Sheila Hancock spielt Edie in "Für Träume ist es nie zu spät". © Cape Wrath Films Ltd.

Dass niemand sie sieht, niemand wahrnimmt, was sie tut, darunter genau leidet die über 80-jährige Edie in dem eben gestarteten Edie – Für Träume ist es nie zu spät. Einen Diven-Status hat sie natürlich nie angestrebt. Sie hat ihre Tochter aufgezogen und über dreißig Jahre ihren Mann im Rollstuhl gepflegt. Nach dessen Tod räumt Edie das Haus aus und findet die alten Wandersachen ihres Vaters, sowie eine alte Einladung, mit ihm einen bestimmten Berg in Schottland zu besteigen. Edie macht sich auf, gegen die eigenen Ängste und die eigene Verunsicherung. Auf dem Weg muss sie sich nicht nur mit der Fitness des eigenen Körpers auseinandersetzen, sondern sehr wohl auch mit ihrer sozialen Rolle als alleinstehende ältere Frau.

Hier erweist sich der Film als ein kleines Juwel im Seniorinnen-Kanon. Edie nämlich muss zwei Dinge neu lernen, die sie als Hausfrau und Pflegerin hat verkümmern lassen: Hilfe von anderen anzunehmen und Freundschaften einzugehen. Der 30-jährige Jonny bietet sich dafür an – strikt freundschaftlich, wohlgemerkt –, aber interessanterweise fällt es Edie viel schwerer als dem jungen Mann, in die richtige Rolle an seiner Seite zu finden. Wo der Film in seinem dramatischen Verlauf – wird sie den Berg schaffen? – allzu vorhersehbar erscheint, wirkt er durch die Szenen dazwischen, die das schwierige Terrain erkunden, auf dem Edie sich durch die Welt bewegt, immer von der Angst geprägt, ausgelacht zu werden nach dem Motto: Was will die alte Frau da?

Tatsächlich ausgelacht wird Britt-Marie in Britt-Marie war hier, als sie schließlich ihren Job als Fußballtrainerin antritt. Doch die Aufgabe wird für sie zur Chance auf eine neue soziale Sichtbarkeit. Wie Edie geht es auch Britt-Marie nicht darum, für Schönheit oder Sex-Appeal oder dessen zartem Schwinden bewundert zu werden, sondern um ein tieferes Bemerkt- und Respektiertwerden. Ihre Glaubwürdigkeit als Trainerin gewinnt Britt-Marie in dem Moment, in dem sie erkennt, dass ihr tiefstes Begehren dasselbe ist, wie das ihrer lumpigen Fußballmannschaft: "Zeigt ihnen, dass ihr da seid!", ruft sie ihnen zu. Was sind schon 14 Tore, die man kassieren muss, gegenüber dem einen Tor, das man dem Gegner gegen alle Widrigkeiten abtrotzt?

Britt-Marie wird gespielt von der schwedischen Schauspielerinnenlegende Pernilla August, die vielen wohl als Anakins Mutter Shmi aus der Star-Wars-Saga bekannt sein dürfte. Natürlich hätte auch August das Zeug zur Diva, aber ihre Britt-Marie ist deshalb so toll, weil sie die Unsichtbarkeit, das Gewöhnliche, die inhärente Passivität der Frau über 60 so perfekt auf den Punkt bringt. Britt-Marie muss am Ende kein Fußballfan werden, um sich Respekt zu verschaffen, überhaupt ist das Schöne an Roman und Film, dass die doch so mitten aus dem Leben genommene Figur eben keine radikale Verwandlung durchmachen muss, um etwas mehr Lebensglück zu erlangen. Sie braucht am Ende noch nicht mal einen neuen Mann an ihrer Seite. Britt-Marie entdeckt sich selbst, und einen neuen Spielraum für sich. Das Backpulver bleibt ihr bevorzugter Problemlöser.