Die besten TV-Serien im Juni

Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"When They See Us"

Ava DuVernays brillante Miniserie When They See Us basiert auf einem der bekanntesten Justizirrtümer der USA. Vier afroamerikanische Jungen und ein hispanischer Jugendlicher saßen zwischen sieben und 14 Jahre lang wegen der Vergewaltigung einer weißen Joggerin im Gefängnis. Der wahre Täter legte 2002 ein Geständnis ab. Seitdem gilt der Fall als Beispiel für den tief sitzenden Rassismus im US-Strafjustizsystem, den DuVernay (Selma) bereits in ihrem Dokumentarfilm 13th (2016) beeindruckend untersucht hat.

Die brutale Vergewaltigung der Joggerin, die nach der Tat im Koma lag, markierte im April 1989 den Höhepunkt einer Kriminalitätswelle im Central Park, die zum Teil von organisierten Banden verübt wurden. Die Serie zeigt, wie die Aufarbeitung des Verbrechens politisch instrumentalisiert wurde. Fernsehaufnahmen aus der Zeit zeigen etwa Donald Trump, wie er die Todesstrafe in New York wieder einführen will. In der Presse hießen die Verdächtigen nur noch die "Central Park Five", dabei kannten sich die Jungen nicht einmal.

Der einfühlsame Blick der Kamera von Bradford Young (Arrival) konzentriert sich ganz auf die hoffnungslosen Gesichter dieser Kinder (Caleel Harris, Ethan Herisse, Asante Blackk, Marquis Rodriguez und Jharrel Jerome aus Moonlight).

Die Szenen, wie die Jungen verhört, geschlagen und zu falschen Geständnissen gezwungen werden, sind nur schwer zu ertragen. Aber in ihnen liegt auch die Macht, die Geschichte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Wie der Serientitel nahelegt, ist es für DuVernay entscheidend, wie wir diese fünf sehen. Nicht als "Tiere", wie es die Leiterin der Bezirksstaatsanwaltschaft für Sexualverbrechen (Felicity Huffman) tut, – sondern als Jungen, die ihrer Jugend beraubt werden: Antron McCray, Kevin Richardson, Yusef Salaam, Raymond Santana und Korey Wise.
(Marietta Steinhart)

Die vier Episoden von "When They See Us" sind auf Netflix abrufbar.

"Giftige Saat"

"Giftige Saat"

Schlechte Neuigkeiten aus Frankreich: Das ganze Land ist vergiftet. Seit Jahren verwenden Landwirte das Pestizid Limitrol, einen Schädlingsbekämpfer des Agrarchemiekonzerns und Quasimonopolisten Saskia (die Ähnlichkeiten zu Monsanto sind offensichtlich). Dass der Stoff krebserregend ist, weiß zwar jeder, zum politischen Skandal wird das in Giftige Saat aber erst, als Michel Villeneuve (Christophe Kourotchkine) vom Traktor fällt. Während der an Leukämie erkrankte Landwirt eine Klage gegen Saskia anstrebt, will sein Freund Guillaume Delpierre (Laurent Stocker), Referent im Agrarministerium, die mediale Aufmerksamkeit für einen gesetzlichen Vorstoß gegen chemische Pestizide nutzen.

Schnell zeigt sich, dass nicht nur die französischen Bauern, Böden und Endverbraucherinnen vergiftet sind, sondern auch das politische Klima im Land. Saskia versenkt seinen problematischen Marketingchef in der Seine und beauftragt die Kanzlei des Unternehmensberaters Mathieu Bowman (Jean-François Sivadier) mit einer Schmutzkampagne gegen Delpierre und dessen Familie. Widerstand regt sich aber auch in den eigenen Reihen des Politikers: Kaum jemand aus seinem Ministerium will es sich mit dem weitreichend vernetzten Konzern verscherzen.

Die Botschaften von Giftige Saat sind nicht neu: Jeder ist käuflich, alle haben Dreck am Stecken, und niemand im Regierungsbetrieb genießt die nötige Beinfreiheit, um sich an so etwas wie integrer Politik zu versuchen. Auch die zwischen Journalismus und Lobbyismus wandelnde Claire Lansel (Alix Poisson) muss feststellen, dass sie das System weder von innen noch von außen verändern, sondern bestenfalls daran mitverdienen kann.

