Der erste Satz klingt wie ein Versprechen für den ganzen Film. "Lüften wir den Schleier", sagt eine Stimme aus dem Off. Die Kamera zeigt dazu eine junge Frau mit leicht nach vorn geneigtem Kopf. Man sieht nur ihre Kinn- und Mundpartie, den Rest verdeckt einer jener ausladenden Hüte mit gazeartigem Gesichtsschleier, wie sie in der Belle Époque, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Mode waren. Dann hebt die Frau Kopf und Schleier, man sieht ein sehr ernstes, junges Gesicht mit rastlosen Augen. Als Írisz Leiter stellt sie sich vor, Hutmacherin, während sich die Kamera vom Close-up auf ihr Gesicht löst, um den Raum um sie herum, ein elegantes Modegeschäft, in den Blick zu nehmen. Írisz will keine weiteren Hüte anprobieren, sie ist nach Budapest gekommen, um sich hier eine Stelle zu suchen. Das Modehaus nämlich gehörte einst ihren Eltern; es trägt noch immer ihren Namen, Leiter. Und das ist auch schon ungefähr alles, was man in den nächsten zwei Stunden über sie erfahren wird. Weiter wird der Schleier nicht gelüftet. Womit Regisseur László Nemes das Motiv der Hutmode jener Tage perfekt umsetzt: Verhüllt wird nicht, weil es etwas zu verbergen gibt, sondern weil es die Fantasie anregt. Und weil sich der Fantasie dann Dinge erschließen, die tiefer liegen als das Offensichtliche.

Der Ungar László Nemes legte 2015 mit seinen Debütfilm Son of Saul 2015 eine Art Senkrechtstart in den Autorenfilmer-Olymp hin. Das Holocaust-Drama feierte seine Premiere im Wettbewerb in Cannes, wo Nemes mit dem Grand Prix der Jury ausgezeichnet wurde, als Auftakt für viele, viele weitere Preise, deren Krönung dann der Oscar für den Besten fremdsprachigen Film bildete. Son of Saul beeindruckte sein Publikum so nachhaltig, weil Nemes mit seiner Kamera eine radikale Individualität und Subjektivität nachbildete an einem Ort, an dem Schmerz und Grauen genau diese untergraben, mitten im Vernichtungslager. Während die Kamera fast ununterbrochen auf das Gesicht von Saul hielt, der als Teil des "Sonderkommandos" dazu verteufelt war, rund um die Gaskammern herum "aufzuräumen", fanden jenseits des Bildausschnittes, mithin meist nur auf der Tonspur die entsetzlichen Verbrechen der organisierten Menschenvernichtung statt. Selten wurde das Horrende dieser Taten deutlicher als in Nemes' gekonntem filmischem Spiel mit Bildausschnitt und Tonspur, Zeigen und Verhüllen. Der Fantasie erschloss sich hier eine Wahrheit, die man gleichsam nicht wissen will.

Unzulässige Banalisierung?

Dass Nemes nun in seinem zweiten Film Sunset die gleiche Methode – lange, ungeschnittene Einstellungen mit meist einem Gesicht oder einer Person im Zentrum und einem chaotischen Geschehen drum herum – zur atmosphärischen Schilderung von Budapest im Vorfeld des Ersten Weltkriegs verwendet, erscheint auf den ersten Blick wie eine unzulässige Banalisierung. Tatsächlich muss man die Erinnerung an Son of Saul zurückschieben, um Sunset überhaupt an sich heranzulassen. Dann aber entwickelt dieser Film eine ganz eigene, seltsame Magie.

Während die junge Írisz durch Budapest mehr stolpert als schreitet, immer wieder weggeschickt wird und dann umkehrt und zurückkommt, erschließt sich um sie herum eine Stadt, in der unterschiedliche Dynamiken um Vorherrschaft kämpfen. Da gibt es das Neue, den Fortschritt, vor allem im Technischen, es wird in einem fort gebaut, erfunden und neues Gerät benutzt. Und es gibt das Alte, Faulige, auf das Írisz stößt, die alten Hierarchien und Dekadenzen. Wobei alles Andeutung bleibt – wo immer Írisz hinkommt, redet man über sie, dabei will sie doch etwas über andere erfahren. Während der Film lange Einstellung an lange Einstellung montiert und Írisz zunehmend geisterhaft an Türen klopft, abgewiesen und angegriffen wird, lässt sich eine Art Krimiplot ausmachen: Írizs als Detektivin, die dem Verschwinden eines Mädchens, einer Hutmacherin wie sie selbst, nachgeht. Die Spur scheint zu einem Mädchenhändlerring zu führen, an dem sowohl der jetzige Eigentümer des Modehauses Leiter als auch die kaiserliche Familie beteiligt sind. Und da ist da noch der vermeintliche Bruder, von dem Írisz erfährt, wurde sie doch im Alter von zwei Jahren in eine andere Stadt gegeben, nachdem die Eltern bei einem Brand umkamen. Ihr Bruder, so tragen ihr die Stimmen zu, ist ein Mörder oder ein Befreier, ein Perversling, ein Attentäter oder ein Anarchist, ein Hoffnungsträger. Sie will ihn finden, aber will sie sich ihm anschließen?

Die hochsuggestive Erzählweise, die das fragende Gesicht von Juli Jakab ins Zentrum setzt und drum herum in beispielloser Dichte die widersprüchliche Vorkriegsstimmung in der K.-u.k.-Monarchie inszeniert, fesselt in einer Weise, die das Verstehenwollen geradezu lahm legt. Anders gesagt: Sunset gehört zu jenen Filmen, die die Zuschauerin einerseits frustrieren, weil sie keine Auflösung bieten, und andererseits bereichern, weil das Nachdenken darüber, die Suche, so viel mehr zu bieten hat.