Was zum einen ein Argument gegen die Verrohung der Kommunikation in den sozialen Netzwerken ist (die gibt es auch, aber eben nicht nur). Und zum zweiten eine gute Pointe: Ein junger Mann, der sein Geld mit launigen Unterhaltungsvideos verdient, insistiert gegenüber CDU-Herren und FAZ-Innenpolitikchefs auf konservativen Werten wie Anstand, wenn er noch im Neo Magazin Royale eine Entschuldigung für Falschbehauptungen auch von Jasper von Altenbockum fordert.

Und was zum Dritten nachvollziehbar macht, warum die etwaige Enttäuschung über Rezos Auftritt nur der Spiegel ist, in dem die eigenen Begriffe vom Diskurs über Politik schlecht aussehen. Wenn selbst der Deutschlandfunk seine morgendlichen Interviews nur führt mit dem Ziel, Wolfgang Bosbach einen Satz zu entlocken, der sich als Distanzierung von der Parteivorsitzenden raushauen lässt, erscheint Rezos Verweigerung plausibel, diesem Affen keinen Zucker zu geben. Was hätte er im Neo Magazin Royale denn tun sollen, um die Exklusivität seines ersten Fernsehauftritts gebührend zu begehen: Nackt auf dem Tisch tanzen? Über Wasser laufen? Ambitionen auf den Posten des CDU-Generalsekretärs verkünden?

Natürlich spielen Medien bei der Vermittlung von Politik eine Rolle – auch dieser Text, so sehr er sich um Grundsätzlichkeit bemüht, kommt aus dem Zusammenhang von Aufmerksamkeit und Personalisierung nicht heraus, der die Feedbackschleifen übers politische Handeln prägt. 

Aber schon Böhmermanns Sendung legt Fernsehen anders aus, als es Maischberger und Lanz tun. Das Neo Magazin Royale fungiert abwechselnd als Abschussrampe und Landeplatz für die Stunts, mit denen ihr Moderator über digitale Kommunikationswege in den politischen Diskurs interveniert. Dabei – und das wäre dann Satire heute – jongliert Böhmermann clever mit den Erwartungen und Projektionen über seine Rolle, wie am Countdown zu einem eher braven Geh-zur-Europawahl-Song in der Woche nach dem Ibiza-Video mit Strache und Gudenus zu sehen war, das wegen ein paar beiläufigen Bemerkungen Böhmermann gleich als Aktion zugetraut worden war.

Eigentlich ging es um das Geschäft mit der Homöopathie

Und deshalb widmete sich der größere Teil der Sendung mit Rezo der, um es im Slang des YouTubers zu sagen, Zerstörung des Geschäfts mit der Homöopathie – einem gut gebauten Magazin-Beitrag, der in konventionellerer Form genauso gut in Monitor oder Panorama hätte laufen können. 

Der hier aber geschickt das eigene Image benutzt, indem er die Unterlassungserklärungen gegen die Behauptung der Nichtsnutzigkeit von Homöopathie von unbekannten twitternden Ärztinnen auf die eigene Prominenz zu lenken versucht, Lobbypolitik im Hintergrund also im grellen Scheinwerferlicht der eigenen Bedeutsamkeit eskalieren will.

Böhmermanns Größe besteht auch darin, mit medialen Effekten auf eine kluge Weise zu spielen. Beim finalen Antihomöopathiesong, der ebenso darauf hofft, viral zu gehen wie die vorherige Erklärung der Nichtsnutzigkeit der Präparate, springt plötzlich der AOK-Rapper EstA auf die Bühne – der zuvor für sein bezahltes Bewerben von Homöopathie noch lächerlich gemacht worden war. Ein Move, der die Message der ganzen Kritik potenziert: EstA wird als geläuterter Söldner ins Feld geführt – und darf für sich auf neue Glaubwürdigkeit und größere Bekanntheit hoffen.

Nüchtern betrachtet ließe sich sogar sagen, dass der Rezo-Auftritt nur ein Vehikel war, um der Homöopathie-Nummer größere Beachtung zu verschaffen. Und sich eben nicht den Versuchungen hinzugeben, den Coup der Einladung über Gebühr abzufeiern. Denn eigentlich geht es Rezo relativ glaubhaft nicht um sich als Medium, sondern um seine Message: Die Sendung, in die der YouTuber gehörte, wäre eine, die ernsthaft und ausdauernd die Frage diskutieren müsste, wie sich die Politik zur Klimakrise verhält.

Und die müsste auf jeden Fall länger als 16, 32 oder 48 Minuten dauern.