Manchmal geben ein Regisseur und sein Sujet ein kurioses Paar ab. So hat ausgerechnet der coole Finne Dome Karukoski das Leben des etwas angestaubt wirkenden britischen Philologen J. R. R. Tolkien verfilmt. 2017 hatte Karukoski den Film Tom of Finland über den finnischen Künstler Touko Laaksonen gedreht, besser bekannt unter dem Pseudonym Tom of Finland, der mit seinen homoerotischen Zeichnungen in den 1970er Jahren ein neues Bild schwuler Männlichkeit entwarf und so zu dem wachsenden Selbstbewusstsein homosexueller Bewegungen in Europa und den USA beitrug.

Nun also Tolkien. Oxford-Professor, Schriftsteller, Jahrhundertgenie und so weiter. Unbestritten zählen Der kleine Hobbit und die Romantrilogie Der Herr der Ringe zu den erfolgreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts, die zudem die moderne Fantasyliteratur prägten. Doch das Leben Tolkiens ist auch hinreichend bekannt und abgebildet. Wo bleibt da die Überraschung? Also will man von Karukoski im Gespräch als Erstes wissen, was ihn dazu motiviert hat, nach seinem Biopic über die Schwulenikone einen Film über das Leben eines bürgerlich-konservativen Bestsellerautors zu drehen. 

Pfeife rauchend über Elben diskutieren

Als die Anfrage für das Tolkien-Projekt kam, sei er gerade mit der Nachbearbeitung zu Tom of Finland beschäftigt gewesen, sagt der 42-jährige Regisseur. "Ich wollte schon nein sagen, ich war total ausgelaugt von der Arbeit. Am Ende habe ich das Drehbuch nur gelesen, weil ich ein Tolkien-Fan bin." Dieses Drehbuch wird Karukoski später etliche Male umschreiben, doch schon im ersten Entwurf liegt der Fokus auf Tolkiens Jugend und dessen Jahre als junger Erwachsener. "Als Fan kennt man eher den späteren Tolkien in Oxford, der Pfeife rauchend mit C. S. Lewis über Elben diskutiert", sagt Karukoski. "Die Zeit, die wir im Film abdecken, war mir hingegen vollkommen neu. Nur deswegen habe ich den Film überhaupt gemacht. Denn gerade im Leben des jungen Tolkien geht es um Inspiration, Leidenschaft, Freundschaft und Liebe – und das sind perfekte Themen fürs Kino."

Den jungen Tolkien spielt Nicolas Hoult ("X-Men: Dark Phoenix", "About a Boy"). © 2019 Twentieth Century Fox

Wie bereits in Tom of Finland interessiert sich Karukoski vor allem dafür, welche Ereignisse den Künstler zu seinen Arbeiten inspirierten. Er zeigt, welche Kindheitsgefühle sich in Tolkiens schriftstellerischem Schaffen gespiegelt finden. "Man will ja sehen, wie der Geist eines Genies aufblüht", sagt er. Und so sehen wir, was den frühen Tolkien zu seinen Ideen inspiriert hat und wie zum Beispiel aus der verschworenen Gemeinschaft der Jugendfreunde Tolkiens später in Der Herr der Ringe "die Gefährten" werden. 

Anthony Boyle, Tom Glynn-Carney und Patrick Gibson (von links) spielen die engen Freunde Tolkiens (Nicholas Hoult, ganz rechts). © 2019 Twentieth Century Fox

Auf ganz ähnliche Weise hatte Karukoski 2017 auch den Charakter von Touko Laaksonen herausgearbeitet. Und so unterschiedlich die Lebenswege von Laaksonen und Tolkien waren, im Leben beider Männer hatten ihre Erfahrungen als Soldaten im Krieg großen Einfluss. Während Laaksonen mit seinen Illustrationen immer wieder den Zweiten Weltkrieg verarbeitete, ließ Tolkien die Schrecken des Ersten Weltkriegs in seine Literatur einfließen. Immer wieder verschwimmen in den Kriegsszenen von Tolkien Realität und Imagination, und während die Liebesgeschichte zwischen dem Schriftsteller und seiner künftigen Frau Edith (Lily Collins) eigenartig blass bleibt, sind dies die stärksten Momente des Films.