Als David Letterman im Januar 2018 den ersten Gast seiner Netflix-Show ankündigte, war das ein Riesen-Coup. Barack Obama saß da plötzlich im Studio und der Ex-Präsident plauderte mit dem Late-Night-Talker so entspannt, als würde es da draußen, in der Realität, keinen Donald Trump geben. Der amtierende US-Präsident, sagen viele, sei das Beste, was den liberalen Medien des Landes passieren konnte. Die New York Times bringt regelmäßig Jubelmeldungen in eigener Sache und verkündete Anfang 2019 wieder Rekordzahlen bei digitalen Abos und Zuwächse bei Werbeeinnahmen.

Auch Barack und Michelle Obama haben das Potenzial einer regierungskritischen Öffentlichkeit erkannt und gehen jetzt selbst unter die Medienunternehmer: Obamas Produktionsfirma Higher Ground hat Verträge mit Netflix und Spotify abgeschlossen und wird für die Video- und Audio-Streaming-Giganten exklusive Inhalte produzieren. "Indem wir Themen wie race und sozialen Status ansprechen, Demokratie, Bürgerrechte und vieles mehr, glauben wir, dass uns jede dieser Produktionen nicht einfach nur unterhalten, sondern aufklären, miteinander verbinden und inspirieren wird", lässt sich Barack Obama von der Netflix-PR-Abteilung zitieren.

Nützt dieser Trump-Effekt aber auch Medien, die sich im politischen Spektrum weiter links verorten? Was tut sich bei Menschen, die sich für Bernie Sanders begeistern, den Intercepted-Podcast des Investigativjournalisten Jeremy Scahill hören und die Zeitschrift Jacobin lesen, laut Eigendefinition "die führende Stimme der amerikanischen Linken"?

"A better world is possible. Better entertainment is too." So lautet der Slogan von Means TV, einem Streamingdienst, der sich selbst als "Netflix für die Arbeiterklasse" bezeichnet. Gegründet wurde das linke Medienportal von Naomi Burton und Nick Hayes. In einer einmonatigen Testphase im Juni, in der erste Inhalte zu sehen waren, warben die beiden Medienschaffenden um Unterstützer für ihr Projekt. Mit einer halben Million US-Dollar wollen Burton und Hayes das Programm für das erste Jahr finanzieren. Geplant sind Dokus und Sitcoms in kürzeren Formaten, aber auch von Spielfilmen und einer Late-Night-Show ist die Rede. Dabei sollen die Produktionen – mal mehr, mal weniger offensichtlich – immer die Perspektive der arbeitenden Bevölkerung reflektieren.

Aufmerksamkeit erregten die beiden jungen Medienmacher aus Detroit vor etwa einem Jahr, als ihr Wahlspot eine bis dato relativ unbekannte Politikerin als jüngste Kongressabgeordnete der Demokraten ins Repräsentantenhaus brachte: Alexandria Ocasio-Cortez. Der mitreißende Videoclip mit dem Titel The Courage To Change, in dem die New Yorkerin die Ungleichheit und Armut in den USA anprangert, galt als einer der Gründe, warum sich Ocasio-Cortez in den Vorwahlen überraschend gegen den einflussreichen Mandatsinhaber Joe Crowley durchsetzen konnte.

Mit Means TV wollen Burton und Hayes ihre Botschaft nun über den Weg der Unterhaltung unter das Volk bringen. Wobei Botschaft ein zu schwaches Wort ist, die beiden sprechen selbst von Propaganda. "CNN und MSNBC und Fox News betreiben alle gleichermaßen Propaganda und betonen ihre jeweilige Sichtweise. Netflix verfolgt auch eine Agenda (…)", erklärt Hayes am Telefon. "Unser Interesse gilt den arbeitenden Menschen. Wir wollen eine Form von Propaganda betreiben, die ihre Erfahrungen reflektiert und sie ermächtigt, eine sozialistische Politik voranzubringen."

Wie viele andere junge Menschen in den USA waren Burton und Hayes nach den Präsidentschaftswahlen 2016 den Democratic Socialists Of America (DSA) beigetreten, denen auch Ocasio-Cortez angehört. Die DSA erfuhr durch den Trump-Effekt und Bernie Sanders als Galionsfigur einen beispiellosen Zulauf. Vor dem Präsidentschaftswahlkampf 2016 lag die Mitgliederzahl bei etwa 6.500 und stieg bis September 2018 auf 50.000; inzwischen geht man von bis zu 60.000 Mitgliedern aus. Gleichzeitig hat sich die Bewegung radikal verjüngt, das Durchschnittsalter hat sich im Laufe von vier Jahren mehr als halbiert.

Burton und Hayes unterschreiben E-Mails lieber mit solidarity als mit see ya. Und sie verwenden das Wort Sozialismus fast so wie die Schlümpfe schlumpfen. Wenn man mit ihnen spricht, fällt es in gefühlt jedem zweiten Satz, sehr selbstverständlich, ohne viel Trara. In den USA erlebt der Begriff gerade eine Umdeutung. "Wenn man das Wort in der Vergangenheit je gehört hat, dann war es als Anklage gemeint", sagt Hayes. "Wir haben es geschafft, dass die Leute das Wort Sozialist heute anders wahrnehmen. Als Nächstes werden sie uns Kommunisten schimpfen. Also werden wir auch ändern, was die Leute darüber denken."