Die Zukunft des Kinos ... ach, am Ende der Preisverleihung der Filmfestspiele von Cannes kann es ruhig noch größer werden: Die Zukunft der Welt liegt in neuen Perspektiven.

Deswegen ging die Goldene Palme an den Koreaner Bong Joon-ho für seine Thrillertragikomödie Parasite. Und schon dieses Rumeiern beim Suchen nach der treffenden Genrebezeichnung zeigt, dass Bong etwas Ungewöhnliches geschaffen hat. Sein Film handelt von zwei Familien, eine sehr arm, die andere sehr reich. In beiden leben wirklich nette Menschen. Aber die prekären Lebensverhältnisse der Familie Ki führen dazu, dass sie sich einer nach dem anderen in das Haus und das Leben der reichen Parks hineintricksen. Immer wieder lässt Bong die Maskerade in annähernd slapstickartigen Verwicklungen gerade noch mal gut gehen, die Kis fliegen nicht auf. Aber natürlich ist klar, dass ihr falsches Leben im echten nicht ewig funktionieren wird. Außer Kontrolle geraten die Dinge, als die von den Kis vergraulte Haushälterin noch einmal zurückkommt. Sie hat etwas Wichtiges im Keller vergessen. Und mit dem Abstieg in diese allerunterste Schicht des Hauses eröffnet Bong noch eine völlig neue Narrationsebene. Parasite wird zur Horrorsatire.

Bongs virtuose Erzählweise und seine Kunst, mit im Grunde ganz klassischen Mitteln des Films, Spannung und Komik zu erzeugen, ist pures Kinovergnügen, für die Augen und das Hirn. Das ist ungewöhnlich, aber auch nicht ganz neu bei Bong. Bereits seine früheren Filme The Host und Snowpiercer unterfütterten genreartigen Filmspaß mit intelligenter Gesellschaftskritik. Nur haben darauf westliche Produktionsfirmen oder Verleihe lange nicht vertraut. Zu Snowpiercer ist die an dieser Stelle wunderbar passende Anekdote noch einmal wiederzugeben, dass der Rechteinhaber für die englischsprachigen Länder, Harvey Weinstein, von Bong forderte, seinen Film um 25 Minuten zu kürzen. Weinsteins Begründung: Die Langversion sei zu intelligent für die Zuschauer. Bong weigerte sich. Der Film kam ungekürzt zunächst nur regional ins Kino (zum Beispiel in Deutschland), erst viel später auch in den USA. Es gab also keinen globalen Filmstart, obwohl der für ein erfolgreiches Marketing doch so wichtig ist. Snowpiercer wurde dennoch ein Erfolg. Und für Parasite wird der Start nun ohnehin einfacher werden.

A propos USA: Seine Jury und er seien sich darüber bewusst, sagte der diesjährige Jurypräsident Alejandro Iñárritu, dass die Palmen von Cannes Filmen große Aufmerksamkeit verleihen. Sogar Ewigkeit. Deswegen hätte die Jury darauf geachtet, dass ihre Preisträgerfilme auch etwas zu sagen hätten. Eine "Botschaft" forderte Iñárritu von ihnen. Sie müssten "mysteriös, unerwartet, witzig, global im Lokalen, wichtig" sein. Am Ende befand diese Jury offensichtlich, dass die amerikanische Produktion Once upon a time in Hollywood von Quentin Tarantino, der am heißesten erwartete Film des Festivals, nichts davon ist. Eine Palme bekam er dennoch, aber dazu später mehr.

Cannes - Goldene Palme für südkoreanische Gesellschaftssatire "Parasite" Beim Filmfestival in Cannes ging der Hauptpreis für den Besten Film an einen südkoreanischen Filmemacher. Beste Schauspieler wurden Antonio Banderas und Emily Beecham. © Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Ein guter Jahrgang

Zunächst zum Grand Prix, sozusagen der Silbermedaille des Festivals. Dieser Preis ging an das französische Drama Atlantique, den ersten Langfilm der erst 36-jährigen Filmemacherin Mati Diop. Die neue Perspektive ist hier ganz augenfällig: Immer wieder sind in Filmen (und in den Medien) jene Männer Thema, die über das Meer aus Afrika nach Europa fliehen. Diop stellte sich die Frage: Was wird aus den Frauen, die zurückbleiben? Ihre Protagonistin, Ada, liebt einen dieser Männer, Suleiman. Er hat lange auf einer Großbaustelle in Dakar gearbeitet, weil er aber seit Monaten keinen Lohn dafür erhalten hat, beschließen er und eine Handvoll seiner Freunde, in einem Fischerboot übers Meer nach Spanien aufzubrechen. Ada bleibt wie die Freundinnen der anderen Männer zurück. Sie soll nun den reichen Omar heiraten. Diop hat diese sehr realistische Geschichte in ein ebenso ungewöhnliches wie poetisches Geistermärchen verwandelt. In dessen Zentrum steht eine Frau, die ihre Trauer überwinden und ihr Leben selbst in die Hand nehmen will.

Die 72. Filmfestspiele von Cannes zeigten einen guten Jahrgang. Das hat auch der Jury zu schaffen gemacht. Weswegen sie dem Festivalchef Thierry Frémaux eine "Besondere Erwähnung" für den Film It must be heaven des arabisch-israelischen Filmemachers Elia Suleiman abgerungen hat. Darin lernt der sich selbst spielende Filmemacher auf der Suche nach Heimat, dass die Welt, egal ob in Nazareth, Paris oder New York, eigentlich überall das gleiche zu bieten hat: freundliche und weniger freundliche Menschen, Gewalt und den Kampf gegen Gewalt. Beinahe gänzlich ohne Dialoge kommt der Film mit tableauartig inszenierten Bildern aus, eine menschlich-exzentrische Zivilisationskritik im Stil eines Jacques Tati. Ein sehr sympathischer Blick.

Außerdem hat das Gremium den sogenannten Jury-Preis gleich an zwei Filme vergeben: an den dystopischen Western Bacurau der brasilianischen Filmemacher Kleber Mendonca Filho und Juliano Dornelles. Die Themen Waffengewalt und staatliche Fremdbestimmung werden hier in einem sich zum Slacker-Movie steigernden Western verhandelt. Klingt ungewöhnlich, funktioniert prima. 

Und zum anderen an einen cinematografischen Appell des jungen französischen Filmemachers Ladj Ly, endlich den Blick auf die Banlieues zu richten: Aus eigener Erfahrung kennt er die unterschiedlichen Milieus und Gangs, die dort nebeneinander leben. In Les Misérables erzählt er stringent eskalierend davon, was in einer solchen Banlieue passieren kann, wenn nur eine Kleinigkeit passiert. Höchste Zeit, sagte Ladj Ly in Cannes, dass wir dorthin schauen. Beide Filme bestätigen aufs Schönste das Zitat von Agnès Varda, die in diesem Jahr so etwas wie die posthume Schirmherrin von Cannes war: "Beim Filmemachen geht es nicht darum, etwas zu zeigen, sondern darum, Lust darauf zu machen, es zu sehen."

Und was war jetzt mit Tarantino? Am Ende der offiziellen Preisverleihung ging er mit seinem Film Once upon a time in Hollywood zwar leer aus. Er hatte allerdings bereits am Vortag den "Palm Dog" entgegen genommen, die seit 2001 verliehen wird: ein rotes Halsband für den besten Auftritt eines Filmhunds in Cannes. Das war diesmal Brandy, ein wohlerzogener Kampfhund, der beim tarantinoesken Finale des Films ordentlich Biss zeigt. Félicitations also auch an ihn.