Ein feinfühliger junger Mann mit einem Faible fürs Waldhornblasen trifft in einer Berliner Peepshow auf die Frau seines Lebens. Leider trifft er sie gerade in jener Nacht, in der sein Leben zu Ende geht. Davon erzählt der Berliner Regisseur Xaver Böhm in seinem Debütfilm O Beautiful Night. Der junge Mann, den wir darin auf seinen letzten Wegen begleiten (Noah Saavedra), befindet sich bereits in Gesellschaft des Todes: Er (Marko Mandić) ist ein tätowierter Kettenraucher im Anzug mit slowenischem Akzent und einer Schwäche fürs Knacken teurer Automobile, außerdem hat er bislang noch jeden Gegner im Russisch Roulette besiegt. Beide, Waldhornbläser und Tod, haben sich in einem Spielcasino kennengelernt und irren nun eine Nacht lang durch das dunkelbunte Berlin. Dass sein Ende naht, hat der junge Mann bereits zu Anfang des Films geahnt, als das Licht schwindet: Da pickt ein garstiger Rabe ihm kleine Fetzen von Herzgewebe aus der blutigen Brust – es ist ein Traum, doch als der junge Mann nach dem Erwachen in einen Waschsalon flieht, trifft er dort auf einen alten Mann, der ihm von seiner letzten Darmspiegelung berichtet. Im Unterschied zu dem jungen Herzschmerzpatienten hat der Alte den Eingriff in seinen Körper genossen, vor allem das Gefühl, das sich einstellte, als ihm kleine Fetzen von Darmgewebe aus dem Unterleib gepickt wurden.

O Beautiful Night ist ein schöner und erstaunlicher Film, eine ruhige, traumhaft elegische Übung in der Verbindung von Körperbildern und allegorischer Überhöhung, von Drastik und Zartheit, von liebevoll präzise gefilmten kleinen Gesten und den ganz großen Themen des menschlichen Daseins: Liebe, Tod, Endlichkeit, Aufschub und Reinkarnation.

Auferstehung als Kronenkranich

Xaver Böhm hat seine Karriere als Grafiker und Animationsfilmregisseur begonnen. Vielleicht erinnern darum die Stimmung, die Farben und Temperaturen seines Werks und auch die Arten der Figurenzeichnung an die mythisch verrätselten Animationsfilme von Hayao Miyazaki. Das leere Berlin, durch das der junge Mann und sein Tod des Nachts taumeln, ist jedenfalls gut gefüllt mit gleichermaßen drolligen, sinistren und gefährlichen Hexen und Frauen mit dem zweiten Gesicht; ein verstorbenes Mädchen taucht in der Gestalt eines Kronenkranichs wieder auf – in vielen Kulturen ein Symbol für den Phönix – und wird von dem jungen Mann, seiner neu gefundenen Liebe und dem Tod aus einem Zoo in die Freiheit entlassen. Je länger die gemeinsame Reise andauert, desto stärker treten die menschlichen Züge des Tods in Erscheinung, bis sein eigenes Dasein jenseits der Zeit und der Sterblichkeit selber in Frage steht.

Unbedingt sehenswert ist der Film schon wegen der Kunstfertigkeit, mit der Xaver Böhm und seine Kamerafrau Jieun Yi ihre Szenen komponieren und färben, in Bewegung setzen und zum Stillstand bringen. Wie der Film seinen Rhythmus aus der inneren Logik der Bilder und ihrer Montage entwickelt, ist von einem visuellen Gespür und einer unaufdringlichen, gleichsam traumwandelnden Genauigkeit, wie man solches im deutschen Film sonst selten findet. Der angesichts des Themas naheliegenden Gefahr der raunend-metaphorisierenden Verkleisterung der Ästhetik entgeht O Beautiful Night jedenfalls bravourös. Alle Weiterungen ins Transzendentale vollführt Xaver Böhm ohne jeden Spiritualismus- oder Achtsamkeits-Kitsch.

Die Episoden werden durch Stillleben aus der niederländischen Renaissancemalerei eingeleitet. Aber so, wie die Kamera sich an die Gemälde tastet, erscheinen sie nicht als schwere Zeichen der kulturhistorischen Prätention, sondern wie Memento Mori, die sich dem Blick plastisch entgegenwölben. Auch viele Räume, in denen sich die Handlung entwickelt, wirken ihrerseits stillebenhaft: das fast leere Spielcasino, in dem sich der junge Mann und der Tod zum ersten Mal treffen, mit seinen in langen Reihen diabolisch kalt blinkenden Automaten; eine mitternächtlich verwaiste Gokartbahn, in der die beiden mit der örtlichen Gokartbahn-Hexe und ihrem Pedell ein Russisch-Roulette-Duell beginnen; schließlich die Peepshow, in welcher der junge Mann dem Mädchen seiner Träume begegnet. Ihre mythische Überhöhung erhalten die Räume durch den farblichen Kontrast aus dunkelbuntem Ambiente und den hineingetupften, grell-verlorenen Lichtern; aber auch durch die ebenso delikate Inszenierung der Sounds, in denen sich die Figuren bewegen.

Das Geräusch verbrennenden Zigarettenpapiers

Leise Geräusche sind hier ganz laut, ein Leitmotiv sind die Zigaretten des kettenrauchenden Tods, deren verbrennendes Papier sich kraftvoll in hohen Frequenzen in die Ohren des Publikums schneidet. Ruhige Szenen werden durch diese Art der übersteuerten Klänge mit einer seltsamen Nervosität infiziert; während der Ton an den Wendepunkten der Handlung, in den vorgeblich dramatischsten Sequenzen in den Spitzen geschliffen und in der Lautstärke gemindert wird. So befinden sich die Dramaturgie der Geschichte und ihre Inszenierung in einem fortwährenden Widerspruch; Realismus und artifizielle Gestaltung sind ineinander gebildet wie in einem flirrenden Bild.

Die Liebe seines Lebens trifft der Held der Geschichte – nach einer ersten kurzen Begegnung im Gewölbe einer Geisterseherin – also in einer Peepshow; hier dreht Nina (Vanessa Loibl) sich mit Gothic-Lidschatten und in Unterwäsche auf einem Präsentierteller und liest dabei ein Buch von Friedrich Nietzsche; kein Wunder, dass dem jungen Mann mit den feinen Nerven bei diesem Anblick ganz blümerant wird. Bei aller Romantik, die zwischen ihnen entsteht, bleiben sie einander doch sonderbar fern. Es ist erst der Tod, der sie zusammenbringt: Am Ende küssen sie einander und ihn dabei auch, und bei allem, was man zum Lob dieses Filmes sonst noch anführen kann, schenkt er uns kurz vor dem Morgengrauen und dem Ende des Lebens und seinem neuen Beginn jedenfalls die berührendste Dreier-Kuss-Szene, die es im Kino seit Langem zu sehen gab.