Die Innenwelt der Individuen wird von übermenschlichen Zeiträumen aufgesogen: Szene aus "Die wandernde Erde". © Netflix

Und doch, viele Leser haben solche Geschichten nie gefunden, weder in China noch im Ausland. Es fehlte dazu wohl einfach die gesellschaftliche Dynamik, der ungebändigte Fortschrittsoptimismus. Alsbald stand mit dem Marxismus zwar das Rüstzeug bereit, einzelmenschlichen und gesellschaftlichen Zeitbezug radikal auf die Zukunft auszurichten; doch musste jetzt alles der Revolution untergeordnet werden, und viel fantastischen Spielraum ließ eine totalitär gewordene Politik den nach literarischer Erkenntnis Suchenden nicht mehr. Zwischen 1942 und 1977 wurde in China vor allem im Tempus der vollendeten Zukunft erzählt, und zwar am besten – mit dem "ergatokratischen" Marxisten Li Dazhao –  von einer Gesellschaft, in der die fernöstliche Kultur ihren Quietismus überwunden hätte und alle Menschen zu Arbeiter geworden wären. Ein Weltstaat als Weltfabrik. Wie man überhaupt zu diesem utopischen Endzustand gelangt war, konnte da guten Gewissens unterschlagen werden.

Chinesische Science-Fiction erlebt erst seit einigen Jahren eine Renaissance, was sicher auch eine Folge von Chinas neu gefundener, geopolitischer Handlungsfähigkeit ist. Der erfolgreichste Autor ist heute Liu Cixin, dessen Drei-Sonnen-Trilogie auch in Deutschland auf große Resonanz gestoßen ist (der Film Die wandernde Erde geht auf eine im Juli 2000 veröffentlichte Kurzgeschichte zurück). Liu ist zweifellos ein Großmeister seines Genres. Mit schneidender Kälte entwirft er seine Storywelten, sucht sie stets wissenschaftlich zu fundieren und zielt doch auf spekulative Überhöhung ab. Dabei ist sein Werk von einem tiefen, sozialdarwinistisch anmutenden Pessimismus durchtränkt: Zivilisationen müssen sich unaufhörlich technologisch fortentwickeln, sonst werden sie von höherstehenden ausgelöscht; und menschliche Tugenden wie Mitleid oder Nachsicht kommen schnell teuer zu stehen. Einige seiner frühen Geschichten lassen sich dagegen im Sinne einer ethischen Kritik an der kapitalistischen Lebensform lesen, als Plädoyer für den Schutz des Ökosystems (etwa die Kurzgeschichten Um Götter muss man sich kümmern und Die Versorgung der Menschheit).

Von der ursprünglichen Geschichte findet sich im netflixtauglichen Blockbuster nicht mehr viel wieder. Während Liu seine Zukunftsvision eher kontemplativ entfaltet, zielt der Regisseur Frant Gwo darauf ab, seine Zuschauer mit Tempo und purer Größe zu überwältigen. Die Charaktere der Hauptfiguren werden kaum entwickelt; es ist, als würde die Innenwelt der Individuen von den kosmischen Tiefen aufgesogen. Denn es steht ja viel auf dem Spiel: Wenn es nicht gelingt, den Erdball aus dem Sonnensystem hinauszutransportieren, wird er restlos verglühen und die Menschheitsgeschichte an ihr Ende kommen.

Als wäre Maos Kriegskommunismus Realität geworden

Eine gesichtslos bleibende Weltregierung muss deshalb die Einzelzwecke der Individuen bündeln; in den ungeheuren Arbeitsschlachten, die über hundert Generationen geleistet werden müssen (so lange soll die Reise dauern), konstituiert sich das Kollektivsubjekt der Menschheit. Folgerichtig sind in so einer Welt weder Außerirdische noch Cyborgs anzutreffen – es geht ja doch nur um uns Menschenkinder! Gleich zu Beginn setzt uns der Film à fond perdu dem Schock dieser negativ-immanenten Zukunft aus: Wer so glücklich war, das richtige Los zu ziehen, darf in die Untergrundstädte; dort muss er dann arbeiten, um sein blankes Überleben zu sichern. Der Weltstaat als Weltfabrik: Ironischerweise sieht es im Jahr 2070 tatsächlich so aus, als wäre der Kriegskommunismus Mao Zedongs weltweite Realität geworden.

Dass ein Film wie Die wandernde Erde problemlos die chinesische Zensur passieren konnte, erlaubt den Rückschluss, dass sich die kommunistische Partei in diesem Zukunftspanorama wiedererkennt. Auf einer tieferen Ebene könnte sich der Film als genaues Abbild der gegenwärtigen ideologischen Situation in China erweisen. Ausländer gelten als willensschwach, demokratische Regierungen sind erbärmlich ineffizient, und die Zukunft gehört dem chinesischen Volk, das Tag und Nacht arbeitet und sich nicht um Arbeitnehmerrechte und Urlaubstage schert. Die Hauptfigur Liu Qi (Qu Chuxiao), schlichte Uniform, rotes Käppi, ähnelt denn auch einem der unzähligen Paketboten im Peking oder Shanghai der Gegenwart. Wie hätte sich da seine pubertär-rebellische Adoptivschwester Han Duoduo nicht dem gemeinsamen Projekt "Hoffnung" anschließen sollen? Die Zweifler, die Russen in ihrer kalten Traurigkeit, müssen dagegen sterben. Am Schluss retten Chinesen die Menschheit.