Überhaupt steckt in diesem van Gogh viel von Julian Schnabel, von all den Fragen, die ihn seit Jahren als Künstler umtreiben. Wie in einer Doppelbelichtung legen sich die beiden Künstler übereinander. In gewisser Weise wird van Gogh zum Medium, das Schnabel nutzt, um sich mit all den Fragen zu beschäftigen, die ihn als Künstler umtreiben, um über das Wesen der Kunst und die Wahrnehmung des Künstlers nachzudenken und über das Verhältnis von Realität zu Kunst. Viele der Sätze, die Schnabel van Gogh (oder dessen Künstlerfreund Gauguin) in den Mund legt, stammen von ihm selbst. "Bei der Vorführung des Films im MoMA saß ich neben Francesco Clemente, und er lachte, weil da lauter Sätze vorkommen, die ich zu ihm gesagt habe: 'Ein schwieriger Raum, zu viele Arbeiten, man kann nichts mehr sehen', das habe ich zu ihm gesagt. Oder wenn van Gogh über Monet sagt: 'Du musst dich für die Arbeiten bedanken, die du liebst. Vielleicht magst du nicht alle, aber die, die du magst, sind ein Geschenk', dann ist das meine Wahrnehmung, die auch van Goghs sein könnte. Ebenso wie: 'Wenn ich male, höre ich auf, zu denken', oder: 'Ich werde zu einem Teil von allem, das in mir und außerhalb von mir ist.' Und wenn van Gogh sagt: 'Ich male mit meinen Fähigkeiten und meinen Fehlern', dann stimme ich dem absolut zu."

Was den Künstler Schnabel als Regisseur interessiert, ist die Wahrnehmung. Mit jedem seiner bisherigen Filme katapultierte er den Zuschauer in die sehr subjektive Weltsicht eines Helden, angefangen bei Basquiat über den kubanischen Schriftsteller Reinaldo Arenas in Wenn es Nacht wird und am extremsten 2010 in Schmetterling und Taucherglocke über den Redakteur Jean-Dominique Bauby. Nach einem Schlaganfall war er mit dem Locked-in-Syndrom in einem gelähmten Körper gefangen und diktierte seine Lebensgeschichte per Wimpernschlag. Der Film kann als direkter Vorläufer von Van Gogh gelten, bei dem er es mit der subjektiven Weltsicht noch etwas weiter getrieben hatte, um die extrem eingeschränkte Sichtweise von Bauby sinnlich nachvollziehbar zu machen: "Eine Blende hätte völlig mechanisch gewirkt, ein viel zu klarer Wechsel von schwarz zu weiß. Wenn Sie in der Sonne durch ihre Augenlider schauen, dann sehen Sie ein dunkles Fliederlila, weil das Licht durch das rote Blut der Lider scheint. Also dachte ich darüber nach, wie ich diesen Effekt herstellen kann, und habe dann einfach nur meine Finger vor die Linse gehalten."

Man spürt, wie sehr die überhöhte visuelle Wahrnehmung des Künstlers den Blick des Regisseurs prägt und wie seine künstlerische Imagination auch die Filme speist. "Die Wahrnehmung eines Menschen ist nicht so gestochen scharf wie ein Foto im Life Magazine. Ich trage beispielsweise eine Brille, die bewirkt, dass Dinge, die außerhalb des Blickfeldes liegen, einen anderen Fokus haben als die innerhalb. Wenn ich Sie anschaue, dann sieht das ganz anders aus als das, was Sie heute früh im Spiegel gesehen haben, als Sie prüften, ob Ihr Haar korrekt gekämmt und der Lippenstift richtig aufgetragen ist. Ich sehe die braune Wand hinter Ihnen, das Licht, das von der Seite auf Ihre Bluse scheint ... In der Wirklichkeit nehmen wir alles subjektiv wahr, und ich wollte erreichen, dass der Zuschauer wirklich mit van Goghs Augen sieht, für die Dauer des Films in seine Haut schlüpft." Also hat er dafür gesorgt, dass in Van Gogh der untere Bildrand im Blick des Malers unscharf ist. Dafür hat er eigens eine Kameralinse herstellen lassen mit zwei unterschiedlichen Tiefenschärfebereichen.

