Wir treffen uns in Berlin-Kreuzberg, Michael Idov lebt mit seiner Familie seit einigen Jahren in Berlin. Mit seiner Frau Lily hat er gerade das Drehbuch für den letzten Teil der Serie "Deutschland 83" fertiggestellt, der im kommenden Jahr läuft. Kurzer Austausch, in welcher Sprache das Interview stattfindet, wir einigen uns auf Englisch: Idov ist mit 16 Jahren in die USA emigriert,  fühlt sich im Russischen und Englischen zu Hause, aber heute ist ihm nach Englisch zumute. Der Grund für das Gespräch: Idov hatte die Serie "Chernobyl" gesehen und anschließend in den sozialen Medien seine eigene Arbeit kritisiert. "Chernobyl" ist eine der beliebtesten Fernsehserien aller Zeiten, mit unglaublichem Erfolg in den USA, Russland und der Ukraine. Gerade erst hat der ukrainische Präsident drei Liquidatoren als Helden ausgezeichnet, offenbar inspiriert durch die Serie. 

ZEIT ONLINE: Herr Idov, was gefällt Ihnen an der US-amerikanischen Serie Chernobyl?

Michael Idov: Ich habe nichts mit ihr zu tun, aber ich bewundere sie. Die Art und Weise, wie diese Serie strukturiert und geschrieben worden ist, ist Fernsehen in seiner besten Form. Ich bin aber auch traurig: Die Serie leistet eine kollektive Erinnerungsarbeit, auf die die russische Popkultur freiwillig verzichtet hat.

ZEIT ONLINE: Warum brauchte es einen amerikanischen Drehbuchschreiber wie Craig Mazin, um an ein sowjetisches Trauma zu erinnern?

Idov: Aus unterschiedlichen Gründen. Manche sind politischer Natur. Die Zensur, die es in Russland gibt, wird von Selbstzensur begleitet: Aufgrund der Abwesenheit von klaren Signalen von oben versucht man herauszufinden, was erlaubt ist und was nicht. Fast jeder entscheidet sich dafür, nicht zu viel zu wagen. Das ist sehr frustrierend. Es wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn man glaubt, dass nur vorsichtiger, apolitischer oder eher dämlich gemachter patriotischer Stoff finanziert wird, dann wird es irgendwann tatsächlich das Einzige sein, was eine Finanzierung bekommt. Gleichzeitig sind die Serien, die ich für das russische Fernsehen gemacht habe wie Die Optimisten offen antisowjetisch.

ZEIT ONLINE: Bei Die Optimisten geht es um Spionage im russischen Außenministerium während des Kalten Krieges. Hatten Sie alle Freiheiten?

Idov: Ich war überrascht über das Ausmaß an Freiheit, das ich hatte. Deshalb dachte ich, dass viele Leute, die darüber klagen, etwas nicht machen zu können auf dem russischen Markt, es gar nicht versucht haben. Aber ich muss hier ehrlich sein: Die Serie Londongrad wurde 2013 fertig – vor der Krim, vor der Invasion in der Ukraine. Der Pilotfilm für Die Optimisten wurde 2010 gedreht. All das, was ich damals leicht machen konnte, wäre heute vermutlich schwieriger. Die Selbstzensur hat sich zur echten Zensur gewandelt. Ich kann nicht glauben, dass ich heute keine schwule Rolle entwickeln darf. Als ich mich mit Der Komiker für eine Förderung beim russischen Kulturministerium bewarb, war das, bevor mein Freund und Guru Kirill Serebrennikow auf dem Set unseres Films Leto verhaftet wurde. Auch das hat mein Denken verändert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch eine Serie für das russische Fernsehen machen würden. Ob ich die Freiheiten, die ich damals hatte, immer noch haben würden. Doch unabhängig davon habe ich mich nie an solchen Stoff wie Chernobyl herangewagt.

ZEIT ONLINE: Der Erfolg dieser Serie ist bemerkenswert global. Dabei bricht sie mit dem, wie man gewöhnlich erzählt: Das Ende ist ja bekannt, und am Anfang tauchen so viele Personen auf, dass nicht klar ist, wer der Protagonist ist.

Idov: Es ist erstaunlich: Die wichtigsten Protagonisten werden erst im zweiten von fünf Teilen gezeigt. Ich habe danach angefangen, meine eigene Arbeit neu zu bewerten. Vor allem die, die ich für das westliche Publikum gemacht habe.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Idov: Ich bin stolz auf die Geschichten, die ich in Russland erzählt habe. Aber die Geschichten, die ich im Westen verkauft habe, fühlen sich zu vereinfacht an. Im Prinzip habe ich dem westlichen Publikum das zugefügt, was die russischen Produzenten ihrem Publikum antun: Ich habe die Zuschauer unterschätzt.

ZEIT ONLINE: Also Zensur und Selbstzensur in Russland, dafür Stereotypisierung in den USA.

Idov: Genau! Ich habe das erst verstanden, nachdem ich Chernobyl gesehen habe. Natürlich fand ich bestimmte Dinge an Russland faszinierend, aber ich dachte, ich könnte sie nur im Westen verkaufen, wenn ich sie in etwas verpacke, das den Zuschauern im Westen vertraut ist: Spione, Hacker und so weiter. Und wenn ich es verkauft kriege, dann versuche ich es anzureichern mit Häppchen an Insiderwissen, das meine Konkurrenten nicht haben. Jetzt glaube ich, dass das der falsche Weg war.