"Überwachung: billiger als Gefängnisse, beliebter als Erschießen", das steht auf einem Plakat, in die Höhe gehalten wird es von mehreren vermummten Menschen unten an einer Rolltreppe. "Ich finde es toll, dass in unserem demokratischen Rechtsstaat eigentlich jeder unter 30 verpflichtet ist, eine Videokamera zu zerstören", sagt mit ruhigem Sarkasmus der Künstler padeluun, der danebensteht.

Diese Sätze stammen vom Berliner Bahnhof Südkreuz, wo von Sommer 2017 bis Sommer 2018 bei einem Pilotprojekt die Zukunftstechnologie der automatischen Gesichtserkennung mit 300 freiwilligen Probanden getestet wurde – wogegen Menschen dort eben protestierten. Man sieht und hört diese Sätze in Gerd Conradts Dokumentarfilm Face_It!, der die Proteste in einer frühen Szene zeigt. Es sind drastische, gewaltvolle Aussagen. Doch sind sie drastischer und gewaltvoller als die Praxis, die sie kritisieren?

Tatsächlich sind das Digitale und die Technologien, die es ermöglicht, ja einerseits ganz praktisch, andererseits ziemlich gefährlich. Das gilt insbesondere für die automatische Gesichtserkennung. Das Gesicht ist schließlich das Persönlichste, was es gibt: In ihm spiegelt sich (vermeintlich mindestens) die Seele des Menschen, es ist sichtbares Merkmal seiner Identität und Individualität; zugleich ist es fragil, den Zeichen der Zeit ausgesetzt. Es ist, auch wenn FaceApp uns gerade etwas anderes glauben zu machen versucht, das Gegenteil allen Digitalen. Verwandelt man es in einen Code, wird daher zwangsläufig etwas bedroht

Der Dokumentarfilmer Gerd Conradt nähert sich dem Thema filmisch, indem er für Face_it! eine ganze Reihe von Menschen befragt hat. Zu denen gehören Verantwortliche und Techniker des Südkreuz-Projektes, aber auch der Künstler Julius von Bismarck, der eine Installation geschaffen hat, bei der die Technik der Gesichtserkennung zur Steuerung eines überdimensionierten Smileys benutzt wird, um deren Einsatz zu kritisieren. Zudem hat Conradt etwa die Staatsministerin für Digitalisierung befragt, Dorothee Bär, die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel (die im vergangenen Jahr die Ausstellung Das Gesicht im Hygienemuseum Dresden kuratiert hat), den Künstler und Kurator Peter Weibel sowie den Gesichtskodierer Holger Kunzmann, der das FACS (Facial Action Coding System) nach Paul Ekman weiterentwickelt, das Basis jedes heutigen Gesichtserkennungsprogramms ist. Dazwischen filmt der Regisseur sich selbst mit dem eigenen Smartphone im Wald und am Bahnhof Südkreuz.

Derart viele talking heads (oder besser: talking faces) könnten Face_It! filmästhetisch typischen Fernsehdokus ähnlich werden lassen. Doch Conradt zieht in seiner Form das Multiperspektivische und Offene der geschlossenen Eindeutigkeit vor: zeigend statt erklärend, spielerisch statt festschreibend. Dadurch zeigt er performativ eben die Ambivalenz, die er durch die automatische Gesichtserkennung bedroht sieht. Seinen Gesprächspartnern hat er nachträglich die Raster aufs Gesicht zeichnen lassen, die bei der Technologie verwendet werden. Er spielt ihnen zudem die Aufnahmen der anderen Gesprächspartner vor, so dass die Positionen miteinander kommunizieren – vermittelt über digitale Bildaufnahmen.

Einige der besten Momente des Films entstehen, wenn technisch-affirmative und kulturwissenschaftlich-kritische Perspektiven dabei direkt aufeinandertreffen. "Diese Suggestion, wir könnten alles den Algorithmen überlassen und über Technik bewältigen, führt notgedrungen dazu, dass man alle menschlichen Zustände auf Messbares reduziert, auf Indikatoren", sagt etwa Sigrid Weigel. Und Holger Kunzmann, dem Weigels Äußerungen vorgespielt werden, antwortet: "Ja, letztlich müssen wir uns anhand von Indikatoren einen Sinn zusammenreimen, um es zu bewerten. Wir müssen uns also fragen: Wie können wir unsere Kompetenz diesbezüglich erhöhen?"