Ein letztes Mal zum Lachen in den Knast – Seite 1

Der Vorspann wirft unerbittliche Schlaglichter auf die Gesichter unzähliger Frauen. Junge, alte, braune, schwarze, weiße, sommersprossige, tätowierte, breite, schmale, faltige, vernarbte, gepflegte, verwahrloste. Frauen in allen Formen, die das Leben hervorbringt. Und vor allem solche, die im Fernsehen außerhalb von sozialdokumentarischen Reality-Sendungen kaum auftauchen. Die Netflix-Dramedy Orange Is the New Black hat die Vorstellung davon, wie eine Serie über Frauen auszusehen hat, grundlegend verändert.

In sechs Staffeln behandelte OITNB, so das amerikanische Akronym, auf tragikomische Weise Rassismus, Klassismus, Homophobie, Missbrauch, instabile Machtverhältnisse, religiösen Fanatismus und die Privatisierung von US-Gefängnissen. Nicht zu vergessen: die weibliche Sexualität in allen Altersgruppen. Mit der siebten Staffel geht die Serie nun zu Ende und auch diese verweist unverblümt auf die klaffenden Wunden der US-amerikanischen Gesellschaft.

Alles begann 2013 mit der Protagonistin Piper Chapman, einer blonden New Yorkerin aus der oberen Mittelschicht, die wegen einer wirklich blöden Dummheit zur Haft im Frauengefängnis von Litchfield verurteilt wurde. Hier galten andere Regeln als im Yuppie-Brooklyn, und man konnte beobachten, wie sich Chapman, gespielt von Taylor Schilling, langsam mit ihnen vertraut machte und schließlich selbst die Regeln bestimmte. Erst Mauerblümchen, dann Schmugglerin getragener Unterhöschen ("Ich brauche euren Vaginaschweiß!"), schließlich unfreiwillige Anführerin einer Neonazi-Bande.

Jenji Kohan, die Drehbuchautorin und Produzentin der Serie, nannte die hübsche Piper ihr "trojanisches Pferd". "Ich glaube nicht, dass ich diese Serie hätte verkaufen können, wenn ich erklärt hätte, es ginge um Schwarze, Latinos und alte Frauen im Gefängnis", hat die heute 50-jährige einmal gesagt. "Aber wenn du dieses blonde Mädchen ins Gefängnis bringst, kannst du alle Geschichten erzählen." OITNB basiert auf der Geschichte von Piper Kerman, deren 2010 erschienene Gefängnismemoiren als Grundlage für die erste Staffel dienten. Im Laufe der sechs weiteren Staffeln allerdings wurden die Nebencharaktere zu den eigentlichen Stars, für deren psychologische Ausleuchtung sich die Serie viel Zeit nahm.

Jenji Kohans Skript stellte vor sechs Jahren ganz neue Anforderungen an die Branche: minimales Make-up, orangefarbene Sträflingskluft, im Fokus steht also die darstellerische Tiefe. So viele charakterlich differenzierte weibliche Rollen bekommen die meisten Casting-Direktoren in Hollywood während eines ganzen Jahres nicht auf den Tisch, geschweige denn das Fernsehpublikum zu sehen. Frauen über vierzig, dünne, dicke, heterosexuelle, lesbische und Gelegenheitswechsler – gay for the stay. Der Friseursalon im Gefängnis wurde von der afroamerikanischen Transfrau Sophia geleitet, gespielt von Laverne Cox, einer echten Transaktivistin. Die Küche stand unter dem Kommando einer russischen unerschrockenen Matrone namens "Red" (Kate Mulgrew). Und die Figur der psychisch kranken "Crazy Eyes", die Piper zunächst verfolgte, entwickelte sich zu der mit großen Augen und Hoffnungen ausgestatteten Suzanne. Uzo Aduba wurde für ihre Darstellung mit Emmys in den Kategorien Comedy und Drama ausgezeichnet.

Orange Is the New Black hat auch den Mythos demontiert, dass sich weibliche Charaktere nur durch Tugendhaftigkeit Sympathie erwerben können. Hier sind sie Drogenkurierinnen, Mörderinnen, Diebinnen und sehen dabei noch nicht einmal gut aus. Jenji Kohan hat Kriminelle zu Frauen gemacht, die dennoch Empathie verdient haben. Ihre Charaktere sind dreidimensional, mitunter gefährlich, aber immer menschlich. Das ist eine zutiefst humanistische Perspektive, die in den USA selten ist.

