"Wenn das hier ein Film wäre", sinniert das melancholische Mädchen gleich zu Anfang, "würden wir schon all die verlieren, die sich mit der Hauptfigur identifizieren wollen." Bäuchlings vor ihr hingestreckt: ein nackter Mann in unfreiwillig komischer Pose. Er räkelt sich wie Brigitte Bardot zu Beginn von Jean-Luc Godards Die Verachtung. Das melancholische Mädchen, im Pelzmantel, steht ihm Modell und spricht sein Postulat in bester Godard-Manier direkt in die Kamera.

Der Film, von dem hier noch im Konjunktiv die Rede ist, entfaltet sich anschließend tatsächlich auf der Leinwand. Er ist für seine Diskursüberfülle erstaunlich bunt, verspielt und zeitlos. Wendet man den Bechdel-Test auf ihn an, fällt er glatt durch. Der Test fragt nach der Repräsentanz von Frauen im Film: Gibt es mindestens zwei namentlich bekannte Frauenrollen? Sprechen sie miteinander – und falls ja, über etwas anderes als über Männer? Susanne Heinrich lacht über die Feststellung. Ihr Film Das melancholische Mädchen, der am 26. Juni in Deutschland anläuft, besteht diesen Test schon deshalb nicht, weil die Hauptfigur keinen Namen hat. Heinrich lacht oft während des Treffens im Charlottenburger Traditionskino Filmkunst 66, amüsiert darüber, wohin ihre Fabulierlust sie getragen hat.

"Ich brauche natürlich eine schiere Masse an Männern, um zu zeigen, dass die sich nur noch graduell, aber nicht mehr kategorisch unterscheiden. Als ob man durch einen Katalog blättert." Und da liegt wohl der Kern des Missverständnisses: Der Bechdel-Test passt zum Illusionskino, zum Handlungskino, zum naturalistischen Repräsentationskino. Das hat für Heinrich aber heute "so wenig emanzipatorisches Potenzial wie Sex oder Kleidungsstile". Dagegen setzt sie einen Film, in dem "die Handlung ein Nebenprodukt von anderen Entscheidungen" ist und der Zuschauer sich in einer bequemen, aber distanzierten Haltung befindet. Jede Nacht braucht das melancholische Mädchen eine neue Bleibe. Und zu jedem Bett gehört ein Mann.

Die Hauptfigur ist eine junge Schriftstellerin mit Schreibblockade, so wie Heinrich selbst, nachdem sie im Alter von 19 bis 25 vier Bücher veröffentlicht hatte und sich ihr Name mit Schlagworten wie "Literaturinstitutsliteratur" und "Klagenfurt" verband. Ein Medienwechsel war fällig. Das melancholische Mädchen ist aber keine psychologische Figur, sondern die Schnittstelle feministischer und postmoderner Diskurse. "Mein Körper ist ein Kriegsgebiet, auf dem alle Welt ihre Kämpfe austrägt", sagt die Filmfigur mit ausdrucksloser Mine, abgeklärt und stets zitierfähig. Sie ist im Prinzip eine zeitgenössische, selbst-bewusste Lulu, deren Augenaufschlag die Männer förmlich entkleidet. Für Heinrich verkörpert sie aber auch "die Traurigkeit des Neoliberalismus über sich selbst". Dieses Mädchen schwimmt im Meer der Krise der Individualität.

Ganz allein steht Das melancholische Mädchen freilich nicht in der deutschen Filmlandschaft. Ihr Auf-der-Stelle-Treten erinnert unter anderem an Tatjana Turanskyjs Eine flexible Frau von 2010, der von der Odyssee einer alleinerziehenden, arbeitslosen Architektin durch die Baustellen der Berliner Republik erzählt. Sie ist eine tragikomische Heldin, die ihr Recht einfordert, dem Publikum auch mal auf die Nerven gehen zu dürfen. Die Identifizierung funktioniert trotzdem, auf der Systemebene. Denn es geht um die Flexibilisierung der Arbeitswelt, um Gentrifizierung, um die Suche nach einer weiblichen Perspektive. Auch wenn Berlin als reale Kulisse dient, ist das Schauspiel verfremdet, die Handlung episodisch.

Die Hauptdarstellerin dieser flexiblen Frau, Mira Partecke, hat Susanne Heinrich nun in einer Nebenrolle als erleuchtete Mutter besetzt. In der einzigen – zudem satirischen – Szene zwischen zwei Frauen geht es um Mutterschaft als Religionsersatz. Ihre Hauptdarstellerin Marie Rathscheck hat sie gewählt wegen deren "opaken Gesicht, das ganz arg auf die große Leinwand gehört", so formuliert es Heinrich, und weil sie ihr zutraute, sich emotional komplett zu entleeren, um nur noch Projektionsfläche zu sein. Wie Turanskyj erzählt auch Heinrich episodisch, in 14 Kapiteln, die mit "Feminismus zu verkaufen" oder "Das Ende der Utopie" überschrieben sind.