Der Überzeugungseifer, mit dem der Regisseur und Co-Autor Jean-Xavier de Lestrade von all dem berichtet, ist trotzdem beeindruckend. Im Stil des großen Fernsehsoziologen David Simon (The Wire, Show Me a Hero) verbeißt er sich in die Verstrickungen von Politik, Agrarindustrie, Spindoktoren und Medienlandschaft, lässt sich aber nicht zu einer einfachen Auflösung der komplexen Thematik hinreißen.

Aktueller könnte die Serie nicht sein. Neben den Debatten um Monsanto wird die Erstausstrahlung der sechsteiligen Serie von einer Debatte um zahlreiche behinderte Kinder begleitet, die in den vergangenen 20 Jahren vor allem in ländlichen Regionen Frankreichs geboren wurden. Forscher vermuten in diesen Fällen, was in Giftige Saat bereits als Gewissheit erscheint: Schuld sind die Pestizide. Auf den Feldern, in den Nahrungsmitteln und in den Körpern der Menschen.
(Daniel Gerhardt)

Die sechs Folgen von "Giftige Saat" laufen ab 13. Juni immer donnerstags auf Arte und sind alle in der Arte-Mediathek abrufbar.

George Clooney in einem Antikriegsklassiker: "Catch-22"

"Catch-22"

Die Älteren unter uns werden sich möglicherweise an ein Buch namens Catch-22 erinnern, das in den Sechzigerjahren als der Antikriegsroman galt; die etwas Jüngeren vielleicht an die Verfilmung von Mike Nichols (unter anderem mit Orson Welles, Martin Sheen und Anthony Perkins) und die noch Jüngeren können sich ganz unabhängig davon nun auf die serielle Adaption von – hallöchen – George Clooney freuen. Der setzt sich in seiner ersten Serienrolle seit Emergency Room selbst ein kleines Denkmal, indem er gleich in der ersten Szene als Leutnant Scheisskopf seine Soldaten über den Platz scheucht. Seit Full Metal Jacket hat man keine so herrlich absurden Drillinstruktionen gesehen.

Höhepunkt des militärischen Irrsinns, den eine Gruppe junger Piloten der U.S. Air Force während des Zweiten Weltkriegs auf einer Mittelmeerinsel durchlebt, ist der sogenannte Catch-22 (Teufelskreis). Die Regelung besagt, dass sich ein Soldat selbst beim Stabsarzt melden muss, wenn er denkt, er sei verrückt. Allerdings gilt jeder, der einem Kriegseinsatz entkommen will, nicht wirklich als verrückt, sondern vielmehr als äußerst vernünftig. Und werde daher mit Sicherheit nicht entlassen.

Der junge Captain John Yossarian (Christopher Abbott) versucht dennoch weiterhin, sich durch diverse angebliche Krankheiten dem drohenden Abschuss zu entziehen, denn seine Vorgesetzten erhöhen allein aus egoistischem Machtkalkül fortwährend die Zahl der Einsätze, die ein Pilot absolvieren muss, bevor er abgelöst wird. Zu den Protagonisten zählen ein Soldat mit Namen Major Major Major (Lewis Pullman), der schöngeistige Major de Coverley (Hugh Laurie) und der gerissene Milo Minderbinder (Daniel David Stewart), der mit einem Delikatessenschmuggel seinem schlicht-patriotischen Vorgesetzten Colonel Cathcart (Kyle Chandler) die Grundzüge des Raubtierkapitalismus beibringt. 

Catch-22, geschrieben von Luke Davies und David Michôd, hält dem Vergleich mit dem Film von 1970 durchaus stand. Der Sarkasmus fällt manchmal nicht ganz so beißend aus und die eine oder andere Badeszene der Offiziere am pittoresken Strand hätte man sich auch sparen können. Dennoch findet die Hulu-Serie unter der Regie von Clooney, Grant Heslov und Ellen Kuras ihre eigene, etwas somnambule Darstellung des Lebens auf einer Militärbasis, ohne dabei den Schrecken der Kriegseinsätze zu verharmlosen. Interessant ist vor allem, wie der Kameramann Martin Ruhe mit den modernen Mitteln der Filmtechnik die altmodische Kriegsführung in den rumpeligen B-52-Bombern abbildet. In einem Moment lacht man noch ob der absurden Nose Art (so nennt man die Bilder leicht bekleideter Frauen auf der Nasenspitze der Bomber), dann erschrickt man auf einmal, als plötzlich ein Toter an der Kanzel klebt. Den Versuch zu entlarven, den Tod mit schönen Bildern zu übermalen – genau darum ging es Joseph Heller
(Carolin Ströbele)

Die sechs Folgen von "Catch-22" sind auf Starzplay via Prime Video Channels abrufbar.

