Hier kommen noch bodentiefe Fenster rein

In Die ewige Welle (BR-Redaktion: Stephanie Heckner) laufen der Ivo (Miro Nemec) und der Franz (Udo Wachtveitl) zum 81. Mal als Ermittler im Münchner Tatort auf. Auf mehr Einsätze hat es bislang nur Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) gebracht, der Lothar Matthäus des ARD-Sonntagabendkrimis, weil der zu seinen aktuell 75 Auftritten in Köln noch acht aus den Düsseldorfer Jahren unter Martin Lüttges Kommissar Flemming (1992–1997) zählen kann.

In 81 Filmen kommt so einiges zusammen, und es wäre, wenn der Ivo und der Franz dereinst in den sogenannten Sack hauen sollten, vermutlich eher lustig als verdienstvoll, einmal auszurechnen, was die beiden Filmfiguren in all den Jahren so alles hatten an Instantmacken und Einmal-Interessen, an alten Freundinnen und unerwarteten Verwandten.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die ewige Welle (Drehbuch: Axel Buresch, Matthias Pacht) dichtet dem Franz jedenfalls weiteres Privatleben an. Nämlich: eine Dreiecksbeziehung in Portugal 1984 mit dem Mikesch und der Frida, aus der die Frida (Ellen ten Damme) einen heuer erwachsenen Sohn hat. Ob es der Filius vom Franz oder dem Mikesch ist, das bleibt bis zum Ende ein Geheimnis. Wenngleich ein mäßig aufregendes – der Herr Kommissar hätte ihn ja doch nicht mitnehmen können in Fall Nr. 82 und 83.

Der Anfang des Films nach den Portugalbildern ist ganz hübsch. Man sieht den Mikesch beim Surfen am tollen Münchner Eisbach; danach wird er in einer Fußgängerunterführung von einem Junkie angefahren auf dem Rad. Der Junkie sticht den Mikesch nieder, aber wenn er im Krankenhaus wieder aufwacht, beschreibt er dem Ivo und seinem alten Buddy Franz den Täter, den er kannte oder zumindest jemanden kannte, der ihn kannte, ganz anders, als die Zuschauerin ihn gerade gesehen hat: "Mehr so arabisch."

Eine Lüge, die gut ist für Verwicklungen, wie letzte Woche erst zu studieren war, denn das Opfer eines Überfalls, das nicht will, dass der Überfallende identifiziert wird, macht sich natürlich interessant.

Der Punkt, an dem dieses Interesse schwindet, ist ziemlich genau zu bestimmen. Es ist der Moment, als der Ivo und der Franz den Mikesch eigentlich dingfest machen könnten (er muss doch auch ins Krankenhaus wegen seiner Wunde), der Mikesch entwischt, der Franz ihm hinterherspurtet und ihn schließlich stellt.

Aber dann erzählt der Mikesch eben die Geschichte mit dem eventuellen Kind, und bei der "Wusstest du, dass Frida damals schwanger war?"-Frage entweicht der Polizist aus dem Franz-Körper und übrig bleibt der verstrahlt guckende, nun ja, Mensch, wie man in einem solchen Fall wohl sagen muss.

Wieso muss der Kollege nun auch noch Gefühle haben?

Der Franz (Udo Wachtveitl) und der Ivo (Miroslav Nehmen) vor dem wunderbaren Eisbach in München © BR/Weidemann & Berg Television GmbH & Co. KG/Johann Feindt

Anders formuliert: Der Rosamunde-Pilcher-Schmus, der doch eigentlich nebenan läuft, fährt dem Krimi, der der Tatort sein soll, in die Parade. Das macht Die ewige Welle so mittel erquicklich, was etwa dadurch demonstriert wird, dass der Ivo, als ihm der Franz von seiner Mikesch-Info erzählt, nicht mal nachfragt, wann er die denn erhalten hat. Wieso muss denn selbst der Kollege nun auch nur noch Gefühle haben? Statt Spannung bleibt die trübe Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang.

Wobei von Beginn an klar ist, dass es den für den Mikesch nicht geben wird. Denn der wird gespielt von Andreas Lust, der schon grandiose Scheiterer-Performances hingelegt hat im deutschen Film, zuletzt im tollen Schwarzwald-Tatort: Für immer und dich. An das präzise Spiel des vorherigen Auftritts reicht der Eindruck aus Die ewige Welle nicht heran, weil der Mikesch als ewiger Freiheitssucher die erkennbar unschärfere Rolle ist.

Immerhin, der Mikesch ist auch ein Mann, dem die Zeit davonläuft, obwohl er dauernd in Bewegung ist, um mit einem letzten großen Deal im Betäubungsmittelsektor den Lebensabend in Sri Lanka zu retten beziehungsweise der Tochter das Medizinstudium zu finanzieren. Für die Konventionen des Tatorts produziert diese Anlage noch den schicken Effekt, dass die Leiche, die für gewöhnlich das ganze Handeln in Gang setzt, erst am Ende des Films vorliegt.

Mikeschs Tod wird sacht und schön inszeniert (Regie: Andreas Kleinert, Kamera: Johann Feindt). Es fährt, als zeitgemäße Variante des Totenschiffs, eine leere und hell erleuchtete Straßenbahn durch Münchens Nacht, in der der Mikesch sitzt und an der Endhaltestelle verblutet ist. 

Wie überhaupt die Bilder das Beste machen aus den von lauter Emotionen abgenutzten Vorstellungen über den kleinen Traum vom großen Glück, die von der Geschichte aufgetischt werden. Es ist viel Draußen zu sehen in Die ewige Welle, der herrliche Olympiapark etwa, in dem der Ivo und der Franz im Gras liegen, oder der Isar-Strand, an dem der Ivo seine für diese Folge motivischen Rückenprobleme hat. Dazu gibt es hübsche Miniaturen wie Michael Tregors putzigen Kleinkriminellen Heinrich.

Aber es bleibt die Frage, warum diese Details nicht auch einen spannenderen Krimi hätte schmücken können. Des Franzens dauerseliges Lächeln bei der Begegnung mit der Vergangenheit wirkt jedenfalls etwas schlicht.