Ende eines Epos – Seite 1

Hinweis: Dieser Text enthält Spoiler zur sechsten Folge der achten Staffel von "Game of Thrones".

Jetzt ist es also vorbei, unser Schwelgen ist zu Ende. Die Drachenkönigin ist tot, der titelgebende Eiserne Thron im Drachenodem zerschmolzen. Bran the Broken sitzt auf dem Thron, Tyrion dient mal wieder einem neuen König als Berater, und Jon Snow ist zurück im hohen Norden mit seinem Freund Tormund und seinem getreuen Wolf Ghost. Die Serie Game of Thrones hat ihr letztes Kapitel schön erzählt: gradlinig und ohne den Tick, den Zuschauer partout überraschen zu müssen.

Sie hat sich viel Zeit gelassen. Obwohl einiges passierte, wurde vor allem viel gelaufen in dieser Episode. Durch die Ruinen der Totenstadt King's Landing und später durch eine Welt, die beginnt, zaghaft vom Frühling zu träumen. Die Figuren brauchen die Zeit, um diese Welt, die sie durch ihr Tun oder ihre Untätigkeit geschaffen haben, zu begreifen. Daenerys schreitet wie eine düstere Märchenprinzessin durch Cerseis Palastruine in den Thronsaal, den Ort, den sie in einer Vision schon einmal betreten hat. Jon Snow zieht ebenfalls durch die düsteren Hallen und verwandelt schließlich die Prophezeiung von Daenerys' Triumph in das Ende der Drachenkönigin. Während er ein letztes Mal "Du bist meine Königin" haucht, ersticht er die Geliebte.

Was für ein Ende hätten wir uns nach der Katastrophe der vorletzten Folge noch wünschen können, als Daenerys mit ihrem Drachen einen Großteil der Bevölkerung von King's Landing tötete? Die Sendung schien dem Zuschauer geradezu vorzuhalten, dass er mittelalterlichen Denkmustern aufgesessen war – in einer Serie, die diese ja immer vorausgesetzt hat. Acht Jahre lang hat man uns vermittelt, das Spiel um den Thron sei das Problem, nicht der Thron als Institution selber. Die Schlacht um King's Landing hingegen schien die Frage aufzuwerfen, mit welchem Recht in dieser Welt überhaupt noch jemand Macht ausübt.

George R. R. Martin selber hat seinen Zyklus als Gegenthese entworfen für die in der Fantasy ausgeprägte romantische Vorstellung, nach der "ein guter Mensch auch ein guter Herrscher" sei. Bei Tolkien erfahren wir, dass Aragorn König wird, und sollen das eindeutig gut finden, aber wir hören nie, "welche Entscheidungen Aragorn als König trifft", welche Politik er betreibt. Game of Thrones war deshalb spannend, weil es sich gegen eine solche Romantik wandte und sich der Substanz des Herrschens, der Grauzonen der Politik, annahm. Deshalb war es auch so ernüchternd, als die vorletzte Folge der Serie suggerierte, Macht an sich sei stets etwas Grauenvolles. Denn die Flucht in die Resignation ist im Grunde genommen eine genauso romantisierende und entpolitisierende Vorstellung wie der blinde Glaube an den guten Herrscher.

Wie ungelenk sich die Serienschöpfer in diese Sackgasse manövriert haben, zeigt wieder einmal, dass David Benioff und D. B. Weiss der Leitfaden der Romanvorlage doch sehr fehlt. Doch der erzählerische Schnörkel, mit dem sie sich im Finale aus der Sackgasse wieder befreien, zeugt vom Selbstvertrauen, das sie sich als Geschichtenerzähler über die letzten acht Jahre erarbeitet haben. Denn sie legen dem Autorensurrogat Samwell Tarly allen Ernstes ein Plädoyer für mehr Demokratie in den Mund – nur um dann alle anderen Figuren herzhaft darüber lachen zu lassen. Game of Thrones ist eine politische Geschichte, und das heißt, dass sie Geduld mitbringt dafür, wie die Dinge nun einmal sind in ihrer Welt.

"Was vereint Völker?", fragt Tyrion, als es darum geht, einen neuen König oder eine Königin zu bestimmen. Seine Antwort lautet "a story"– eine Geschichte, und deswegen schlägt er Bran, den Hüter aller Geschichten, als König vor. Das ergibt in der Story selber ehrlich gesagt wenig Sinn, auf der Metaebene dafür umso mehr. Viele der Figuren (und viele der Zuschauer) sind bis zur vorletzten Folge einer Geschichte auf den Leim gegangen, nur weil sie sie glauben wollten. Der Geschichte von der jungen, schönen Drachenkönigin, die die Welt komplett umkrempeln würde. Das Problem, so suggeriert diese Folge, war nicht, dass diese Geschichte unwahr wäre, sondern dass sie keinen Platz für Gegennarrative, für Nuancen, für andere Perspektiven ließ. Daenerys und ihre Gefolgsleute sahen Befreiung, wo andere nur blutige Unterwerfung erkennen konnten.

