Deutschland, ein Streamingmärchen – Seite 1

Die Erfolgsgeschichte der Serie Dark ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, weil es generell ungewöhnlich ist, dass plötzlich Menschen in aller Welt über eine deutsche Serie sprechen, ohne dabei verlegen dreinzuschauen. Die verworrene Zeitreisenschnitzeljagd der Showrunner Baran bo Odar und Jantje Friese, zugleich die erste deutsche Netflix-Produktion, war international so erfolgreich, dass nun die zweite Staffel anläuft und die dritte bereits gesichert ist. Deutschland, ein Streamingmärchen – toll!

Umso toller natürlich, weil die zweite Staffel noch wegbingebarer, mysteriöser und bedeutungsschwangerer ist als die erste. Wer schon damals vermutete, dass dort eine neue Perspektive für deutsches Fernsehen über den schlierigen Laptop-Bildschirm zog, wird es spätestens jetzt einsehen müssen: Dark ist die Zukunft des Fernsehens überhaupt. Die Serie ist weniger eine deutsche als vielmehr die perfekte Netflix-Serie. Denn eine gute Netflix-Serie verkauft ihr Publikum für dumm, während sie ihm genau das Gegenteil einredet. Dark ist sehr, sehr gut darin, genau das zu tun. 

In der zweiten Staffel gibt die Serie ihren Zuschauerinnen und Zuschauern nämlich noch viel mehr Rätsel auf. Es geht im fiktiven Städtchen Winden keineswegs nur um eine Geheimorganisation, die Kinder für mysteriöse Experimente verschwinden lässt und ihre entstellten Leichen auf anderen Zeitebenen entsorgt. Eine Aufzählung all dessen, was hier noch so geschieht, erscheint komplett größenwahnsinnig: Mord und Totschlag, Thrash Metal, Geschlechtsangleichungen, Kernenergie, ein christlicher Geheimbund, die Apokalypse, die Zeit nach der Apokalypse, die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, mysteriöse Fässer mit radioaktivem Material, versehentliche Inzestanbahnungen, Hawaii-Toast, Prostatakrebs, Falcos Kidnapping-Trilogie Jeanny, Deutschprüfungen und Reclam-Hefte, jede Menge kaputte Familienbande und das auf mehr Zeitebenen als ein durchschnittlicher Drei-Generationen-Roman. Dark lässt nichts aus, was nur irgendwie urbar gemacht werden kann, um seinem Publikum Stoff für die wildesten Theorien zu liefern.

Wer ist der Typ mit dem Priesterkragen, der sich Noah nennt? Was ist sein Plan für Jonas' entfremdeten Freund Bartosz Tiedemann? Warum hat er der taubstummen Tochter der Doppler-Familie eine Uhr in die Hand gedrückt? Was hat es mit dem überall auftauchenden Satz "Sic Mundus Creatus Est" ("So ist die Welt erschaffen") auf sich, was ist der Masterplan hinter den Entführungen und Verführungen der Windener Jugend? Das sind nur einige von schier unzählbaren Fragen, die Dark zumindest in den vier vorab für die Presse einsehbaren Episoden aufwirft, je weiter sich die Welt von Winden ausdifferenziert. Mit der Auflösung indes lässt sich die Serie, na ja, Zeit. Das Publikum ist derweil angehalten, eigene Antworten zu finden, ihre Theorien in sozialen Netzwerken zu diskutieren und damit andere zu aktivieren, es doch endlich auch mal mit so einem Netflix-Probeabo zu versuchen.

Schon die Gestaltung und Themenauswahl von Dark wirkt wie ein Best-of von dem, was in den letzten Jahren im Fernsehen (und vor allem auf Netflix selbst) gut funktioniert hat. Die hölzernen Dialoge klingen nicht selten wie Outtakes der schrägen Thesen über Zeit und Welt, die Nic Pizzolatto seinem True Detective Matthew McConaughey unter den Schnäuzer geschoben hat. Die Parallelen zum Netflix-Übererfolg Stranger Things sind mehr als offensichtlich: Kinder? Check! Müssen sie richten, was ihnen die Erwachsenen eingebrockt haben? Check! In den Achtzigern? Auch das, ja, und sei's nur darum, weil die Eighties Kids von damals die Netflix-Abonnenten von heute sind oder weil die Themen von damals immer noch ziehen: eine Ahnung von Kaltem Krieg? Check! Allgemeine Atompanik? Check! Ergänzt um okkulte Geheimbünde und katholischen Fanatismus und bestens in Szene gesetzt durch slicke Cinematografie, clevere Musikauswahl sowie den Soundtrack von Noisenik Ben Frost.

