Was ist es, das Judith Kerr, die große Kinderbuchautorin, der Nachwelt zu sagen hat? Mit dieser Frage war ich im Januar zu einem Treffen mit ihr nach London gefahren. Unser Gesprächsthema hatte eigentlich der Brexit sein sollen, die nationalistischen Bewegungen, die überall auf der Welt wieder aufgekommen sind. Hatte sie, die selbst Opfer von Nationalismus geworden war, eine Warnung für uns? 

Als Kind war Judith Kerr mit ihrer jüdischen Familie vor den Nazis nach England geflohen und hatte über ihre Flucht das in aller Welt geliebte Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl geschrieben. Worauf würden wir in den nächsten Jahren achten müssen, wie könnten wir verhindern, dass die Geschichte noch einmal eine ähnliche Wendung nehmen würde?

Diese Fragen hatte ich mit ihr besprechen wollen, aber dann stand vor ihrem Backsteinhaus im Londoner Stadtteil Barnes schon ihre Assistentin und meinte, Judith sei nicht in der Stimmung, über Politik zu reden. Es gehe ihr nicht gut, sie habe Bauchschmerzen – auf gar keinen Fall wolle sie über den Brexit und Nationalismus sprechen.

Eines der letzten Interviews, das Judith Kerr gegeben hat, wurde also ein zähes Interview. Und obgleich zu dieser Zeit alle Medien über nichts anders als die endlosen Brexit-Verhandlungen schrieben, sprachen wir über die wunderbaren Engländer, die ihr und ihrer Familie – ihrem Vater, dem Kunstkritiker Alfred Kerr, ihrer Mutter, einer Komponistin, und ihrem Bruder Michael – eine neue Heimat geschenkt hatten.

Judith Kerr, die mit 13 nach England gekommen war, führt dort fortan ein sehr britisches Leben: Sie erlebte die Solidarität der Menschen während der Bombardierung Londons, sie ging auf die Kunsthochschule, arbeitete dann als Redakteurin und Lektorin bei der BBC, wo sie ihren späteren Mann Nigel Kneale kennenlernte. (Der Drehbuchautor adaptierte später das Rosa Kaninchen als Film.)

Sie kaufte ein Haus mit Blick auf einen der vielen kleinen Londoner Parks und überquerte jeden Tag die Themse, um ihre beiden Kinder auf der anderen Seite des Flusses zur Schule zu bringen. Sie liebte, so erzählte sie, London mit seinen freundlichen Bobbies und seinen hilfsbereiten Menschen, den unaufgeregtem Anstand, den sie in ihrer neuen Heimat vorfand. 

Flucht als großes Abenteuer erzählt

Das Rosa Kaninchen ergänzte sie um zwei weitere autobiografische Romane (Warten bis der Frieden kommt und Eine Art Familientreffen) und bereicherte die britische Bilderbuchkultur um ihre eigenen Bücher rund um einen Tiger, den Kater Mog und die Katze Katinka. (Katinka war bei dem Interview anwesend und schnurrte fett und glücklich auf ihrem Schoß.)

Nach den großen Vergnügungen des Lebens gefragt, hatte ihr Vater Alfred Kerr geantwortet: "Seefahren. Musik machen. Kindern Gute Nacht sagen. Atmen. Sätze meistern. Und Krach." Auch seine Tochter besaß dieses Talent, das Schöne am Leben zu entdecken und es in Literatur zu verwandeln. Das ist die Unterströmung im Rosa Kaninchen, dessen kindliche Protagonistin die Flucht als ein großes, sogar glückliches Abenteuer erlebt.

Und diese Fähigkeit, unter allen Umständen das Leuchten der Welt zu sehen, strahlte Judith Kerr auch an diesem Januarnachmittag aus, bei Keksen und Kaffee im Wohnzimmer ihres Hauses, in dem sie seit fast 60 Jahren lebte. Sie sprach über ihre Spaziergänge an der Themse, die Pubs am Ufer, die Vögel am Fluss und wie sehr sie das alles genieße: "Ich kann die Welt sehen, und das ist ja wohl das größte Glück. Mein Schwager, er ist Bildhauer, hat gesagt: Es ist ja gar nicht das Zeichnen. Es ist das Sehen." Wenn sie eine Botschaft für die Nachwelt hatte, dann war es wohl einfach diese.

Am 22. Mai ist Judith Kerr im Alter von 95 Jahren in London gestorben.