Noch mehr eigentlich Unverfilmbares: "Good Omens"

"Good Omens"

Ein Engel und ein Dämon sollen die Apokalypse vorbereiten. Doch Aziraphale (Michael Sheen) und Crowley (David Tennant) haben es sich auf der Welt inzwischen ganz gemütlich eingerichtet. Nun versuchen die eigentlichen Gegner, den drohenden Untergang zumindest etwas hinauszuzögern. Kompliziert wird das Ganze dadurch, dass der Antichrist als Baby vertauscht wurde und der hyperehrgeizige Erzengel Gabriel (Jon Hamm aus Mad Men) den Kampf zwischen Gut und Böse anführt.

Diese großartig irrwitzige Geschichte stammt von dem 2015 verstorbenen britischen Fantasyautor Terry Pratchett und seinem Co-Autor Neil Gaiman. Pratchett, der eine Verfilmung seiner Werke immer abgelehnt hatte, hinterließ seinem Co-Autor Gaiman testamentarisch eine Ausnahmegenehmigung für Good Omens.

Gaiman, seit der Adaption seiner American Gods serienerprobt, hat auch aus Good Omens ein großes Gefecht zwischen Gut und Böse mit visuellen Knalleffekten und herrlich trockenem britischen Humor geschaffen.

Eine ausführliche Rezension von Good Omens lesen Sie hier.

"Good Omens" läuft auf Amazon Prime.

Was sonst noch so läuft: "Big Little Lies 2"

"Big Little Lies 2"

Gute Serien lassen sich in einem Satz beschreiben, sagt man. Bei Big Little Lies lautet dieser Satz: Frauen rasten aus. Die Mütter im wohlhabenden kalifornischen Küstenörtchen Monterey taten vor zwei Jahren genau das. Die erste Staffel der Serie war so perfekt choreografiert und so überzeugend von Hollywoods Diven-Riege Kidman/Dern/Witherspoon gespielt, dass sie sowohl Ästheten als auch weniger anspruchsvolle Bingerinnen überzeugte. Am Ende stürzte Perry (Alexander Skarsgård), der prügelnde Ehemann von Nicole Kidman, zu Tode. In der Fortsetzung müssen die "Monterey Five" nun mit der Lüge leben, die sie um Perrys Tod gesponnen haben.

Die Kritik an der Serie, nämlich dass sie ausschließlich das Leben eines sehr kleinen Kreises extrem reicher weißer Oberschichtladies beleuchte, hat der Showrunner David E. Kelley offenbar ernst genommen. Im zweiten Teil (das klingt in den drei vorab gezeigten Folgen an) geht es deutlich mehr um soziale Unterschiede, Hautfarben und darum, aus welcher Gesellschaftsschicht die Protagonistinnen kommen. Regie führt diesmal die Britin Andrea Arnold, deren Filme wie American Honey vor allem von der punktgenauen Beobachtung sozialer Außenseiter getragen werden.

Sehenswert ist die Fortsetzung allein schon wegen der atemberaubenden Meryl Streep. Sie spielt Perrys nachforschende Mutter mit einer solch kontrollierten, mundwinkelzuckenden Bösartigkeit, dass dagegen die Intrigen der anderen Damen zu Artigkeiten verblassen.
(Carolin Ströbele)

Die zweite Staffel von "Big Little Lies" läuft parallel zum US-Start auf HBO in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni auf Sky Ticket, Sky Go und auf Abruf; ab 10. Juni auch auf Sky Atlantic.

Rätselratefernsehen in Fortsetzung: "Dark 2"

"Dark 2"

Die erste deutsche Netflix-Produktion geht in die zweite Runde, nachdem die Serienmacher Baran bo Odar und Jantje Friese mit der Plattform einen Exklusivdeal aushandeln konnten. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Dark, entsprechend kompliziert ist die sich noch weiter ausdifferenzierende zweite Staffel der Mystery-Zeitreisen-Schnitzeljagd.

