Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Meine geniale Freundin"

Der Mai ist der Monat der Bestselleradaptionen. Den Anfang macht die Serie Meine geniale Freundin, die auf dem ersten Band des gleichnamigen Neapel-Romanzyklus der Schriftstellerin Elena Ferrante basiert. Die Geschichte zweier Schulmädchen in einem ärmlichen Arbeiterbezirk und ihren Kampf um Bildung, Ausdruck und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben war ein weltweiter Erfolg. Und sie passt als serielle Erzählung von weiblicher Selbstermächtigung gegenüber konservativen Familien, misogynen Strukturen und der Allmacht mafiöser Clans sehr gut in die Zeit. Als ausführender Produzent der Serie von HBO und RaiFiction war unter anderem der italienische Regisseur Paolo Sorrentino beteiligt, der sich mit The Young Pope selbst als rauschbildhafter Serieninszenierer bewiesen hat.

Dieser Einfluss blitzt auch in Meine geniale Freundin immer wieder auf. Man sieht die winzigen, schwarzen Tierchen aus den Kanälen kriechen und sich überall ausbreiten, Wesen, von denen sich die Erzählerin Elisa vorstellt, dass sie Wasser und Essen befielen und "unsere Mütter rasend wie durstige Hündinnen" machten. Der Regisseur Saverio Costanzo (Die Einsamkeit der Primzahlen), der neben Elena Ferrante und zwei weiteren Autorinnen am Drehbuch mitarbeitete, orientiert sich stark an der literarischen Vorlage – mit einer starken Erzählerinnenstimme, die die Geschichte prägt. Die Kamera von Fabio Cianchetti nimmt, zumindest in den ersten beiden vorab gezeigten Folgen, konsequent die kindliche Perspektive ein und zeigt sehr unmittelbar den Unglauben, das Entsetzen und die morbide Faszination, die die Freundinnen Elena (Elisa Del Genio) und Lila (Ludovica Nasti) befällt angesichts der Gewalt, Dummheit, Eifersucht und des Hasses ihrer Umwelt.

Der Schmerz, der besonders der aufmüpfigen Lila von halbwüchsigen Jungs, der Lehrerin, aber vor allem vom eigenen Vater zugeführt wird, führt eindringlich vor Augen, dass die Einhaltung von Kinder- und Frauenrechten in Europa noch eine recht junge Entwicklung ist.
(Carolin Ströbele)

Die acht Episoden von "Meine geniale Freundin" sind auf MagentaTV, dem Streamingportal der Deutschen Telekom, abrufbar.