Komödie und Tragödie lagen immer zusammen in einer Zelle

In der letzten Staffel wird Taystee (links) zur zentralen Figur. © Netflix

Dass OITNB das Fernsehen verändern würde, war den Macherinnen offenbar schon von Anfang an bewusst. "Das hier ist nicht Oz. Frauen kämpfen mit Klatsch und Gerüchten", warnte ein Gefängnisbeamter Piper Chapman gleich in der ersten Staffel. Er meinte damit die HBO-Gefängnisserie, die 1997 das goldene Zeitalter im US-amerikanischen Bezahlfernsehen einläutete. Oz – Hölle hinter Gittern erregte die Aufmerksamkeit der überwiegend männlichen HBO-Zuschauer, die wegen Sportsendungen und Softpornos ein Abo abgeschlossen hatten und es wegen Die Sopranos und The Wire behielten.

Sowohl HBO als auch der Kabelsender Showtime hatten Orange Is the New Black abgelehnt. Netflix, 2013 noch eine relativ kleine Plattform, erkannte die Chance, mit den Problemen der Frauen in Litchfield ein viel breiteres Publikum anzusprechen. Geschichten marginalisierter Gruppen mit Sensibilität und Humor aufbereitet zu sehen, war bahnbrechend für ebendiese marginalisierten Gruppen – und vor allem für Netflix. Gemeinsam mit der fünf Monate zuvor gestarteten Politserie House of Cards machte Orange Is the New Black den Streamingdienst und auch das Bingewatching erst populär.

Die Fernsehlandschaft hat sich seitdem rasant verändert. Serien, die so wild sind wie Pose, black-ish, Atlanta, Glow, Jane The Virgin, Fresh Off the Boat oder Transparent folgten im Windschatten von Orange Is the New Black. Plötzlich waren Geldgeber in Hollywood bereit, Formate zu unterstützen, deren Heldinnen und Helden nicht der weißen, männlich geprägten Erzähltradition entsprachen.

Jenji Kohan und ihre Autoren haben immer auch aktuelle politische Themen beleuchtet – von den Obama-Jahren bis zu Donald Trump. Es gab die schwarze Insassin Poussey Washington (Samira Wiley), die während eines friedlichen Protests am Ende der vierten Staffel von einem weißen Wachmann getötet wurde; ein Kommentar zu rassistischer Polizeigewalt in den USA. In der Folge wagten die Frauen von Litchfield den Aufstand gegen ein verkommenes Justizwesen und landeten im Hochsicherheitstrakt.

In der letzten Staffel wird nun die von Danielle Brooks gespielte Taystee zur zentralen Figur in dieser hoffnungslosen Geschichte. Sie war zu Unrecht wegen Mordes an einem Wachmann zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der frühere Gefängnisdirektor Joe Caputo (Nick Sandow) erlebt seinen MeToo-Moment, als eine ehemalige Mitarbeiterin in den sozialen Medien schildert, wie schlecht er sie als Chef behandelt habe. Zeitgleich zeigt die Serie, wie Einwanderinnen ohne Papiere in einem Internierungslager festsitzen und von sexistischen Wachmännern belästigt werden.

Komödie und Tragödie lagen bei Orange Is the New Black immer zusammen in einer Zelle. Zum Ende hin wird es nun noch schwieriger, sie auseinanderzuhalten. Und es zeichnet sich ab, dass nicht jede Frau ihr Happy End erleben wird. Warum auch, das gibt es ja schließlich nur im Märchen. Realistisch geerdet war die Serie ja immer. Was aber Orange Is The New Black anfangs so monumental machte, ist inzwischen zum Standard geworden. Eine Frau, eine Latina oder Afroamerikanerin in einer Hauptrolle verwundert heute niemanden mehr. Diversität in der Ausgestaltung der Charaktere ist mittlerweile fast eine Voraussetzung für eine erfolgreiche US-Serie. Revolutionär fühlt sich dementsprechend die finale Staffel nicht mehr an. Und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Die letzte Staffel von "Orange Is the New Black" läuft ab 26. Juli bei Netflix.