Großvater, Bruder, Schwester: Nicht der Einzelne, sondern der Familienverbund rettet die Welt. © Netflix

Das typisch Chinesische an Die wandernde Erde wird gern daran festgemacht, dass im Unterschied zu amerikanischen Blockbustern nicht ein einsamer Heroe die Welt rettet (Captain America, Superman, etc.), sondern eine Familie, also Bruder und Schwester, Vater und Großvater. Auch in der Zukunft, will uns der Film sagen, können wir uns auf die Familie verlassen, die menschliche Natur ist konstant, und die chinesische Kultur spiegelt diese Tatsache am besten wider. Während es in Liu Cixins Kurzgeschichte auch noch um die Liebe geht, hebt die Verfilmung nur mehr auf die heiligen Familienbande ab: In der bewegendsten Szene des ganzen Filmes opfert sich der Vater Liu Peiqiang (Wu Jing) für die menschliche Gemeinschaft und damit auch für seinen Sohn (seine in der Schwerelosigkeit dahingleitenden Tränen sind mit rührender Detailbesessenheit dokumentiert).

Paradoxerweise, so darf der Film wohl gedeutet werden, stellt der Vater mit seinem Freitod die moralische Reinheit wieder her, die er Minuten zuvor kurz aufs Spiel gesetzt hat – mit der Rebellion gegen Moss, den Bordcomputer, der mit seiner Überwachungskamera die Disziplin auf dem Raumschiff gewährleistet. Nachdem er Moss mit einem Molotowcocktail in Brand gesetzt hat, hört er wie Moses eine Stimme aus dem brennenden Dornbusch sagen: "Es ist ein überflüssiger Luxus, von der Menschheit zu erwarten, dass sie immer vernünftig sei." Die künstliche Intelligenz hebt hier die eigene Autorität kurz auf, um sie damit neu zu bestätigen, denn die Menschheit ist schon viel zu lange der Kälte "algorithmischer Fairness" ausgesetzt worden, als dass sie noch eine andere Entscheidungslogik akzeptieren würde. Der vorgeblich freie Entschluss ist ganz der Logik der Ausnahme geschuldet – und damit von einer gespenstischen Unwirklichkeit.

Eine nicht hinterfragbare, höhere Autorität

Damit ist eigentlich auch schon gesagt, dass Die wandernde Erde, wie so viele amerikanische Blockbuster auch, auf eine postmodern-gedankenlose Weise mythische Bewusstseinsformen recycelt. Wenn das Überleben von 3,5 Milliarden Menschen auf dem Spiel steht, kann menschliche Autonomie nur in die Irre führen; es bedarf hier einer nicht hinterfragbaren, höheren Autorität (man ergänze: einer Partei mit diktatorischen Vollmachten). Nur eine solche kann mitleidlos die nötigen Entscheidungen über Leben und Tod ganzer Bevölkerungsgruppen treffen.

In Liu Cixins Kurzgeschichte heißt es explizit, dass es im Jahr 2070 keine ethischen Dilemmas mehr gebe – so "geschäftig" sei diese Zeit, dass sich die Menschheit auch nicht mehr den Luxus von Religion, Kunst oder Philosophie leiste: "Die Arbeit war schier unendlich." Folgerichtig werden bei Frant Gwo die Charaktere der Hauptfiguren kaum entwickelt; die Innenwelt der Individuen ist längst von den übermenschlichen Zeiträumen aufgesogen worden.

Im Film ergibt sich dagegen noch einmal ein ethisches Problem und zwar in den wiederholten Hinweisen auf die Kinder, die es (etwa bei Überschwemmungen) zu retten gelte. Dahinter steht die Frage, warum man in einer so finsteren Welt überhaupt noch etwas zum Fortbestand der Menschheit beitragen soll. Und, noch radikaler: Wie ist ein ethisches Verhältnis zwischen mir und den zukünftigen Generationen möglich?

Der Einzelne muss sich in einer Hierarchie einordnen

Wenn Die wandernde Erde überhaupt eine Antwort auf diese beiden Fragen bereithält, dann wäre sie wohl im ältesten Versprechen des Konfuzianismus zu suchen. Wenn ein Kind kurz davor steht, in einen Brunnen zu fallen, so die berühmte Parabel des Philosophen Menzius, wird jeder Mensch augenblicklich den Wunsch verspüren, es zu retten. Die ethische Ordnung beruht auf der omnipräsenten Tugend der Menschlichkeit; und ein gütiger Herrscher vermag sie auf die ganze Welt auszudehnen. Auf jeden Fall gibt dieser Blockbuster aber der von Xi Jinping wiederholt beschworenen "ökologischen Zivilisation" ideologischen Flankenschutz: China spiele schon heute eine Vorreiterrolle in dem Versuch, eine kapitalistische Wachstumsökonomie mit einem nachhaltigen Lebensstil in Einklang zu bringen. Was daran wahr ist, verrät uns Die wandernde Erde natürlich nicht. Die Welt muss es mit sich selbst ausmachen, was es heißt, wenn Chinas "fünftausendjährige" mission civilisatrice schlussendlich mithilfe der brandneusten Technologie universal wird.

Chinas erster Scifi-Blockbuster schreibt der globalen Zukunft eine Bedeutung zu, die wir in Europa nur schwer wörtlich nehmen können – dafür ist sie uns einfach zu fremd. Eine traumhafte Zeitverschiebung wird in dieser von Chinesen orchestrierten Emigration des Globus sichtbar, aber auch die Möglichkeit einer tiefen Kränkung: Während der Boden unter unseren Füßen zu schwanken beginnt und wir im Wettrennen um die ökonomische und politische Vorherrschaft weiter zurückzufallen drohen, entdecken wir in der sogenannten Peripherie ganz neue Welterschütterungspanoramen. Ein unbedingter Wille zur posthumanistischen Selbstüberschreitung ist dort selbstverständlich geworden. "Die Geschichte, sagt ein Sprichwort, wird nachts gemacht", schrieb schon Thomas Pynchon in seinem Roman V. Doch: "Der europäische Beamte schläft in der Regel nachts." Viel Wachheit ist nötig, damit wir uns noch einmal in der Zukunft wiedererkennen können.

"Die wandernde Erde" ist auf Netflix abrufbar.