"Catch-22"

Die Älteren unter uns werden sich möglicherweise an ein Buch namens Catch-22 erinnern, das in den Sechzigerjahren als der Antikriegsroman galt; die etwas Jüngeren vielleicht an die Verfilmung von Mike Nichols (unter anderem mit Orson Welles, Martin Sheen und Anthony Perkins) und die noch Jüngeren können sich ganz unabhängig davon nun auf die serielle Adaption von – hallöchen – George Clooney freuen. Der setzt sich in seiner ersten Serienrolle seit Emergency Room selbst ein kleines Denkmal, indem er gleich in der ersten Szene als Leutnant Scheisskopf seine Soldaten über den Platz scheucht. Seit Full Metal Jacket hat man keine so herrlich absurden Drillinstruktionen gesehen.

Höhepunkt des militärischen Irrsinns, den eine Gruppe junger Piloten der U.S. Air Force während des Zweiten Weltkriegs auf einer Mittelmeerinsel durchlebt, ist der sogenannte Catch-22 (Teufelskreis). Die Regelung besagt, dass sich ein Soldat selbst beim Stabsarzt melden muss, wenn er denkt, er sei verrückt. Allerdings gilt jeder, der einem Kriegseinsatz entkommen will, nicht wirklich als verrückt, sondern vielmehr als äußerst vernünftig. Und werde daher mit Sicherheit nicht entlassen.

Der junge Captain John Yossarian (Christopher Abbott) versucht dennoch weiterhin, sich durch diverse angebliche Krankheiten dem drohenden Abschuss zu entziehen, denn seine Vorgesetzten erhöhen allein aus egoistischem Machtkalkül fortwährend die Zahl der Einsätze, die ein Pilot absolvieren muss, bevor er abgelöst wird. Zu den Protagonisten zählen ein Soldat mit Namen Major Major Major (Lewis Pullman), der schöngeistige Major de Coverley (Hugh Laurie) und der gerissene Milo Minderbinder (Daniel David Stewart), der mit einem Delikatessenschmuggel seinem schlicht-patriotischen Vorgesetzten Colonel Cathcart (Kyle Chandler) die Grundzüge des Raubtierkapitalismus beibringt. 

Catch-22, geschrieben von Luke Davies und David Michôd, hält dem Vergleich mit dem Film von 1970 durchaus stand. Der Sarkasmus fällt manchmal nicht ganz so beißend aus und die eine oder andere Badeszene der Offiziere am pittoresken Strand hätte man sich auch sparen können. Dennoch findet die Hulu-Serie unter der Regie von Clooney, Grant Heslov und Ellen Kuras ihre eigene, etwas somnambule Darstellung des Lebens auf einer Militärbasis, ohne dabei den Schrecken der Kriegseinsätze zu verharmlosen. Interessant ist vor allem, wie der Kameramann Martin Ruhe mit den modernen Mitteln der Filmtechnik die altmodische Kriegsführung in den rumpeligen B-52-Bombern abbildet. In einem Moment lacht man noch ob der absurden Nose Art (so nennt man die Bilder leicht bekleideter Frauen auf der Nasenspitze der Bomber), dann erschrickt man auf einmal, als plötzlich ein Toter an der Kanzel klebt. Den Versuch zu entlarven, den Tod mit schönen Bildern zu übermalen – genau darum ging es Joseph Heller
(Carolin Ströbele)

Die sechs Folgen von "Catch-22" sind auf Starzplay via Prime Video Channels abrufbar.