Nachdem der Protagonist Jonas Kahnwald (als Teenager: Louis Hofmann) in der letzten Staffel erst einsehen musste, dass er in Sachen versehentliches Tantenknutschen einiges mit dem Game-of-Thrones-Sympathieträger Jon Snow gemeinsam hat und überdies der Sohn des quengeligen kleinen Bruders seines Schulkameraden ist, kommt es tatsächlich noch schlimmer und er landet im Winden des Jahres 2052. Die Stimmung ist postapokalyptisch, das Wetter noch mieser als 2019 und eigentlich will Jonas nur noch Hause, wird aber stattdessen zurück ins Jahr 1921 geschickt. Immerhin eine Gelegenheit, der ganzen Misere auf den Grund zu gehen – und sie vielleicht sogar zu vereiteln.

Dass das für alle Beteiligten von Vorteil wäre, zeigt sich auf allen erdenklichen Zeitebenen: Derweil 1954 Helge Doppler (als Kind: Tom Philip) langsam auf die dunkle Seite der Macht überwechselt und Polizist Tiedemann (als Pensionär: Christian Pätzold) 1986 sogar zu Kreator-Platten greift, um sich die Geschehnisse zu erklären, stochert im Jahr 2019 ein Sonderermittler (Sylvester Groth) in den Geheimnissen der überspannten Windener Gesellschaft herum, um dem Geheimnis der verschwundenen und/oder unter rätselhaften Umständen getöteten Kindern auf die Spur zu kommen. Bringt vielleicht nichts, weil die neue Staffel schon in den ersten Minuten den Termin der Apokalypse ankündigt. Wird aber auch nicht weiter schlimm sein. Schließlich geht es bei Dark nicht so sehr darum, was am Ende geschieht, sondern vielmehr, wie der Anfang nachkorrigiert werden könnte. Wegbingebares Rätselratefernsehen für alle, die für Videospiele schlicht zu faul sind.
(Kristoffer Cornils)

Beide Staffeln von "Dark" sind ab 21. Juni auf Netflix abrufbar.

Gruseliges Mutter-Tochter-Drama "The Act"

"The Act"

Gypsy Rose (Joey King) ist ein Pflegefall. Ihre Teenagertochter habe den Verstand einer Siebenjährigen, leide zudem an Leukämie, Epilepsie und einer Querschnittslähmung, erzählt die Mutter Dee Dee (Patricia Arquette) Freunden und Nachbarn. Nichts davon ist wahr, aber Gypsy Rose muss die Rolle des kranken Kindes mitspielen. Sie ist das Opfer ihrer Mutter, die unter dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom leidet. 

Dieser unfassbare Fall, auf dem die von Hulu produzierte Serie The Act basiert, hat sich tatsächlich vor einigen Jahren in den USA ereignet. Dee Dee Blanchard hatte ihre Tochter Jahrzehnte lang absichtlich krank gemacht und nach außen hin die aufopferungsvolle Mutter gespielt. Und von zahlreichen Spenden (eine Wohltätigkeitsorganisation errichtete Mutter und Tochter sogar ein Haus) auch finanziell profitiert. Im Juni 2015 ließ die 23-jährige Gypsy Rose ihre Mutter von ihrem Freund ermorden. Sie sitzt nun im Gefängnis.

Die kanadische Journalistin Michelle Dean hatte die Geschichte in einem viel diskutierten Artikel auf BuzzFeed aufgeschrieben und zeichnet sich nun gemeinsam mit Nick Antosca für die achtteilige Miniserie verantwortlich.

The Act ist nicht nur daran interessiert, die Geschehnisse als Melodrama oder Thriller nachzustellen. Es geht um die komplizierte Textur des gestörten Abhängigkeitsverhältnisses zwischen einer Tochter, die erwachsen werden will, und einer Mutter, die dies nicht zulässt. Die französische Filmemacherin Laure de Clermont-Tonnerre, die drei von acht Folgen inszeniert hat, siedelt dieses Abhängigkeitsverhältnis in einem rosaroten, infantilen und prüden Disney-Gefängnis an.

Drei großartige Schauspielerinnen machen The Act zu einem beklemmenden Kammerspiel: Patricia Arquette gibt Dee Dee eine menschliche Seite, selbst wenn diese monströse Dinge tut. Eine Spritze für eine nicht vorhandene Zuckerallergie wird sowohl zu einem Akt der Grausamkeit als auch zu einem perversen Akt der Liebe. Auch Joey King ist unheimlich gut, wie sie mit ihrem geschorenen Kopf, der dicken Brille und der unverkennbaren hohen Stimme als Gypsy mal das Opfer, mal die Komplizin ihrer Mutter spielt. Chloë Sevigny als etwas heruntergerockte, alleinerziehende Nachbarin Mel komplettiert das imposante Ensemble.
(Marietta Steinhart)

"The Act" ist ab dem 14. Juni 2019 bei Starzplay via Prime Video Channels abrufbar.

