Womöglich hat dieser Eindruck aber eben auch mit Filmen wie First Man zu tun und viel früher schon mit Büchern wie dem später auch verfilmten Die Helden der Nation (Originaltitel The Right Stuff, 1979) von Tom Wolfe. Der historische Kontext ist längst ausgeleuchtet, deshalb ist der reine Handlungsfilm Apollo 11 nun auch genug. Welche Unsummen an Geld und welche sehr konkreten Opfer – in Gestalt vor allem ehemaliger US-Militärtestpiloten – der Weg zum Mond die Amerikaner gekostet hatte, das muss nicht erklärt werden. Bevor diese drei Astronauten zum Mond konnten, waren sie und ihresgleichen regelrecht als Dosenfleisch benutzt worden, irgendwer musste ja die Gerätschaften testen und trainiert werden für den Weltraum, und manche überlebten das nicht. Das Heldenhafte (oder Abgestumpfte) an dieser ersten Astronautengeneration zeigte sich eben auch daran, wie viel Leid deren Mitglieder ertragen hatten in einem höher erscheinenden Auftrag.

Armstrong, Aldrin und Collins, alle Jahrgang 1930 und also Ende 30 bei der Mission, seien dann die "old guys" gewesen, sagt Todd Douglas Miller. Das sei auch für ihn eine der frappierenden Erkenntnisse beim Studium der Bilder aus dem Kontrollzentrum in Houston gewesen: Wie unfassbar jung die meisten Leute aussahen, die am Boden an den Bildschirmen saßen, "oft erst in ihren Zwanzigern". Miller: "Heute reden viele darüber, wie archaisch die Computersysteme damals waren, doch für ihre Zeit waren sie absolut cutting edge." Und die Einzigen, die mit ihnen umgehen konnten, "waren diese Kids, frisch von der Uni". Die Eroberung des Weltraums, so kann man es auch sehen, hatte einmal etwas von Tech-Jugendkultur. Betrachtet man heutige Bilder aus dem Kontrollzentrum von SpaceX, sehen die oft Rauschebärtigen dort selbst beim Jubeln vergleichsweise alt aus. (Auch die Leute, die in Kontrollzentren sitzen, sind weiterhin größtenteils Männer.)

Das vielleicht Verrückteste an Apollo 11 ist, dass die Handlung spannend wirkt, obwohl einem auch als Nachgeborener doch bekannt ist, wie alles ausgeht. Der Film macht jedoch noch einmal deutlich, wie unwahrscheinlich dieses Happy Ending eigentlich war, wie viel hätte schiefgehen können, vom Start über die vielen Manöver im All und die Landung auf dem Mond bis zum ungewissen Rückweg. Auch da funktioniert die Eroberung des Mondes nicht so sehr als eine Erzählung des aktiven Tuns und Eingreifens, des Heldentums, sondern als eine fast trotzige des Ertragens, des Mitmachens against all odds: Astronauten sind im Wesentlichen stets Passagiere, und was sie tun, wird ihnen gesagt oder steht im Handbuch.

Und das, worum es bei der Apollo-11-Mission letztlich ging, das Markieren eines Territoriums, das Erreichen eines der puren Symbolik wegen gesetzten Zwischenziels innerhalb der Eroberungs- und Abenteuergeschichte der menschlichen Spezies – das führt einen im Fall des Mondes dann als Astronaut auch noch an einen denkbar öden, lebensfeindlichen Ort weit, weit weg von zu Hause. Das Geschichtemachende der Mondlandung ist dort auch im Kern absurd: Wofür das alles? Bloß um eine Fahne in den Boden zu rammen? Reicht einem das Wissen, irgendwo als Erster gewesen zu sein? Und darum, dass die Fußabdrücke Armstrongs und Aldrins dort noch sein werden, wenn in ein paar Jahren wieder Menschen hinkommen, einfach deshalb, weil auf diesem bescheuerten Mond kein Luftzug geht?

Es gibt in Apollo 11 ein Bild, das wie der Blick in einen Rückspiegel wirkt, aus der Apollo-Kapsel zurück zur Erde, die erschreckend klein wirkt im dunklen Nichts des Alls. Der Effekt kann hier nicht mehr der sein, den heutige Astronautinnen und Astronauten beschreiben, wenn sie die Erde aus der relativen Nähe der ISS als Ganzes erfassen und sich zarte Gefühle für diesen Planeten einstellen offenbar, auch eines der Verantwortung des Menschen für diese komische blaugrüne Murmel. Der Kamerablick zurück von Apollo 11 ist der aus größtvorstellbarer Distanz und absoluter Einsamkeit heraus. Kann der Mensch da anders, als sich zu Tode fürchten eigentlich? Das erfährt man nicht auf der Tonspur von Apollo 11. Und auch nicht, was Michael Collins gefühlt hat oben überm Mond, jedes Mal wenn er dessen dunkle Seite umrundete und der Funkverkehr zur Erde abbrach. Collins muss sich doch, zumindest als einer der Menschen, die am weitesten von unserem Heimatplaneten weg waren jemals, noch mal schrecklicher allein gefühlt haben als Armstrong und Aldrin.

Die Menschheit soll eins gewesen sein, vor den Fernsehern

Die große Erzählung von der Eroberung des Mondes aber bleibt auf der Erde weiter die vom vermeintlich letzten (und eigentlich auch ersten) Mal, dass die Menschheit eins war – vor den Fernsehern. Der Teil der Welt, der schon mit Empfangsgeräten ausgestattet war, blickte nicht in den Himmel, heißt es, sondern auf die Mattscheibe, acht Tage lang, vom Start bis zur Rückkehr der drei Astronauten. Und für alle Zeiten danach hatten sie angeblich den einen Satz in den Ohren: "That’s one small step for (a) man, one giant leap for mankind."

Die Plausibilität dieser Erzählung lässt sich anhand von Apollo 11 auch nicht überprüfen. Die einzigen Zuschauer, die man in dem Film sieht, waren die knapp eine Million Menschen, die sich rund um das Kennedy Space Center versammelt hatten am 16. Juli 1969, um mit eigenen Augen zu sehen, wie diese hochhaushohe Rakete in den Himmel stieg. Sie saßen in Florida auf der Ehrentribüne, aber auch auf Autodächern vor Supermärkten und auf Campingstühlen am Strand. Auf diesen Bildern erkennt man erst, wie verdammt lange das alles schon her ist, an den Klamotten der Leute, ihren Frisuren, den alten Autos.

Der Mond hingegen und die Raketen, die einen dort hinbringen, sehen auf den neu digitalisierten Bildern von Apollo 11 auch heute noch nach Zukunft aus.

Auf der Website de.apollo11incinemas.com lässt sich nachschauen, wo und wann "Apollo 11" in einem Kino in der Nähe läuft.