Pedro Almodóvars neuer Film handelt von der Liebe. Natürlich. Das tun im Grunde alle seine Filme. Aber nie war Almodóvar zärtlicher. In Leid und Herrlichkeit erzählt er die Geschichte eines alternden Filmemachers, dem sein Rücken große Schmerzen bereitet, der den Tod seiner geliebten Mutter noch nach Jahren nicht verwunden hat, ebenso wenig wie den Verlust seiner ersten großen Liebe, und der sich vor allem nicht mehr dazu hinreißen lassen kann, einen neuen Film zu machen. Leid und Herrlichkeit, dieser unendlich schöne, melancholische und versöhnliche Film, erzählt Almodóvars eigene Geschichte.

Lange Stunden verbringt der erfolgreiche Filmemacher, der hier Salvador heißt, schlaflos, von den Schmerzmitteln lediglich in einen Dämmerzustand versetzt, in seiner großen Wohnung zwischen den unzähligen Kunstwerken, die er über die Jahre gesammelt hat und die ihm wie Freunde ans Herz gewachsen sind. Er erinnert sich an seine Kindheit, als die Familie in ein fremdes Dorf ziehen muss, so arm, dass sie in einer Höhle leben muss und der Junge nur weiterlernen kann, wenn er ins Priesterseminar eintritt. Er erinnert sich an die Bildchen von Filmstars, die er in Blechschachteln sammelte, an den hübschen Maurer, dem er das Lesen und Schreiben beibrachte, und vor allem an seine Mutter: strahlend schön, streng, den Sohn über alles liebend.

Penélope Cruz spielt diese Mutter und sagt anlässlich der Premiere in Cannes, nie habe sie sich von einem Rollenangebot geehrter gefühlt. Cruz und Almodóvar haben eine tiefe Leidenschaft für die Filmkunst, seit dem Beginn von Cruz' Schauspielkarriere sind sie miteinander verbunden. 1997 spielte Cruz für Almodóvar in Live Flesh eine schwangere Prostituierte, die den späteren Protagonisten des Films zur Welt bringt; 1999 in Alles über meine Mutter eine mit Aids infizierte Schwangere, die einen Sohn gebären wird; und in Volver (2006) noch einmal eine Mutter. Cruz kennt Almodóvar gut genug, um zu wissen, wie er für seine eigene Mutter empfand, die 1999 starb. Cruz hatte sie noch persönlich kennengelernt. In Leid und Herrlichkeit verkörpert die oscarprämierte Schauspielerin sie nun beim Wäschebleichen, Tortillabacken, Schürzennähen – und erhebt dabei diese Mutter, die Pedro Almodóvar in den Fünfzigerjahren während ihres Lebens in der spanischen Extremadura vor Augen gehabt haben mag, zu jener idealen Mutter, die jedes glückliche Kind als die eigene kennt: liebevoll, streng, strahlend schön.

Den Filmemacher selbst spielt Antonio Banderas. Auch dessen Karriere prägte Almodóvar wie kein anderer Regisseur. Vor 37 Jahren debütierte Banderas als Schauspieler in Almodóvars zweitem Spielfilm, der schrillen Komödie Labyrinth der Leidenschaften. Es folgten sieben weitere Zusammenarbeiten, darunter die Dreiecksgeschichte Das Gesetz der Begierde (1987), Almodóvars erster Film, der in Deutschland zu sehen war, die international erfolgreiche Tragikomödie Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (1989) und die Horror-Love-Story Fessle mich! (1990). Nach einer langen Pause haben die beiden seit 2011 (Die Haut, in der ich wohne) wieder drei Filme gemeinsam gedreht. Banderas und Almodóvar, davon ist zweifelsfrei auszugehen, kennen einander ebenfalls sehr genau.

Möglicherweise ist die lange Verbundenheit auch die Erklärung für den Zauber, den Banderas in dieser Rolle auf die Leinwand bringt. Nie hat man den sonst so physisch agierenden Spanier zarter gesehen. Wenn er seiner großen Liebe (Leonardo Sbaraglia) nach Jahren überraschend gegenübersteht, einen wunderbaren Abend mit ihm verbringt und die beiden sich zum Abschied noch einmal küssen, legt Banderas so viel Gefühl in diese Umarmung – Sehnsucht, Versöhnung, Leidenschaft –, dass Almodóvar voller Dankbarkeit für seine Darsteller über die Szene sagt: "Die beiden haben so innig gespielt, was ich empfinde, dass ich Teil von ihnen werden wollte und mich am liebsten zu ihnen gedrängt hätte." Es sei bewegend und erregend zugleich gewesen. Dem Publikum geht es kaum anders.