Wenn man der Unscheinbarkeit eine Serienfigur zuordnen wollte, wäre es Willie Tanner. Er trug eine Angestelltenbrille, schütteres Haar von unbestimmbarer Farbe, Hemden aus dem Walmart, bis zu den Schuhen wollte man gar nicht mehr vordringen. Überhaupt schaute man diesen Willie Tanner nicht so richtig an, die Blicke der Fernsehzuschauer galten vielmehr dem zotteligen Wesen mit Knollennase und Knarzbassstimme an seiner Seite, diesem wunderbaren Fabelwesen vom Planeten Melmac, genannt Alf.

Und doch wäre Alf niemals eine der populärsten Serien der Achtzigerjahre geworden ohne ebendiesen Willie Tanner, in dessen Vorgarten der Alien gelandet war. Die Art, wie der Serienschöpfer und Alf-Puppenspieler Paul Fusco die Rolle dieses Familienvaters entworfen hatte, war außergewöhnlich: ein studierter Sozialwissenschaftler, Sachbearbeiter in der Sozialbehörde von Los Angeles, ein ehemaliger Hippie, dem die Haare ausgehen, ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater. So eine Figur gab es damals im Unterhaltungsfernsehen nicht.

Die Achtziger waren die Ära von Knight Rider, MacGyver und Magnum, einer völlig überzeichneten Starke-Typen-können-alles-Mentalität. Es gehörte allerhand Mut und Selbstbewusstsein für einen Schauspieler dazu, so einen blassen Normalo zu verkörpern. Max Wright hatte ihn. Er kam vom Theater, hatte Rollen am Broadway und in respektablen Filmen gespielt, unter anderem in Warren Beattys politischem Drama Reds – Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit und Bob Fosses All That Jazz.

Wright ging vollkommen auf in der Rolle dieses gutherzigen, ständig ausgenutzten Familienvaters, der nicht nur von seiner hyperpatenten Ehefrau, seiner zahnspangenbleckenden Tochter und dem augenaufschlagenden Sohn überstimmt wird, sondern auch von dem behaarten Wesen aus dem All permanent als nicht ernstzunehmender Mann diskreditiert wird.

Tanner konnte dem nicht viel entgegensetzen bis auf seine unermüdliche Freundlichkeit und seinen nicht zu erschütternden Glauben an das Sozialsystem Familie. Seine Figur war der moralische Kompass der Serie. Damit unterschied er sich auch von den All American Dads, die am anderen Ende der Serienheldenskala dieser Zeit standen. Er war weder der leutselige, über allen Dingen stehende Erfolgsarzt und -vater Cliff Huxtable (Bill Cosby), noch der rotzige, frauenverachtende Underdog Al Bundy (Ed O'Neill). 

Er trat immer zurück hinter denen, die er liebte. Als er befördert wird und in einer anderen Stadt arbeiten muss, kehrt er nach kurzer Zeit wieder zurück zu Frau und Kindern (und Außerirdischem). Downshifting in einer Zeit, in der es diesen Begriff noch nicht gab. Zumindest nicht für männliche Arbeitnehmer. 

Alfs Ziehvater war der Mann, der ein unbekanntes Wesen, das in seinem Vorgarten gestrandet war, sozialisierte, einen Fremden in seinem Haus aufnahm, ihn vor den Blicken der übergriffigen Nachbarn schützte. Er gestand ihm innerhalb der eigenen Familie eine Rolle zu, und ließ sogar zu, dass seine eigene dadurch geschwächt wurde.

Der strauchelnde Patriarch

Es mag ein wenig hoch gegriffen klingen, aber die Rolle des strauchelnden Patriarchen Tony Soprano oder einer Maura Pfefferman in Transparent wären ohne den guten alten Willie Tanner nicht denkbar gewesen. Und ohne seinen Darsteller Max Wright, der ihn gütig und geduldig gegen die Machismen seiner Welt vertrat. Dass ihm die Rolle einiges abverlangte, legen Berichte über seinen damaligen und späteren Drogenkonsum nahe. 2001 tauchte ein Video auf, das Wright angeblich beim Crackrauchen zeigt. Mehrmals wurde er wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen. 

Sein Schauspielerkollege Ed O'Neill, Al Bundy in Eine schrecklich nette Familie, spielt heute, mit 73 Jahren, in der Comedy Modern Family einen neuen Typus Mann, ein zeitgemäßes Familienoberhaupt, wenn man so will. Max Wright war es nach dem Ende von Alf nicht mehr vergönnt, sich in einer vergleichbaren neuen Paraderolle zu beweisen. Er spielte noch kleinere Partien in Kinofilmen, etwa in der Romanverfilmung Schnee, der auf Zedern fällt oder der Miniserie Stephen Kings The Stand. In der Sitcom Friends hatte er einen wiederkehrenden Auftritt als Besitzer des legendären Cafés Central Perk. Ende der Neunzigerjahre erhielt er für seine Rolle als Pawel Lebedjew im Tschechow-Stück Iwanow am Broadway eine Nominierung für den renommierten Tony-Award. In Interviews zeigte sich der Schauspieler jedoch manchmal verbittert darüber, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere immer im Schatten einer Puppe gestanden habe.

Max Wright starb am 26. Juni in Hermosa Beach im US-Bundesstaat Kalifornien an den Folgen seiner langjährigen Krebserkrankung. Er wurde 75 Jahre alt.