruck Valar Morghulis ("Alle Menschen müssen sterben"), der für die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens in der fiktiven Welt von Game of Thrones steht, ist mehr und mehr zum Symbol der realen Gegenwart geworden.

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Die achte Staffel von "Game of Thrones" läuft in der Nacht vom 14. auf den 15. April um circa 3 Uhr auf Sky Ticket, Sky Go und Sky Q parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO und anschließend auf Abruf sowie am 15. April um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic. Die sieben bisherigen Staffeln sind auf den meisten Streamingplattformen abrufbar, unter anderem bei Amazon, Sky, maxdome, Sony und iTunes.

Korrektur vom 14. April: In dem Satz "Wer 'Herr der Ringe' guckte, brachte höchstwahrscheinlich eine gewisse Fantasy-Affinität mit" - hieß es zuvor "Science-Fiction-Affinität".