Viele konkurrierende Perspektiven, die immer Raum für Neubewertung lassen: Das ist das wohl wichtigste Stilmerkmal der Bücher von George R. R. Martin. Sein titelgebendes Lied von Eis und Feuer kommt in dieser Folge vor – ohne Tyrion, wie dieser zu seinem Schrecken erfahren muss. Zwei Romane lang hat der Leser Jaime Lannister hassen gelernt, und dann fing dieser an, aus seiner eigenen Perspektive zu erzählen. Man musste ihn nicht sofort mögen – aber zu wissen, was in ihm vorging, verkomplizierte doch alle simplen Muster, nach denen man ihn bis dahin beurteilt hatte.

Die Fernsehserie hat aus dieser Form politische Schlüsse gezogen: Am Ende kabbeln sich Tyrion, Bronn, Brienne und Sam am Kabinettstisch darum, wie Geld investiert und den Menschen geholfen werden soll. Politik ist chaotisch, Politik ist frustrierend, kleinteilig und häufig korrupt. Was geschieht, wenn man das nur als Ablenkung von der großen Story von Erlösung und Verdammnis sieht, wird in der Szene deutlich, als Daenerys zu ihren Truppen spricht. Sie sieht die Welt nur noch durch das Brennglas ihrer eigenen Erlösungsmission. Die Serie hat es ihr lange durchgehen lassen, diesmal markiert sie diese Erzählung als Wahnsinn.

Es gibt eben nicht nur einen Typ "Game of Thrones"-Fan

Was haben wir gemeinsam nicht alles durchlitten: Tyrion (Peter Dinklage) läuft durch das zerstöre King's Landing © HBO

Natürlich ist die Betonung der Story auch ein Dankeschön und ein Adieu an die Zuschauerinnen und Zuschauer, die das Epos acht Jahre lang auf dem Bildschirm begleitet haben, die obsessiv scharfsinnige oder bizarre Thesen aufgestellt und Handlungsstränge weitergesponnen haben. Game of Thrones entstand im Jahr 2011 genau an der Schnittstelle zweier Serienzeitalter, dem der DVDs und dem des Streamings. Das hat das kollektive Erlebnis dieser Serie stark beeinflusst. Ich war ein Fan der Bücher, freute mich auch auf die Serie. Aber HBO dafür extra bestellen? Ach was, ich wartete auf das DVD-Set. Als mir die ersten Kollegen von den Lannisters und Targaryens erzählten, lächelte ich erfreut und nahm mir vor, irgendwann einmal einen Flug oder einen verregneten Nachmittag der Fernsehadaption zu widmen. Das änderte sich mit der Episode Baelor am Ende der ersten Staffel, in der Ned Stark, der von HBO sehr bewusst als Gesicht der Serie verkauft worden war, geköpft wurde.

Der Moment schweißte die Fans der Bücher und die der Serie zusammen: gerade weil die Szene so schockierend allen etablierten Serienregeln trotzte, aber auch, weil der Schock denjenigen, die die Bücher kannten, nur allzu bekannt war. So oder so ähnlich hatten wir irgendwann zwischen dem Jahr 1995 und 2011 auf jene Seite gestarrt, als Ned, unser moralischer Kompass (und häufigster Erzähler im ersten Band) plötzlich verstummte.

Der Moment entfaltete seine Resonanz nicht nur aufgrund der schockierenden Ereignisse auf dem Bildschirm, sondern der Tatsache, dass andere diese Ereignisse bereits in anderer Form verarbeitet hatten. Das Ungewöhnliche war, dass – anders als bei anderen Adaptionen – das Erlebnis auf dem Bildschirm und das im Buch nicht miteinander konkurrierten. Dieses Prinzip trieb die Serie 2013 bei der Red Wedding in der dritten Staffel noch einmal weiter: Durch George R. R. Martins Kapitel ziehen virtuose Wortwirbel, die Spannung baut sich über Seiten auf und der Tod der Starks wird (aus Catelyn Starks Perspektive) geradezu halluzinatorisch erzählt. In der Serie ist die Auslöschung fast der gesamten Familie absurd schnell, gewalttätig und lapidar zugleich – selbst für jemanden, der die Bücher kennt, war es ein erneuter, ein ganz anderer Schock.

