Es erfordert Mut und Selbstvertrauen, eines der bekanntesten Verbrechen der jüngeren deutschen Vergangenheit als Spielfilm zu inszenieren. Die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin Sherry Hormann hat es gewagt. Am 9. Mai läuft ihr Film "Nur eine Frau" in den deutschen Kinos an. Darin erzählt sie das Leben der türkischstämmigen Deutschen Hatun Aynur Sürücü, die von ihrem Bruder erschossen wurde, weil sie sich für ein eigenständiges Leben entschieden hatte.

ZEIT ONLINE: Ihr Kinofilm Nur eine Frau erzählt von Hatun Aynur Sürücü, die am 7. Februar 2005 im Alter von 23 Jahren von ihrem jüngsten Bruder hingerichtet wurde, weil sie sich weigerte, nach den Regeln zu leben, die die strengen sunnitischen Traditionen ihrer türkisch-kurdischen Familie für sie vorsahen. Warum war es Ihnen wichtig, Aynurs Geschichte im Kino zu erzählen?

Sherry Hormann: Vor allem ging es mir um das Selbstbestimmungsrecht dieser jungen Frau. Darum, dass man einer Frau nicht vorschreiben darf, wie sie zu leben hat – egal aus welcher Tradition, welchem Wertesystem und welcher Religion sie kommt. Mir war es wichtig, den Film basierend auf den Fakten zu erzählen. Wir haben die Gerichtsakten studiert und Zeitzeugen interviewt, um Aynur eine Stimme zu geben. Ich wollte, dass man sie spürt in ihrer Kraft und in ihrer Freude am Leben – gerade auch im Kontrast zu dem, was dann später passiert ist. Das Publikum soll spüren, wer uns da durch diesen Mord verloren gegangen ist.

ZEIT ONLINE: Sie machen Aynur im Off-Kommentar auch zur Ich-Erzählerin. Wie groß ist der Verantwortungsdruck, wenn man in einem Film das Vermächtnis einer Verstorbenen miterzählt?

Hormann: Es ist ja schon anmaßend, zu behaupten, dass man wisse, wie eine Verstorbene spricht und fühlt. Es ist immer ein schmaler Grat, wie sehr man sich wirklich in eine Figur hineinfühlen kann. Aber dies ist eben ein Spielfilm fürs Kino und keine TV-Dokumentation. Ich bin diesen Schritt gegangen, weil ich wollte, dass man Aynur im wahrsten Sinne des Wortes hören kann.

ZEIT ONLINE: Damit tritt Aynur aus der Rolle des Opfers, dem ja oft etwas Passives anhaftet, heraus.

Hormann: Wir wissen alle, dass Aynur erschossen wurde. Also fängt unser Film gleich damit an. Aynur sagt zu Beginn des Films: "Das bin ich unter dem Leichentuch. Jetzt erzähle ich euch mal meine Geschichte." Aynur war ja eine echte Kämpfernatur. Das muss man sich erst einmal vor Augen führen: Mit 15 bestimmen die Eltern, wen sie heiratet. Sie sitzt da auf dem Hochzeitsthron mit einem Cousin, den sie gar nicht kennt, und zieht mit ihm in die Türkei, die sie genauso wenig kennt, weil sie ja in Deutschland aufgewachsen ist. Dann wird sie missbraucht, vergewaltigt, gedemütigt und kehrt auf eigene Faust nach Berlin mit einem Kind im Bauch zurück. Sie bringt mit 16 ein Baby zur Welt, holt den Schulabschluss nach, verdient nebenbei noch Geld, macht eine Ausbildung und zieht gleichzeitig ein Kind groß. Das ist einfach eine enorme Leistung, die mich tief berührt hat. In der öffentlichen Wahrnehmung legen wir viel zu oft das Augenmerk auf die Täter und stigmatisieren die Opfer. In unserem Film wollten wir das umkehren und zeigen, dass Aynur zwar tot ist, aber zu Lebzeiten kein Opfer war.

ZEIT ONLINE: Warum schafft es Aynur trotz aller Enttäuschungen, Demütigungen und Gewaltandrohungen nicht, von ihrer Familie loszukommen?

Hormann: Aynurs Schicksal ist im Grunde eine tragische Liebesgeschichte. Man fragt sich natürlich immer wieder, warum sie nicht einfach geht und die Familie hinter sich lässt. Aynur kämpft um die Liebe und die Anerkennung ihrer Familie. Sie sagt: "Ich bin doch immer noch ich. Ich bin doch kein anderer Mensch, nur weil ich nicht mehr in eurem Wertesystem leben kann." Sie geht immer wieder zurück, auch in der Hoffnung, dass ihr Sohn in einer Familie und an der Seite seiner Großeltern aufwächst. Innerhalb der Familie herrscht ja auch eine große Geborgenheit und Liebe. Aber in dem Moment, als Aynur den vorgezeichneten Pfad verlässt, zählt die Tradition mehr als die Liebe.