Teenagerfrust: "Euphoria"

"Euphoria"

Die Figuren in Euphoria sehen auf den ersten Blick aus wie die stereotypen Charaktere jeder x-beliebigen amerikanischen Teenie-Serie: ein Football-Spieler, eine Cheerleaderin, ein dickes Mädchen und die Neue in der Stadt. Aber aus Gründen, die in den ersten vier Folgen nicht immer klar werden, betäuben diese Jugendlichen ihre Ängste mit Drogen und Sex.

Zendaya (Spider-Man: Homecoming), die ihre Anfänge in Disney-Serien wie K.C. Undercover hatte, spielt eindrucksvoll die Erzählerin: die drogenabhängige, 17-jährige Rue, die nach einem Selbstmordversuch an die Highschool zurückkehrt, was nicht heißt, dass sie keine Drogen mehr nimmt. Ihre Klassenkameraden leben in Internetfantasien und narzisstischen Träumen. Wenn Jules (Transgender-Model Hunter Schafer) sich nicht mit gruseligen, verheirateten Männern in schmuddeligen Motels trifft, flirtet sie mit einem Kerl in einer Dating-App. Kat (Barbie Ferreira) wiederum entdeckt die Internetpornografie für sich. "Jede Sekunde deines Tages versuchst du deiner Angst zu entfliehen", sagt Rue im Voiceover und beschwört damit den Geist von Rent-Boy aus Trainspotting.

Die Serie, die auf einem israelischen Format basiert, wurde von Sam Levinson (Assassination Nation) kreiert, der auch bei drei der acht Folgen Regie führte. Zusammen mit dem Soundtrack des mitproduzierenden Rappers Drake ergeben seine Bilder in den besten Momenten einen träumerischen Bewusstseinsstrom. In den schlechten sieht man einfach eine Reihe von Jugendlichen in der Sinnkrise.
(Marietta Steinhart)

Die acht Folgen der 1. Staffel von "Euphoria" laufen ab 16. Juni auf Sky Atlantic.

Mord in der Sperrzone: "La Zona – Do not cross"

"La Zona – Do not cross"

Hector Uría war ein Held, aber das ist drei Jahre her. Nach einer Explosion in einem Atomkraftwerk gehörte der Kommissar (Eduard Fernández) aus Gijón zu den Ersthelfern am Unfallort. Einigen Menschen rettete er das Leben, sein eigener Sohn und Hunderte weitere starben jedoch. Nun ermittelt Uría, inzwischen getrennt von seiner Frau und abhängig von allerlei Schmerzmitteln, in La Zona, einer eilig errichteten Sperrzone, die neben einigen Aufsehern und Ärztinnen wie Urías Geliebter Julia Martos (Alexandra Jiménez) vor allem von zwielichtigen Charakteren bevölkert wird. Kopfgeldjäger und Schmugglerinnen machen ihr eigenes Ding, während zahllose verzweifelte Tagelöhner an der Entgiftung des Landes und der Zerstörung ihrer eigenen Gesundheit arbeiten.

Erst als mehrere verstümmelte Leichen auftauchen, erhöht die Polizei ihre zuvor bestenfalls pflichtschuldige Präsenz in der Sperrzone. Weder dem kriminellen Geschäftemacher Aurelio Barrero (Sergio Peris-Mencheta), der die Arbeiter in der Zone mit Sex und Drogen versorgt, kommt das gelegen, noch dem eher rustikal veranlagten Uría, der sich plötzlich mit einem offiziellen Aufpasser aus Madrid herumärgern muss. Die Zone wird vom weitgehend rechtsfreien Raum zum Kampfgebiet.

Als Regisseur und Drehbuchautor macht der spanische TV-Veteran Jorge Sánchez-Cabezudo die ebenso permanente wie unsichtbare Strahlenbelastung des Personals von La Zona geradezu körperlich nachfühlbar. Jedes Mal stockt einem der Atem, wenn jemand seine Schutzmaske abnimmt oder mit kontaminiertem Essen und Elektroschrott in Berührung kommt. Als Kommissar Uría bei einer Zeugenbefragung auf einem illegalen Flohmarkt zu gewalttätigen Mitteln greift, zückt keiner der zahlreichen Schaulustigen sein Smartphone. Niemand möchte sich die Hände schmutzig machen, schon gar nicht mit unnötiger Strahlenbelastung.