Somit ist Tyrions Plädoyer für Bran als Hüter unser aller Geschichten auch als Abgesang auf Game of Thrones gemeint, auf das letzte Fernsehlagerfeuer, um das wir uns alle versammeln können. Über das man sich global austauschen kann, über das man mit Wildfremden im Zugabteil fachsimpeln kann. Das man ganz verschieden interpretieren, aber doch gleich begeistert verfolgen kann. Menschen, die nie die Romane aufgeschlagen haben, können die Thronfolge unter den Targaryens mittlerweile recht gut erläutern. Selbst Fans, die sich nie die Mühe gemacht haben, alle Familiennamen auswendig zu lernen, kennen die Ränke der großen Familien und die Schicksale der vielen Komparsen.

Dass das etwas Besonderes ist, kann man an Westworld, von HBO nicht gerade subtil als Thrones-Ersatz positioniert, gut erkennen. Die Serie besitzt ebenfalls eine äußerst komplexe Mythologie, baut ständig irgendwelche narrativen Twists und schockierende Momente ein. Und doch: So interessant Westworld zeitweise auch sein mag, unterteilt die Serie doch ihre Zuschauerschaft säuberlich in Gnostiker, die hinter alle Kulissen sehen, und jene, die sich einfach von ihr mitziehen lassen.

Game of Thrones hingegen hat weder die Leser und YouTube-Erklärer zu unerreichbaren Orakeln gemacht, noch jene Zuschauer, die einfach jeden Sonntagabend die Beine hochgelegt haben und sich unterhalten lassen wollten, zu reinen Novizen abgestempelt. Zum Teil, weil die Frage, wer Jon Snow wirklich ist, der Serie nie so wichtig war wie die Frage, wie es sich anfühlt, Jon Snow zu sein. Weil die Frage, ob Arya Cersei umbringt, weniger faszinierend war als die lange, traumatische Identitätsfindung der vorlauten Göre aus der ersten Folge. Diese Geschichten haben uns zusammengebracht, wir haben sie weitergesponnen und sind auf ganz verschiedenen Pfaden doch immer wieder zu den gleichen gemeinschaftlichen Erfahrungen gelangt.

Ganz verschiedene Arten komplexer Rezeption

Denn man konnte sich in diese Serie auf verschiedene und auf ihre ganz eigene Art valide Weisen vertiefen. Es gibt eben nicht nur einen Typ Game-of-Thrones-Fan. Seit 2013 läuft bei YouTube die Serie Gay of Thrones, in der ein Friseur aus Hollywood allerlei Gästen die Haare schneidet und die aktuelle Episode von Game of Thrones bespricht. Ein Running Gag ist, dass sich keiner der Beteiligten die Namen der Figuren merken kann. Stattdessen entspinnen Jonathan Van Ness und seine Gäste ein kaum minder komplexes Geflecht aus Bezügen und Spitznamen (Varys heisst Dr. Evil, Daenerys heißt Christina Aguilera, Arya ist Baby Kill Bill und Cersei wechselt mit jedem neuen Outfit den Spitznamen). Es gibt also bei Game of Thrones nicht nur entweder komplexe oder beiläufige Rezeption; es gibt ganz verschiedene Arten komplexer Rezeption.

Wenn auch bei Weitem nicht alles funktioniert hat in diesen letzten anderthalb Stunden Game of Thrones, die Serie hat ganz recht, dieses Verhältnis zwischen Geschichtenerzählern und ihrem Publikum zu würdigen. Denn wie Arya und Jon, wie Jaime und Tyrion sehen wir, wir Zuschauer, uns in dieser Form vielleicht zum letzten Mal. Was haben wir gemeinsam nicht alles durchlitten: geköpfte Helden, ersehnte Paarungen, tollpatschige Plot Twists und jede Menge Kriegsverbrechen. Wir sind auf rote und purpurne Hochzeiten gegangen. Wird es so etwas noch einmal geben in einer Serienwelt, in der Netflix jede Woche mindestens fünf neue Produktionen raushaut? Als letztes Dankeschön hat uns Game of Thrones noch einmal das Hohelied des Geschichtenerzählens auf den Weg gegeben. Ein Lied von Eis, Feuer, Fantheorien – und Christina Aguilera.  

 Die achte Staffel von "Game of Thrones" läuft jeweils in der Nacht von Sonntag auf Montag um 3 Uhr parallel zur US-Ausstrahlung im Stream sowie anschließend auf Sky Ticket, Sky Go und Sky Q und montags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic. Einen Tag später sind die neuen Folgen auch bei Amazon, iTunes und Google Play abrufbar.