"Wie hat denn eigentlich der VfB gespielt?", fragt die Ärztin die Kommissare, während sie einen Toten untersucht. Ein gewöhnlicher Satz, der beiläufig gesagt wird im Stuttgarter Tatort: Anne und der Tod (SWR-Redaktion: Brigitte Dithard), und dabei doch so viel erzählt: über die Ärztin (Julia E. Lenska), ihre Arbeit (Wann soll man mit Kollegen plaudern, wenn man sie nicht in der Kantine trifft?) und vor allem – über diesen besonderen Tatort (Drehbuch: Wolfgang Stauch, Regie: Jens Wischnewski).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Denn Anne und der Tod gönnt sich wie die Figur der Ärztin mit dem Satz eine Auszeit von der Pflicht. Die besteht für einen Krimi darin, fallrelevante Informationen auszugeben, damit die Zuschauerin der Geschichte folgen kann. Was manchmal dazu führt, dass die Filme sich anhören wie Bedienungsleitungen. Die Frage der Ärztin führt dagegen vor, wie leicht es ist, selbst Nebenfiguren Tiefe zu geben – wie schön es ist, wenn Leute einfach miteinander reden.

In Stuttgart geht gerade einiges. Oder anders gesagt: Wenn besagter VfB so aufspielen würde wie die letzten Tatort-Folgen von hier, dann müsste er nicht nächste Woche in der Relegation ran, sondern würde in der kommenden Saison in der Champions League antreten.

Der aktuelle Film fügt den interessanten Vorgängern eine hübsche Variation des Krimigenres hinzu. Er spielt fast nur auf dem Revier (Nimm das, Kassel!), wo die Pflegekraft Anne Werner (Katharina Marie Schubert) zwei Tage lang konzentriert befragt wird. Zwei alte Männer, die sie gepflegt hat, sind tot.

Gemein hat dieser Tatort mit den vorangegangenen in Stuttgart, dass die beiden Ermittler, Lonely Lannert (Richy Müller) und "Nicht mehr ganz so"-Busy Bootz (Felix Klare), nicht die Hauptattraktionen sind. Das ist der Fluch des gelungenen ARD-Sonntagabendkrimis – er macht aus den Ermittlern Dienstleister an der Geschichte. Gebraucht werden sie, das sollte man nicht unterschätzen, trotzdem: zur Wiederkennung, als gute Bekannte, die der Betrachter gern in seine Wohnung lässt.

Die Schau in dieser Folge aber ist Katharina Marie Schubert. Die spielt die Pflegerin so zugewandt und aufgeweckt, dass der Verdacht, der sie in die Verhörsituation gebracht hat, immer wieder in Zweifel gezogen wird. Wenn Lannert sagt, sie kenne sich medizinisch gut aus, ergänzt Anne Werner: "Für ne doofe Krankenpflegerin?!" Und ab und zu gluckst sie so ein leicht-verschlucktes Lachen heraus, mit dem Hape Kerkeling seine Figuren ausstaffiert hat.

Vom Verhör geht es schnellen Schnittes (Montage: Barbara Brückner) zeitlich ungeordnet raus zu bereits erledigten Ermittlungen. Dabei werden mitunter Sätze von verschiedenen Sprecherinnen gebildet. Anne Werner sagt über einen toten und bei seinen Kindern verhassten Hotelbesitzer: "Paul Fuchs war die Seele, das Herz und ...", und dann ergänzt Svenja Fuchs (Julischka M. Eichel): "... das Arschloch." Eine Technik, die der Dokumentarfilmregisseur Eberhard Fechner (Nachrede auf Klara Heydebreck, Comedian Harmonists) groß gemacht hat, der 1971 den ersten, ebenfalls ungewöhnlich-reizvollen Tatort für den Hessischen Rundfunk drehte.

Die Handkamera (Stefan Sommer) tut ihren Teil, um dem ganzen Treiben den Anschein von Unvermitteltheit zu geben. Einmal filmt sie auch sehr schön, wie Lannert und Bootz an dem Anne-Werner-Haus in Hanglage hochgucken. Denn dort, bei den reichen Leuten, wohnt die Pflegekraft, die sich das eigentlich nicht leisten kann. Auch das macht dieser Tatort im Vorbeigehen: etwas über Milieus, sozialen Druck, gesellschaftliche Schieflagen zu berichten.

Bemerkenswert filmisch ist, wie mit den Sympathien der Anne-Werner-Figur gespielt wird. Nach einer halben Stunde dienen die Bilder, die zu ihren Erzählungen gezeigt werden, erstmals nicht dem Beweis. Während die alleinerziehende Mutter vor den Polizisten davon redet, wie sich ihr Sohn bei ihr endlos entschuldigt habe, weil er mit ihrer Kreditkarte die teuren Klamotten gekauft hatte, mit denen er vor den reichen Kids in der Schule nicht blöd dasteht – da zeigen die Bilder einen eher dreisten, komplett reulosen Teenager.

Aber auch das bekommt der Film später, wenn man doch glauben will, dass alle Anne-Werner-Aussagen die Wahrheit sind, noch mal aus anderem Lichte betrachtet: dass man diese Unstimmigkeiten halt für die kleinen Lügen am Selbstbild nimmt, für Peinlichkeiten, die man anderen und erst recht der Polizei lieber verschweigt – selbst wenn man keine Mörderin ist. Es ist schon toll, wie komplex ein solcher Charakter entworfen und gespielt sein kann.

Das einzige, was sich Stauchs originell-eloquenter Geschichte (wie Lannert von einem Dokumentarfilm schwärmen darf!) und Wischnewskis adäquater Regie einwenden lässt: Nach seinem langen, turbulenten Flug steht der Film die Landung nicht so ganz. Die letzten Ermittlungen nach einem potenziellen weiteren Opfer produzieren zwar noch mal schicke Kurzauftritte (etwa von Tatort-Legende Hans Peter Hallwachs, der in der 1. und der 1.000. Folge dabei war) und den ergreifenden Monolog eines einsamen Dirigenten (der große Falk Rockstroh), was Anne und der Tod für einen Moment unaufdringlich zu den ganz großen Fragen bringt (das Alter, das Sterben).

Aber dann kann sich die Folge vor lauter Optionen nicht recht entscheiden, wie die Sache nun gewesen ist. Ob Anne Werner aus Scham oder Mitleid getötet hat und vor allem: wen. Die Hauptfigur wagt die Flucht nach vorn und gesteht beide Morde. Dabei zeigen die Bilder, die in diesem Film doch nicht lügen, dass sie nur dem Hotel-Fuchs die Tabletten ausgetauscht hat, weil der sie mit Bildern ihrer sexuellen Performances für ihn erpressen wollte. Der andere Tod ist derweil durch Treppensturz zustande gekommen – und es ist nicht ohne Ironie, dass ohne dieses spätere, zweite Opfer, das zuvor ebenfalls von Anne Werner gepflegt wurde, der erste Tote keinen Mordverdacht ausgelöst hatte.

Man hätte diesem Film nur zugetraut, einem solchen Zufall mehr abzugewinnen als die Lösung des Falls.