Mit 37 ziemlich ausgemergelt

Wie bewusst subjektiv Schnabel an seine Filme herangeht, spiegelt sich auch darin wider, dass er die Hauptrolle mit Willem Dafoe besetzt hat, einem Darsteller, der mit seinen 63 Jahren sehr viel älter ist als der bereits mit 37 verstorbene Maler. Sicher wäre es viel leichter gewesen, den Film zu finanzieren, wenn Schnabel für die Rolle einen deutlich jüngeren Schauspieler vorgesehen hätte. Doch Schnabel beharrte. "Wir kennen uns schon seit 30 Jahren, sind befreundet, vertrauen einander, ich wusste einfach, dass er die nötige Charaktertiefe hat", sagt er. "Außerdem ist Willem extrem physisch und in großartiger Form, wohingegen van Gogh mit 37 schon ziemlich ausgemergelt war. Damals lag die Lebenserwartung bei 42, jetzt liegt sie bei 82 – ich würde also sagen, proportional sind die beiden exakt gleich alt. Aber so rational habe ich gar nicht darüber nachgedacht." Schnabel sollte recht behalten. Für seine intensive Art, sich dem Maler nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich anzuverwandeln, wurde Willem Dafoe weltweit für zahllose Preise nominiert, darunter auch für Golden Globe und Oscar. Und auf dem Filmfestival in Venedig wurde er mit der Coppa Volpi als bester Schauspieler geehrt.

Die größte Krux der meisten Künstler-Biopics liegt allerdings in der Darstellung des kreativen Akts selbst. Wenn Schauspieler künstlerische Prozesse imitieren oder haareraufend Geistesblitze darstellen wollen, kann das schnell zur Karikatur werden. Da hilft es spürbar, wenn das von jemandem inszeniert wird, der weiß, wovon er erzählt und im Zweifelsfalle sogar mit den Techniken helfen kann: "Willem und ich kennen uns seit 30 Jahren", sagt Schnabel. "Ich habe ihn schon gemalt, er war bei mir, während ich malte, ihm ist die Arbeit vertraut. Zur Vorbereitung für den Film haben wir einfach zusammen gemalt. Ich habe ihm gezeigt, wie man einen Pinsel hält, wie man Farben anmischt, wie man sie aufträgt, wie man die Staffelei zusammenbaut, bis alle Handgriffe ganz natürlich aussehen." Wie bringt man jemandem bei, zu malen? "Man sitzt davor und sagt: 'Schau dir das an! Versuch nicht, das ganze Ding zu malen! Mal nicht den Baum, sondern schau dir nur an, wo das Licht auf den Baum trifft, nur diese eine leuchtende Form. Und dann mal die andere helle Form, ein bisschen tiefer. Siehst du die dunkle Form in der Mitte? Okay, mal die!' Nach einer Weile wird die Akkumulation all dieser Dinge wie ein Baum aussehen. Man sieht, wie er es macht, und man glaubt ihm, weil er wirklich malt." Gelegentlich hat Schnabel dennoch selbst zum Pinsel gegriffen: Wenn ein Bild des Art departments zu schlecht war oder wenn eines der Selbstporträts ganz sachte mit der Physiognomie von Willem Dafoe abgestimmt werden musste.

Am Ende bleibt noch die Frage, ob es weitere Künstler gibt, denen sich Julian Schnabel ähnlich verbunden fühlt wie van Gogh? "Das ist schwer zu sagen, ich habe jetzt so viel Zeit mit ihm verbracht", sagt Schnabel. Dann fügt er hinzu: "Aber Caravaggio ist jemand, den ich sehr schätze. Caravaggio und Goya." Zweifellos gute Filmstoffe!