Wie klein der Mensch doch ist, denkt man beim Betrachten der ersten, bereits gewaltigen Bilder dieses Dokumentarfilms. Da geht es noch gar nicht um das große Ganze, den Weltraum, die Erde, den Mond. Man sieht nur einen einzelnen Mann im Vordergrund, und hinter ihm drehen sich langsam die Gleisketten eines offenkundig riesenhaften Fahrzeugs, das man gar nicht genau ausmachen kann. Das Fahrwerk allein schon überragt die Gestalt dieses einzelnen Mannes. Wie irrwitzig musste sein, was dort vorbereitet wurde.

Zu dem Zeitpunkt hat man noch nicht wirklich gesehen, wo das auf der Erde war und was das Monsterkettenfahrzeug da beförderte: die Rakete, die drei Menschen in den Himmel schießen würde, von denen zwei einige Tage später als Erste ihrer Spezies den Mond betreten würden. Diese Saturn V, die da auf ihre Startposition auf dem Gelände des Kennedy Space Center in Cape Canaveral gebracht wurde, war 110 Meter groß, so hoch wie ein mächtiges Hochhaus, befüllt mit Millionen Litern Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff. Wie größenwahnsinnig der Mensch doch ist, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

"We choose to go to the moon", hatte Präsident John F. Kennedy am 12. September 1962 im Rice Stadium zu Houston ausgerufen, im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika, aber eigentlich der Menschheit: Wir fliegen zum Mond, weil wir es so wollen. Knapp sieben Jahre später, am 16. Juli 1969, flogen Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins los. Apollo 11 hieß die Mission, und John F. Kennedy war längst tot. Die Mondlandung war der Teil seines politischen Vermächtnisses, der sich am ehesten erfüllte; sie hatte zu dem gehört, was Kennedy in seiner Nominierungsrede 1960 auf dem Parteitag der Demokraten als "new frontier" bezeichnet hatte, "uncharted areas of science and space": das Unerforschte in Wissenschaft und Weltraum.

50 Jahre nach der ersten Mondbegehung kommt nun der Dokumentarfilm Apollo 11 in die deutschen Kinos, zunächst nur an fünf Tagen, am 7., 11., 13., 14. und 17. Juli. Der Film zeigt exakt, was sein Titel verspricht, man sieht ein halbes Jahrhundert alte Bilder ausschließlich von dieser einen Mission, die Geschehnisse werden chronologisch erzählt. Ein paar Stunden vorm Start geht es los, einige Zeit nach der Wasserung der Raumkapsel im Pazifik ist Schluss, als die drei Astronauten wohlbehalten wieder zurück auf der Erde sind. 

Es gibt außer ein paar Weltraumgrafiken, die hinzugefügt wurden, kein neues Material in diesem Film; keine Jahrzehnte später aufgenommenen Interviews von Zeitzeugen, keine Erzählerstimme, keine historische Einordnung. Der Anschein von Unmittelbarkeit allein ist das Ziel, so kann man auch den Regisseur Todd Douglas Miller verstehen, als er vor einigen Tagen am Telefon sagt: "Als Zuschauer soll man das Gefühl haben, mit auf die Reise zum Mond zu kommen."

Die Rückvermenschlichung der Helden

Das Material, das Miller zur Verfügung hatte, bestand aus rund 600 Filmrollen. Die PR-Abteilung der Nasa hatte 1969 den Imagefilmer Francis Thompson damit beauftragt, die Apollo-11-Mission mit einigen sehr guten Kameraleuten festzuhalten, darunter Urs Furrer, der wenig später die ersten zwei Shaft-Filme fotografierte. Thompson zog sich aus dem Apollo-Projekt jedoch zurück und überließ Theo Kamecke die Aufnahmen, von denen dieser einige in dem bemerkenswert bekifft wirkenden Filmessay Moonwalk One (1971) verarbeitete, den man heute auf YouTube findet. Was hingegen kaum bekannt war: Es filmten im Auftrag der Nasa noch weitere Kameraleute.

Deren und weitere zum Teil unveröffentlichte Aufnahmen übergaben die Nasa und die National Archives der USA nun Miller, der die in verschiedensten Originalformaten – 16 Millimeter, 35 Millimeter und 65 Millimeter – vorliegenden Analognegative mit seiner Firma digitalisierte und auf 70-Millimeter-Format hochauflösend zog (weshalb man den Film am besten in einem IMAX anschaut). Hinzu kamen insgesamt 11.000 Stunden Audiomaterial der Nasa, das offenbar alles enthält, was während der achttägigen Mission gesprochen wurde, im Weltall wie in der Mission Control in Houston und am Launch-Ort in Florida, und nun als exakt synchrone Tonspur von Apollo 11 dient. Die Materialschlacht, die Miller betrieben hat für diesen mit 93 Minuten Laufzeit gar nicht so langen Film, war also, dem 50-Jahr-Jubiläum der Mondlandung entsprechend, groß.

Bemerkenswert an Apollo 11 ist dann zunächst einmal, wie dieser Überschuss der Mittel an manchen Stellen eine überraschend subtile Wirkung hat. Da sind zum Beispiel die noch nie gezeigten Szenen der Astronauten, wie ihnen vor dem Start in ihre Raumanzüge geholfen wird, aus heutiger Sicht ein typischer Behind-the-scenes-Moment. Die Gesichter dieser drei Männer, aus denen in der öffentlichen Wahrnehmung Helden unbedingt werden sollten, sind heute ja eigentlich vergessen, und ihre Namen sind zu Klischees geworden. Armstrong: der Erste und – wie der Spielfilm First Man (deutscher Titel Aufbruch zum Mond) zuletzt noch einmal in Erinnerung brachte – Ernste. Aldrin: der Zweite, der Zugängliche, Lockere, Coole. Collins: der schlicht Vergessene, der ja nicht in den Lander durfte und einsam um den Mond herumflog, auf die Rückkehr Armstrongs und Aldrins wartend. Jetzt bekommen diese Stereotypen wieder Gesichtszüge, hochaufgelöste, übergroße auf der Kinoleinwand. Auch wenn die Leere in Armstrongs Miene und das verschmitzte Lachen Aldrins (dessen Puls während der Reise zum Mond geradezu lachhaft niedrig war, wie im Film belegt wird) sehr gut in die Klischeebilder passen, die man sich von ihnen gemacht hat: Die visuelle Rückvermenschlichung dieser Männer in den Bildern von Apollo 11 ist seltsam berührend. Da waren ja wirklich echte Leute in diesen Raumanzügen.