Es geht nicht mehr um irgendein Ende

Die Farbe Gelb – auch in der zweiten Staffel wieder Signalfarbe in "Dark" © Netflix

Doch die reinen Inhalte erklären den Erfolg von Dark noch nicht. Als Serie ist die Mysterygeschichte vor allem in struktureller Hinsicht das ultimative Symptom des Systems Netflix. Das Unternehmen hat aus dem absehbaren Totalversagen klassischer TV-Serien wie Game of Thrones gelernt. Während die vielleicht letzte große Erzählung des 21. Jahrhunderts vor allem deswegen an die Wand fuhr, weil sie ja irgendwie enden und dabei ziemlich viele lose Fäden zusammenzurren musste, gibt Dark eben jene Fäden dem Publikum direkt in die Hand. Es geht eigentlich nur noch darum, wie eigentlich alles zusammenhängt, nicht so sehr um den Aus- oder gar Weitergang der Handlung.

Verschwörungstheoretische Impulse getriggert

In der Serie wimmelt es vor Anspielungen, roten Heringen und allerhand kontroversen Themen, die in einen undurchsichtigen, weil komplett rhizomatisch strukturierten Ablauf integriert werden. Positiv gewendet bietet das ziemlich viel kollektiven Spielspaß über das eigentliche Zuschauen hinaus. Realistisch aber triggert hier nur ein Unternehmen die verschwörungstheoretischen Impulse seines Publikums an, um es als Marketing-Tool in Bewegung zu setzen. 

Wie genau das heutzutage funktioniert, wird mit Blick auf eine andere Netflix-Produktion mehr als offensichtlich. Die Ende Dezember 2018 veröffentlichte Black-Mirror-Folge Bandersnatch schien nach dem Choose-Your-Own-Adventure-Prinzip die Nutzerin tatsächlich zur Erzählerin zu machen. Die Folge war eigentlich kaum mehr als ein sehr rudimentäres Live-Action-Durchklick-Videospiel, wurde aber als Revolution des Streamingfernsehens verkauft. Bandersnatch war aber vor allem deshalb ein gekonnter Wurf, weil es mit integrierter Marketingstudie daherkam: "Sugarpuffs von Quaker oder Kellogg's Frosties?", lautete eine der Auswahlmöglichkeiten. 73 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer entschieden sich laut dem stolzen Netflix-CEO Reed Hastings für letztere und gaben ihre privaten Präferenzen für eine Handvoll Storytelling preis.

Das freut Kellogg's, das dürfte die Plattform umso mehr freuen. Die ganze Black-Mirror-Folge hat laut dem Unternehmen einige neue Kunden angelockt. Bandersnatch war nämlich auch deshalb ein Geniestreich, weil das Format in technischer Hinsicht ausschließlich über Netflix und nicht über irgendwelche zwielichtigen illegalen Streamingplattformen abrufbar war. Darüber hinaus wird die Folge schätzungsweise einen riesigen Datenklumpen generiert haben, der ausgewertet werden kann und genaue Schlussfolgerungen zu dem Seh- und Entscheidungsverhalten des Publikums erlaubt, aus denen sich wieder die nächsten Serien basteln ließen. 

In ihrem Theorie-Blockbuster Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus beschreibt die Soziologin Shoshana Zuboff genau solche Prozesse. Firmen wie Google und Facebook erfassen menschliches Verhalten, werten es aus und stoßen davon ausgehend unter ihren Bedingungen neues Verhalten an. Der Konsument wird lenkbar, jede mögliche Entscheidung lässt sich potenziell um ein Vielfaches besser kapitalisieren. 

Die Leitfrage ist die nach dem freien Willen

Es ist daher zynisch, keinesfalls aber ein Zufall, dass die große Leitfrage in Dark die nach dem freien Willen ist: Wenn wir die Zusammenhänge entschlüsseln, können wir dann den Lauf der Dinge verändern? Auf niedlich-dystopische Art und Weise ähneln sich Publikum und die Figuren der Serie sogar in einem entscheidenden Punkt: Sie alle wollen auf ihre Weise ihren freien Willen unter Beweis stellen und die Rätsel der Windener Welt lösen. Doch während den einen auf ihrer Reise durch die verschiedenen Zeitebenen das Unmögliche gelingen könnte, werden die anderen schätzungsweise nur weiter durch den Streamingstrudel irren, weil das der Netflix-Masterplan will.

Als Bonus lässt sich noch der ganze andere Quatsch einer solchen Serie gemütlich unter den Tisch kehren: Dialoge etwa, die den Darstellern zumindest die Chance geben, sich zwischen all den Worthülsen ein bisschen Raum für Schauspielerei zu nehmen. Denn im Grunde ist es eben doch recht schnurz, was eigentlich auf dem Bildschirm gesprochen wird. Wichtiger ist, dass und wie anderswo darüber gesprochen wird, damit umso mehr Menschen zu Abonnenten werden. Sic Netflix Creatus Est.

Die zweite Staffel von "Dark" ist ab 21. Juni auf Netflix abrufbar.