Die Atmosphäre der allumfassenden Verseuchung und Verkorksung reicht in La Zona vom spanischen Norden bis in den Moncloa-Palast nach Madrid. Auf einem Nebenschauplatz erkundet die Serie auch das mangelhafte Katastrophen- und Krisenmanagement von Regierung und Kraftwerksbetreibern, die nach dem Super-GAU zehntausend Menschen binnen weniger Stunden evakuieren und schließlich umsiedeln mussten. Als politisches Intrigenspiel bleibt La Zona jedoch unterentwickelt. Am besten ist die Serie, wenn sie ihren Figuren in die Wälder der Sperrzone folgt – und dabei zuguckt, wie sie unter permanentem Strahleneinfluss langsam zu Zombies werden.
(Daniel Gerhardt)

Die acht Folgen von "La Zona – Do not cross" laufen ab 1. Juni immer samstags um 22.15 Uhr auf ZDFneo. Ab 1. Juni sind außerdem alle Folgen in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Zurück nach San Francisco: "Stadtgeschichten"

"Stadtgeschichten"

Der Juni könnte auch als Monat der Neuauflagen firmieren. 1974 hatte Armistead Maupin begonnen, eine Geschichte über eine Gruppe von Außenseitern in San Francisco zu schreiben. Seine Stadtgeschichten umfassten schließlich neun Romane und galten lange als wegweisend. Der US-Schriftsteller war einer der ersten, der sich mit der Aids-Krise befasste und schwules Leben in den Mainstream brachte.

Die Geschichte um die junge Mary Ann Singleton (Laura Linney), die aus der Provinz nach San Francisco kommt und in dem großzügigen Haus der exzentrischen Transfrau Anna Madrigal (Olympia Dukakis) ihre Wahlfamilie findet, wurde 1994 schon mal als Miniserie adaptiert. Nun, weitere 25 Jahre später, hat Netflix eine Neuauflage produziert und Linney und Dukakis (inzwischen 87) erneut für die Hauptrollen gewinnen können. Showrunnerin ist Lauren Morelli (Orange Is the New Black), Armistead Maupin fungiert neben ihr als ausführender Produzent.

Mary Ann (Linney) kehrt nach 20 Jahren in ihr altes Haus in der 28 Barbary Lane zurück, wo neben Anna Madrigal inzwischen eine neue Generation über Geschlechter-, Liebes- und Identitätsfragen streitet. Der junge Transmann Jake (Josiah Victoria Garcia), dessen körperliche Veränderung die Beziehung zu seiner lesbischen Freundin Margot (May Hong) belastet; der an HIV erkrankte Michael Tolliver (Murray Bartlett) und sein Freund Ben (Charlie Barnett); und Shawna (Ellen Page), die Adoptivtochter von Mary Ann und ihrem Ex-Ehemann Brian (Paul Gross).

Am besten ist die zehnteilige Serie, wenn sie sich auf den Generationenkonflikt konzentriert. In einer Szene etwa beschwert sich ein schwuler Afroamerikaner, dass ein älterer, weißer, schwuler Mann das Wort "Transen" verwendet. Woraufhin der ältere einen Monolog darüber hält, dass es er und seine inzwischen an AIDS verstorbenen Freunde gewesen seien, die jungen, schwulen Männern wie ihm ihre Privilegien und Freiheiten erst ermöglicht hätten.

Neben Serien wie Transparent und Pose ist Stadtgeschichten nicht mehr die wegbereitende Stimme, die es einmal war. Den herzerwärmenden Stil des Originals findet man aber auch in der Neuauflage wieder.
(Marietta Steinhart)

Die zehn Episoden von "Stadtgeschichten" sind ab 7. Juni auf Netflix abrufbar.

