Billingham wirkt milde, nachsichtig. Inzwischen ist er schließlich selbst Vater dreier Kinder. Der gelebte Vergleich seines heutigen, etablierten Lebens mit dem prekären Dasein seiner Jugendjahre machte die eigenen Eltern Ray und Liz noch einmal für seine Arbeit relevant. "Wir haben heute ein angenehmes Leben. Meine Kinder schlafen in sauberen Pyjamas, bekommen regelmäßig warme Mahlzeiten und tragen saubere Schuluniformen. Das hat mir wieder bewusst gemacht, wie sehr sich ihre Kindheit von meiner unterscheidet. Das wollte ich mit diesem Film noch einmal zeigen, weil ich das ja wirklich erlebt habe. Über die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, existieren einige Filme. Doch teilweise sieht man darin nur Klischees. Das fühlt sich nicht echt an."

Anders als die Regisseure des New British Cinema wie Mike Leigh, Ken Loach oder Stephen Frears, die selbst aus der Mittelschicht stammen und sich filmisch der britischen Unterschicht annahmen, um mit diesem Stoff die politischen Verhältnisse der Thatcher-Ära anzuprangern, wuchs Billingham in den Verhältnissen auf, von denen die anderen erzählen. Er ist kein intellektueller Filmemacher, er kennt sein Sujet aus eigener Anschauung. Das macht seine Arbeit so unverwechselbar.

Super-8-Filme? Viel zu teuer

Im Fokus stehen immer wieder die Eltern. Der internationale Durchbruch gelingt Billingham 1996 mit der Fotoserie Ray's a Laugh. "Als ich anfing, die ersten Fotos von meinem Vater zu machen, hatte meine Mutter uns schon verlassen", erinnert sich Billingham. "Mein Vater hielt sich eigentlich nur noch in einem Raum auf, den er nicht mehr verließ und trank exzessiv. Eigentlich hätte ich ihn damals schon gerne gefilmt, und wenn das Smartphone schon erfunden gewesen wäre, hätte ich das wahrscheinlich auch getan. Aber Super-8-Filmmaterial war zu jener Zeit unerschwinglich teuer. Mir kam zunächst der Gedanke, ihn zu malen, um seine Tragödie abzubilden. Ich habe dann oft schnelle Zeichnungen gemacht, aber um ihn detaillierter malen zu können, fing ich an, ihn zu fotografieren. Diese Fotografien waren also als Vorlagen für die Malerei gedacht. So fing alles an."

Er verbrachte dann viele Stunden in der örtlichen Bücherei, um unter anderem Bildbände über die Alten Meister und deren Bildaufteilung zu lesen. Es wird seine Exit-Strategie: Künstler werden. Doch zunächst lehnten verschiedene Kunsthochschulen Billinghams Bewerbungen ab. Am Ende waren es fünfzehn Absagen. "Wahrscheinlich war es die schlimmste Zeit meines Lebens. Denn es bedeutete, dass ich weiter mit meinem Vater leben musste. Ich konnte nicht ausziehen, weil ich kein Geld hatte. Wir lebten in diesem Hochhaus in Birmingham, ohne Heizung, Gas und heißes Wasser. Der Eingangsbereich des Gebäudes war über und über mit Graffiti beschmiert, viele davon mit rassistischen Inhalt. Die Aufzüge und Treppen waren mit Kot und Urin verschmutzt. Es war ekelhaft. Obwohl ich verzweifelt war, konnte ich meinen Plan, Kunst zu studieren, nicht aufgeben." Die sechzehnte Universität hat ihn schließlich genommen.

Mit dem Film Ray & Liz hat Billingham das Thema Eltern nun vorerst abgeschlossen. Doch soziales Elend lässt ihn nicht los. In seinem neuen Projekt geht es um Obdachlosigkeit. Ideen dazu hat Billingham auch in Berlin gesammelt, wo ihm die vielen Obdachlosen auf den Straßen aufgefallen sind, natürlich aus einem charakteristischen Billingham-Blickwinkel. Einige der Gesichter dieser Menschen erinnerten ihn an die Porträts der Renaissance-Maler, sagt er. Und so wie auf diesen Gemälden möchte er die Obdachlosen abbilden. Statt opulenter Umhänge werden sie bei ihm in ihre Schlafsäcke gehüllt sein.