Den Polizeiruf unterscheidet vom Tatort nur der Vorspann. Der aktuelle ist von betrüblicher Lieblosigkeit, dabei war das Intro in den ersten gut 20 Jahren der Reihe zweifellos schmissiger (auch wenn an ihm anders als beim Tatort mehrfach rumgeändert wurde). Ein besonderer Höhepunkt im Polizeiruf-Vorspann ab Anfang der Achtzigerjahre: der Volkspolizei-Hubschrauber, mit dem Hauptmann Fuchs (Peter Borgelt) in den Einsatz fliegt – schweres Gerät, das entsprechend stolz vorgezeigt wurde.

An diese legendären Bilder kann denken, wer im Rostocker Polizeiruf: Kindeswohl (NDR-Redaktion: Daniela Mussgiller) nun Pöschi (Andreas Guenther) sieht, wie er auf dem Flugplatz zu einem Hubschrauber eilt, um Anweisungen für die Suche nach zwei vermissten Jugendlichen zu geben. Für ein paar Augenblicke bricht der Imagefilm in die Fiktion ein – es geht hier mehr um den Stolz, vorzeigen zu können, was so ein ARD-Sonntagabendkrimi alles in Bewegung setzen kann, als darum, die Geschichte voranzubringen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die beiden Gesuchten sind der Bukoff-Sohn Samuel (Jack Owen Berglund) und dessen gewalttätiger Freund Keno (Junis Marlon). Keno hat beim Ausbüxen aus einem Kinderheim den Leiter Stig Virchow (Matthias Weidenhöfer) erschossen und will nun in Begleitung von Klein-Bukoff nach Polen, wo ein Ex-Heimkollege auf einem Hof untergebracht ist.

Das ist auch schon die schlichte Geschichte von Kindeswohl. Besonders spannend wird der Polizeiruf nie. Was daran liegt, dass er nicht nur Kriminalfilm sein darf, sondern nebenher von strukturellen Problemen im Geschäft mit der Jugendfürsorge erzählen soll. "Derzeit leben etwa 850 Kinder aus Deutschland in Pflegefamilien im europäischen Ausland", heißt es in einem nachdenklich-mahnenden Insert am Ende, das ein Motiv des Films als gesellschaftlichen Missstand bedeuten will (Kenos Freund geht es bei der polnischen Pflegefamilie nicht gut, dank derer der Kinderheimträger aber ordentlich Geld verdient).

In Wahrheit ist die nachgereichte Information eine Kapitulation vor den Möglichkeiten fiktionalen Erzählens: Wäre der Film packend, müsste ihm das Faktische nicht extra Gewicht verleihen (Drehbuch: Christina Sothmann, Lars Jessen). Genre-Theoretiker könnten freilich anmerken, dass diese Form von "Thematisierung" seit geraumer Zeit den ARD-Sonntagabendkrimi charakterisiert.

Dabei hält der Film nur den großen Zeh ins Meer des Systemischen. Das Geflecht besagter Jugendfürsorge wird oberflächlich beschrieben. Mit der mit Keno fühlenden Betreuerin steht eine Rolle bereit, die Christina Große schon häufig gespielt hat. Als Antagonistin soll Anna Brüggemanns kühle Virchow-Witwe fungieren, die als Geschäftsführerin zuerst am Geschäft interessiert ist (und nicht an der Erziehung der Kinder aus problematischen Verhältnissen). Die Konstellation unter den verschiedenen Kräften im Heim und bei der zuständigen Behörde lässt den Konflikt nur erahnen. Als hoffnungsvolles Nachwuchstalent empfiehlt sich dagegen Jan "Monchi" Gorkow, der Sänger der beliebten Band Feine Sahne Fischfilet, der als ein Erzieher im Heim auftritt.

Kindeswohl ist aber auch deshalb eine der schwächsten Rostocker Folgen (Regie: Lars Jessen), weil die Ermittlung ohne Lust an Details entworfen ist. Die Jungen sind auf der Flucht, die Polizei ist hinter ihnen her, aber wenn eine Streife an einer Bushaltestelle junge Menschen kontrolliert, dann hat sie nur Augen für eine größere Gruppe – Keno und der Bukoff-Sohn, die etwas weiter links neben dem Schild mit dem Fahrplan stehen, können sich auffällig entfernen, ohne eines Blicks gewürdigt zu werden.

Der Stil von Kindeswohl gefällt sich in einer – durchaus gekonnten – melancholischen Inszenierung von Verlorenheit. Es ist Winter in diesem Deutschland, und es gibt tolle Aufnahmen von Raststätten und pittoresk verfallenen polnischen Höfen (Kamera: Kristian Leschner). Der wiederholte Einsatz von Drohnen, die über verschneite Waldlandschaften ziehen, erscheint derweil ähnlich unmotiviert wie die zur Hälfte angeschnittenen Gesichter in Köln vergangene Woche.

Abgehauen: Keno (Junis Marlon, r.) und Bukows Sohn Samuel (Jack Owen Berglund, l.) © NDR/Christine Schroeder

Und vor allem fällt dem Film wenig ein, was er mit dem Potenzial seines so tollen Stammpersonals machen könnte. Dabei sind etwa die schroffen Abkürzungen, die das unmittelbare Spiel von Charly Hübner nehmen kann, etwas Kostbares. Gerade in der Auseinandersetzung mit Frau König (Anneke Kim Sarnau). Oder dem Konflikt mit Everybody's Volker (Josef Heynert), dem neuen Lover seiner Noch-Frau Vivienne (Fanny Staffa). Der eine kommt aber kaum vor, und die andere muss als Aufpasserin von Bukoff herhalten.

Dass der Kommissar in einem Fall, in den sein eigener Sohn verwickelt ist, nicht ermitteln dürfte, führt hier nur zu einem merkwürdigen Auftritt von Chief Röder (Uwe Preuss). Der erklärt Frau König (eigentlich: dem Publikum – und das lässt es so aufgesagt wirken), warum der Umstand der Befangenheit keine Rolle spielt: "Frau König, Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass sich Bukoff nicht fernhalten lässt."

Wenn Kindeswohl eine ärgerliche Folge ist, dann ist sie das immer noch auf gehobenem Niveau (im Vergleich mit anderen ARD-Sonntagabendkrimis). Und der Ärger ist wie immer das Leiden daran, wie dieser so spezifische Schauplatz seine Möglichkeiten an den Dienst nach Vorschrift verschenkt.