Keine Liebe, sondern Angst: Daenerys (Emilia Clarke) in einer Szene am Anfang der vorletzten Episode © Courtesy of HBO

Im Grunde genommen ist es toll und folgerichtig, dass Game of Thrones nicht mit einer riesigen Herr-der-Ringe-mäßigen Schlacht endet, nicht mit der Konfrontation mit den White Walkers – sondern dass die Serie sich in ihrer Schlussphase auf das besinnt, worum es ihr eigentlich immer schon ging. Nämlich nicht um einen Kampf von Gut gegen Böse, sondern darum, was Menschen einander antun und zu was sie einander anspornen. Sehr schön auch, dass die Serie diesmal nicht nach dem beliebten Muster für Fantasyschlachten vorgeht (zuletzt gesehen bei der Schlacht um Winterfell), wo die Guten immer mehr in Bedrängnis geraten und dann in der letzten Sekunde Rettung kommt. Stattdessen geht diesmal anfangs alles viel zu gut auf, Cerseis Streitkräfte liegen am Boden. Und dann geht die eigene Übermacht mit Daenerys durch.

Dennoch muss man sich fragen, ob die Serie diese (nun wirklich nicht sehr subtil vorbereitete) Wendung auch verdient hat. Und zwar nicht nur, was die Motivation angeht, sondern auch, was Thematik betrifft. Die These von The Bells scheint zu lauten, dass Macht an sich etwas Schlechtes ist. Diejenigen, die sie gut einsetzen würden, wollen sie nicht; mit denen, die nach ihr streben, stimmt etwas nicht. Das ist eine Flucht ins Unpolitische, die bei einer so politischen Sendung eher enttäuschend wirkt. Dass die Frage, wer am Schluss auf dem Eisernen Thron sitzen wird, eine Nebensächlichkeit ist, hat die Serie uns früh klargemacht. Aber jene breiteren politischen Fragen, die Tyrion, Varys, Sansa und Jon angesprochen haben – wie man Macht richtig ausübt und wie man gut regiert – die gehören zu Game of Thrones dazu. Jetzt bietet die Serie uns nur einen resignierten Rückzug in reflexive Machtallergie an. Mehr noch: Sie scheint dem Zuschauer aus dem Interesse an diesen Machtfragen fast einen Vorwurf zu machen.

Die Schöpfer von Game of Thrones wissen genau, was das Publikum gerne sehen möchte, und beschämen uns, indem sie uns genau das geben, nur eben brutaler, destruktiver und sinnloser. Die Serie will einerseits die Hölle des Krieges darstellen, aber andererseits liefert sie dann doch jene großen Pay-off-Momente, auf die Fans schon ewig gewartet haben. Jaime und Cersei als Radamès und Aida unter dem einstürzenden Red Keep, der lang erwartete Showdown zwischen den Clegane-Brüdern, gestaltet wie das Cover eines Dungeons-&-Dragons-Abenteuers aus den Achtzigern. Der geradezu bizarr inessenzielle Kampf zwischen Jamie und Euron Greyjoy, dem sinnlosesten Bösewicht dieser an tollen Bösewichtern reichen Sendung. Der Abschied zwischen Arya und Sandor Clegane (the Hound), als er der jungen Frau endlich die Idiotie der Rache klarzumachen vermag.

Die Fantasie des sauberen Kriegs

Fernab dieser erwartbaren Szenen stellt die Serie auch implizit Fragen über die Darstellung von Krieg generell. Tyrions und Jons Plan – schnelles Bombardement, schnelle Bodentruppen, um eine frühe Kapitulation zu erzwingen, kombiniert mit Jaimes Soft Power – entspricht ziemlich genau der Ideologie des Surgical Strikes, der Shock and Awes und wie die verschiedenen Spielarten amerikanischer Supermacht noch heißen. Die Fantasie, dass der Machtwechsel sauber und ohne Brutalität vonstattengeht, ist eine verführerische, das führt uns die Serie drastisch vor Augen. Dass es eine Sekunde lang so wirkt, als würde es funktionieren, nur um dann komplett aus dem Ruder zu laufen, entlarvt gewisse Basisfantasien hollywoodkonformer Gewalt.

Entlarvt wird auch Daenerys' Rolle als edle Retterin. Sie war in gewisser Weise immer schon als eine Parodie des White Savior angelegt. Ihr Sendungsbewusstsein wurde bewundernd kommentiert, aber doch auch als vermessen gekennzeichnet. Man denke an die Szene in einer frühen Folge, in der sie ein Bad in einer Menge dunkelhäutiger Menschen nimmt, die sie "Mutter" nennen. Nun versucht sie, mit ihrem Gerede über das "Mitleid vor den kommenden Generationen" die massenhafte Tötung der Menschen in King's Landing zu rechtfertigen. Während sie eine Allegorie der Selbstgerechtigkeit weißer Invasoren darstellt, kommt leider in dieser Schlacht auch das genaue Gegenteil zum Vorschein. Denn wenn Grey Worm ihrem Vorbild folgt und beginnt, Unbewaffnete niederzumetzeln, wenn Zivilisten von wilden (und zahlenmäßig seltsam flexiblen) Dothrakis niedergeritten werden, dann legt sich über das Bild der bornierten weißen Invasorin mit der mission civilisatrice noch ein ganz anderes, zutiefst rassistisches.

Die achte Staffel von "Game of Thrones" läuft jeweils in der Nacht von Sonntag auf Montag um 3 Uhr parallel zur US-Ausstrahlung im Stream sowie anschließend auf Sky Ticket, Sky Go und Sky Q und montags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic. Einen Tag später sind die neuen Folgen auch bei Amazon, iTunes und Google Play abrufbar.