Spiel mit Realität und Fiktion: Szene aus "Antiporno" © One Filmverleih

Die große Zeit der Romanpornos endete an der Schwelle zu den Achtzigerjahren. 2017 beauftragte das Nikkatsu Studio dann fünf Regisseure damit, unter gewissenhafter Berücksichtigung der formalen Vorgaben neue Filme zu drehen; darunter auch Sion Sono. Er hat den Auftrag dazu genutzt, sich mit dem Verhältnis von Authentizität und Fiktion, zwischen "echtem" und "vorgetäuschtem" Begehren zu befassen; jede Einstellung in seinem Antiporno stellt das Vertrauen der Betrachter und Betrachterinnen infrage, ob das, was sie sehen, einer wahrhaften Empfindung entspricht oder einer Fälschung oder einer wahrhaften Einfühlung in eine gefälschte Empfindung.

So kommentiert das "Cut!" am Ende der eingangs erwähnten Eröffnungssequenz nur scheinbar den Schnitt der gequälten Assistentin durch ihre Pulsadern. In Wahrheit handelt es sich um eine Regieanweisung: Wir befinden uns, wie wir nunmehr erfahren, am Dreh eines Softpornofilms, und der erzürnte Regisseur hat den Take abgebrochen, weil er mit den darstellerischen Leistungen der Hauptfigur (Ami Tornite) überaus unzufrieden ist.

Bei dieser handelt es sich um eine unsichere Debütantin, während die Assistentin (Mariko Trutsui) ein berühmter Pornostar ist. Jenseits der Handlung, in der realen Welt, kehrt sie den Spieß und also das Verhältnis zwischen Dominanz und Submission um. Sie lässt sich von ihrer fiktiven, aber real gerade gedemütigten Herrin zunächst die Füße und Beine abschlecken und später auch noch andere erogene Zonen ihres Körpers.  

So wechselt der Film in seiner zweiten Hälfte fortwährend zwischen Realität und Fiktion; er zeigt Menschen in Rollen in einem Film, und er zeigt Menschen, die, wenn sie jenseits des Films diese Rollen nicht spielen, sich in anderen Rollen zueinander verhalten, die ähnlich fiktiv sind und ähnlich aufgeladen mit Dominanz und Submission. In dramaturgischen Schleifen kehrt die Geschichte in immer kürzeren Abständen zu den prägnanten Szenen der Eingangssequenz zurück; aber jedes Mal haben sich die Herrschafts- und Begehrensverhältnisse zwischen den handelnden Figuren geändert; alles schwimmt, alles treibt; niemand hier kann sich seiner Position sicher sein und auch nicht des erotischen Bildes, das sich die anderen Figuren von einem und einer machen. Unentwegt ändern sich die Strukturen des Begehrens und die Herrschaftsverhältnisse, die sich aus diesen Strukturen ergeben. Dass Sex und Begehren nicht vorstellbar und darstellbar sind ohne die Kategorie der Herrschaft – diese Botschaft bildet das Fundament der Geschichte.

Manches daran kann man schematisch finden, etwa die Film-im-Film-Idee oder auch die Beflissenheit, mit der Sion Sono im Verlauf der in Schleifen vorantrudelnden Story sämtliche Phasen der Libidobildung von der frühen Kindheit bis zur Adoleszenz wie in einem Freud- (oder genauer vielleicht: Melanie-Klein-) Seminar durchexerziert – auch die Beobachtung der eigenen Eltern beim Geschlechtsverkehr spielt selbstverständlich eine Rolle. Gleichwohl ist die Präzision fantastisch, mit der er in jeder einzelnen Einstellung, in jeder einzelnen Pose, bei jedem nur scheinbar nachlässig verrutschten Kleidungsstück den Fake und die Authentizität ineinander verschränkt; und das heißt auch: dass es in diesem Antiporno kein Objekt des sexualisierenden Blicks gibt, das diesen Blick nicht zugleich affiziert und abperlen lässt. 

Eine sonderbare Nicht-Erotik beherrscht noch die explizitesten Bilder und stachelt die Fantasie dadurch umso drastischer an. Alles in diesem Film ist ernüchternd und abweisend, und dennoch lässt sich beim Betrachten kein Außerhalb finden, in das man sich distanzierend zurückziehen kann. Das dominante It-Girl, das keines ist, hält sich in seiner vollverspiegelten Begehrenskammer auch ein kleines Haustier. Es handelt sich um einen Leguan, der in einer Buddelschiffflasche lebt; er ist inzwischen zu groß gewachsen, um durch den Flaschenhals noch entkommen zu können. Darum muss er dort, darüber herrscht Einigkeit, sterben. Denn im phantasmatischen Raum dieses Films existiert die Möglichkeit nicht, dass man die Flasche auch einfach zerbrechen könnte.

"Antiporno" läuft ab 16. Mai in den deutschen Kinos.