Die überraschendste Szene des Dokumentarfilms Peter Lindbergh – Women's Stories ist die, in der Naomi Campbell vor einem Monitor sitzt und sich kaputtlacht. Campbell wird da gerade ein Filmchen vorgeführt aus jener Zeit, als sie noch kein Supermodel war, sondern eine junge Frau um die 18 mit gewitterschlechter Laune und einer festen Meinung darüber, was ein Model tun muss und lassen kann. Während einer Produktion mit dem Fotografen Peter Lindbergh soll sie sich in einen Hotelpool begeben, weigert sich aber so kompromisslos, dass sie Zickigkeitskurse bei Germany's Next Topmodel geben könnte. Und was macht da Peter Lindbergh? Er hält Campbell mitnichten Vorträge darüber, dass ein Model im Badeanzug mit schwerem Schmuck für ihn noch keine visuelle Überwältigung darstellt und ein bisschen mehr liefern sollte als bloße Anwesenheit in aller Schönheit. Nein, Lindbergh springt einfach selbst ins Becken, planscht heiter umher, lässt sich die Kamera hinterherreichen und lockt die wasserscheue Widerspenstige Schritt für Schritt hinein. Als wäre es nur ein Spiel, ein Sommerspaß – und keine sauteure Fotoproduktion, die durch jede Verzögerung noch teurer wird.

Jean-Michel Vecchiet ist Buchautor und Regisseur und hat bereits Dokumentarfilme etwa über Warhol und Basquiat realisiert. Für Peter Lindbergh – Women's Stories arbeitete er nicht chronologisch, nicht stringent erzählend, sondern assoziativ, in Zeitsprüngen. Er dreht um seinen Protagonisten herum, lässt ihn nur mittels Archivmaterial Auskunft geben. Oder er lässt gleich andere über ihn sprechen. Nicht immer kann man dieser Struktur so leicht folgen wie im Falle von Naomi Campbell.

Irgendwie nicht so der Mittelmeertyp

Drei Jahrzehnte nach der Episode im Pool sagt sie, sie sei ja damals unfassbar schlecht erzogen und unreif gewesen, schrecklich! Nun wird Campbell allerdings auch heute noch als recht schwieriger Charakter angesehen. Und so schließt man also, dass es allein Peter Lindbergh ist, der solche Wunder bei ihr vollbringen kann: Seine Freundlichkeit, seine Zugewandtheit, seine, ja, Daseinsfreude sind entwaffnend. Sein Talent zur Überredung ist es aber auch. Lindberghs Vision ist klar und kompromisslos: Schwarz-Weiß liebt er mehr als die Farbe, wegen der fast zärtlichen Grautöne dazwischen, wegen der elementaren Wucht, die Betrachterinnen und Betrachter unweigerlich an einen Ozean denken lässt. Lindbergh ist irgendwie nicht so der Mittelmeertyp.

Peter Lindbergh, Jahrgang 1944, gilt als einer der erfolgreichsten Modefotografen unserer Zeit, aus seinen Aufnahmen sind dicke Bildbände und museale Ausstellungen entstanden. Aber ist er eigentlich Modefotograf, wenn – wie neulich bei seiner Coverstory für die deutsche Vogue über Helene Fischer – das Gesicht alles ist, das Kleid aber völlig nebensächlich? Er wolle Frauen in aller Ehrlichkeit zeigen, erklärt er in dem neuen Film: "Es sollte in der Verantwortung der Fotografen liegen, Frauen und schließlich alle vom Schrecken der Jugend und der Perfektion zu befreien." 

Er habe nicht das Gefühl, von Schönheit umzingelt zu sein, hat Lindbergh dem Stern einmal gesagt. Kann man ihm das, trotz der Exklusivverträge für Vogue und Harper’s Bazaar, glauben, dieses Desinteresse an makelloser Schönheit und taufrischer Jugend? Schließlich sind es seine Gruppenfotos, die den Supermodel-Mythos der Neunzigerjahre visualisiert und zementiert haben, mit Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington, triumphal versammelt, mal in weißen Oberhemden, mal mit Motorradjacken. Schön waren sie natürlich alle auf diesen Bildern und zusammen noch mal beeindruckender. Doch was diese Fotos besonders macht, ist das lässige Selbstbewusstsein und die weibliche Stärke, die aus ihnen spricht: Bei Peter Lindbergh scheinen sie alle zu ihrem ureigenen Ausdruck zu finden. Zwischen zwei Posen werden Models bei ihm – sie selbst.  Da wird jedes Dekolleté wieder zur Nebensache.