Zuallererst schmeichelt sich diese wunderbare Stimme in die Erinnerung. Dieser sinnliche, zugleich tiefe und weiche und vor allem ewig junge Klang von Hannelore Elsners Timbre, während sie ganz furchtlos mit dem Alter spielte, als wolle sie seine Wirkung auskosten, es für sich selber und alle anderen ergründen. Mit dieser Stimme verführte sie Männer, bezauberte sie Frauen, überführte sie als Kommissarin Mörder. Mit ihr konnte sie Gedichte auf eine Weise vortragen, dass sich deren Sinn auf ganz neue Weise erschloss, mit ihrer Stimme machte sie innere Monologe plastisch, sprach Hörbücher ein, erzählte Geschichten. Mit ihrer Stimme modellierte Hannelore Elsner Sprache ganz sorgsam in allen Höhen und Tiefen. 

Im Hochsommer 1942 in Burghausen geboren, fand Hannelore Elsner ihre Begabung zur Schauspielerei schon in sehr jungen Jahren. Es wurde ein Drang. Nach einer Jugend, die häufig mit  "schwierig" umschrieben wurde, in wechselnden Schulen und Internaten wurde sie in den späten 1950er Jahren von der Straße weg entdeckt von einem türkischen Regisseur, dessen Namen sich in ihrer Filmografie heute nicht mehr finden lässt. Sie besuchte eine Schauspielschule, spielte zunächst auf dem Theater und dann auch bald im Fernsehen und fürs Kino, mit siebzehn neben Freddie Quinn und Gustav Knuth in Freddie unter fremden Sternen.

Im Weltkino waren die späten Fünfziger und frühen Sechziger keine schlechte Zeit. Hannelore Elsner träumte damals von der französischen Nouvelle Vague, bewunderte Schauspieler wie Oskar Werner und Romy Schneider, musste aber in Deutschland seichte Unterhaltungsfilme mit Joachim Kulenkampff, Ruth Leuwerik und mit dem normannischen Kleiderschrank Curd Jürgens drehen, mit Beppo Brem, Georg Thomalla und Peter Alexander. Sie war, nein, sie wurde festgelegt auf die leichte Muse, die schon aus den Filmtiteln herausklang wie Zum Teufel mit der Penne und Die Lümmel von der ersten Bank, Allotria in Zell am See oder Tante Jutta aus Kalkutta.

Ein bisschen zu schön vielleicht

Vielleicht sei sie ein bisschen zu schön gewesen, um im Nachkriegsdeutschland ernst genommen zu werden, vermutete sie später rückblickend. Nur der als Reporter geschulte Regisseur Will Tremper ermöglicht ihr 1963 eine andere Wahrhaftigkeit, mit dem am Flughafen Tempelhof gedrehten Film Die endlose Nacht. Darin spielte sie ein Starlet, das auf einem schmalen Grat zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Verführung und Verzweiflung schlingert, und lässt zum ersten Mal die große und mutige Schauspielerin aufschimmern.

In den Siebziger Jahren folgen ambitionierte Filme mit Edgar Reitz und István Szabó, doch wirklich freisetzen wird dieses Talent erst Jahrzehnte später der Regisseur Oskar Röhler, der ihr nach 15 Jahren Leinwandabstinenz die tragische Geschichte seiner überdrehten, verzweifelten, labilen Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner anvertraute. Die Unberührbare ist ein wilder Tanz am Abgrund, den sie da als Hanna Flanders vollführt, mit großer Geste und wild tanzend  im mondänen Dior-Mantel, mit ausladend schwarzem Pagenfrisurhelm und dicken Trauerrändern um die Augen. Aber auch durchscheinend und verletzlich, wenn sie zwei Zigaretten gleichzeitig raucht, dazu ein Weinglas, den Telefonhörer und ein Arsenfläschchen in den Händen hält, einen Moment lang herzzerreißend verletzlich, im nächsten wieder abstoßend zerrüttet. Premiere in Cannes, der bayerische und der deutsche Filmpreis – Die Unberührbare war ein später Triumph und ein furioser Start ins Spätwerk.