Neues vom alten Abgeordneten: "Eichwald, MdB"

Eichwalds Einsatztruppe (v.l.n.r.): Berndt Engemann (Rainer Reiners), Sebastian Grube (Leon Ullrich), Hajo Eichwald (Bernhard Schütz) und Julia Schleicher (Lucie Heinze) © ZDF/Maor Waisburd

"Eichwald, MdB"

Die Politsatire Eichwald, MdB von ZDFneo war 2015 ein kleiner Lichtblick im damals noch sehr fantasielosen deutschen Serienbetrieb. Der Autor Stefan Stuckmann hatte einen abgehalfterten Polit-Recken (Bernhard Schütz) erfunden, der sich mit mehr Glück als Verstand durch das Haifischbecken der Hauptstadtpolitik lavierte.

In den sechs neuen Folgen, die nun im ZDF-Hauptprogramm laufen, geht es um einen Korruptionsskandal im Fußball, Engagement für Geflüchtete und am Rande auch um Gleichstellung, da Eichwalds Büroleiterin sich (wenn auch nur für wenige Tage) in den Mutterschutz verabschiedet. Auch die weiteren Teamkollegen, das schnauzbärtige Politik-Urgestein Berndt Engemann (Rainer Reiners) und der aalige Social-Media-Berater Sebastian Grube (Leon Ullrich), haben diesmal vor allem auf privaten Baustellen zu kämpfen.

Die Serie wird im selben Duktus weitererzählt wie in der ersten Staffel, entfaltet aber nicht mehr denselben Humor wie vor vier Jahren. Das liegt nicht unbedingt an den Gags oder den schauspielerischen Fähigkeiten des Ensembles. Wahrscheinlich ist die Geschichte des unfähigen Politikers – zumindest im seriellen Fach – einfach auserzählt.
(Carolin Ströbele)

Die sechs Episoden von "Eichwald, MdB" laufen ab 14. Juni immer freitags um 22.30 Uhr im ZDF und sind in der Mediathek abrufbar.

"In bester Verfassung"

Verfassungsschützer, die sich wehren: Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse) in der ZDF-Serie "In bester Verfassung"

"In bester Verfassung"

Zwei Verfassungsschützer wollen die Schließung ihrer verschlafenen Dienststelle verhindern und erfinden eine islamistische Terrorzelle. Die Grundidee der ZDF-Web- und TV-Serie In bester Verfassung ist eigentlich wunderbar absurd. Die beiden Beamten Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse) führen in dem Dorf Niederlützel in Nordrhein-Westfalen ein entspanntes, ereignisloses Leben und lassen ab 14 Uhr den Stift fallen. Doch dann kommt der zackige Kollege Matthias Frings (Fabian Siegismund, der auch das Drehbuch mit verfasste) und überbringt die Hiobsbotschaft: Die Filiale soll geschlossen, die beiden Mitarbeiter nach Rostock versetzt werden. Daraufhin drehen die abgebrühte Mechthild und ihr trotteliger Kollege Paul im Keller des Verfassungsschutzbüros ein Video, in dem sie, verkleidet als islamistische Terroristen, zum Kampf gegen den örtlichen Schweinefarmbetreiber aufrufen. Das gerät natürlich aus den Fugen – Auftritt besorgte Bürger, rechtspopulistische Agitatoren und lautes Mediengeorgel.

Streckenweise wirkt das durchaus komisch, zumindest in dem 64-minütigen Zusammenschnitt, der vorab zu sehen war (in der Mediathek und auf YouTube ist eine längere Version in acht Episoden zu sehen). Die Serie lebt vor allem von der Dynamik zwischen den Figuren Mechthild, von Gudrun Landgrebe mit großer Lust am Anarchischen gespielt, und den beiden tumben bzw. hyperehrgeizigen Kollegen Paul und Matthias. Im weiteren Verlauf pressen die Serienmacher aber eindeutig zu viel Botschaft in die Geschichte: Er wolle warnen vor der "Gefahr, der wir uns in Zeiten von alternativen Fakten, rechtspopulistischen Parteien und gefühlten Wahrheiten, die über soziale Netzwerke verbreitet werden, gegenübersehen", schreibt der Autor und Regisseur Joseph Bolz. Der Serie hätte es besser getan, hätte man sie ihrem anfänglichen unkontrollierten Furor überlassen.
(Carolin Ströbele) 

"In bester Verfassung" ist als achtteilige Serie ab 6. Juni in der ZDFmediathek und auf YouTube abrufbar und als Zusammenschnitt am 17. Juni um 23.55 Uhr im ZDF zu sehen.

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Und was gucken Sie so? Schreiben Sie in den Kommentarbereich, welche Serien Ihnen den Schlaf rauben. Hildegard von Binge dankt es Ihnen.