Spider-Man sei 2017 von Marvel Studios nur deswegen in einer völlig verjüngten Version ins Kino gebracht worden, weil er der neue Harry Potter werden sollte. Hat immerhin Kevin Feige gesagt, der ebendiesen Spider-Man produzierte und gemessen an den Einspielergebnissen aller seiner Filme der erfolgreichste Filmproduzent ist – nicht nur des Marvel-, sondern des ganz realen Universums. Und so fantastisch ist sein Vergleich gar nicht: Auch Spidey ist in den Comicvorlagen ein erst 15-jähriger Schüler, der ähnlich wie Harry Potter zwar über allerlei mindestens ungewöhnliche Eigenschaften verfügt, sich ansonsten aber mit recht schulalltäglichen Problemen herumschlagen muss: Lehrer, die nicht kapieren, an welch menschheitsbedrohenden Problemen man tatsächlich arbeitet, Mädchen, die dem falschen Kerl hinterhergucken, Klassenkameraden, die einen mobben, so Zeug. Aber wie der Zauberlehrling kann sich auch der junge Superheld Peter Parker spektakulär durch die Luft bewegen und wird am Ende sämtliche Kämpfe gegen Monster und Bösewichte zuverlässig überstehen. Abgesehen davon sind beide Jungs die Titelhelden von Weltbestsellern. Spider-Man kann man sich also durchaus als Kinder- und Jugendfilm anschauen. Wenn man das tut, dann bietet auch Spider-Man: Far From Home wieder gelungene 129 Minuten.

Schon der erste Teil von 2017, Spider-Man: Homecoming, hatte das Zeug, ältere Kinobesucher (Ü15) aufs Schönste zu verprellen. Annähernd die Hälfte der Erzählzeit spielte in der recht durchschnittlichen New Yorker Midtown High School, an der für die meisten ihre Pubertätsprobleme schwerer wogen als die Weltrettung. Der sehr alte Spitzname Spider-Mans als "netter Kerl aus der Nachbarschaft" wurde hier buchstäblich neu inszeniert: Spider-Man muss Fahrraddiebe stellen und alten Damen den Weg erklären, bevor er an höhere Superheldenaufgaben überhaupt denken darf.

Klassenfahrt mit Monstern

Auch im zweiten Teil (am Ende soll es wohl eine Trilogie werden), Spider-Man: Far From Home, geht es für einen Film aus den Marvel Studios zunächst sehr bodenständig zu. Tom Holland geht als Peter Parker alias Spider-Man dank seines jungenhaften Enthusiasmus und der sympathischen Mischung aus famoser Selbstüberschätzung und Selbstzweifel noch immer glaubwürdig als Jugendlicher durch. Nach dem sogenannten Blib (nur kurz für Nicht-Eingeweihte: Das ist die Wiederherstellung aller durch Thanos in Avengers: Endgame ausgelöschten Menschen) befindet sich Peter Parker wieder an seiner Highschool in New York und möchte nach seinem Kurzabenteuer mit den Avengers endlich Ferien machen. Er und seine Schulkameraden reisen nach Europa. Es wird ein Roadtrip durch europäische Sets, wie sie das US-amerikanische Kino liebt: Venedig, Prag, Berlin, London. Zu ein bisschen mehr Spektakel, als man das von gewöhnlichen Klassenfahrten kennt, kommt es dann doch, namentlich monsterhaften Wesen aus den Elementargewalten Wasser und Feuer.

Auch dieser zweite Teil hat – soweit man das als erwachsener Zuschauer beurteilen kann – altersgemäße Dialoge und viel marvelesken Humor. ("Wie ist dein Passwort?" "'Passwort.'" "Du bist Sicherheitschef und dein Passwort lautet 'Passwort'???"). Jake Gyllenhaal schillert in der Rolle des Mysterio zwar nicht so bösartig-liebevoll wie Michael Keaton als Vulture im ersten Teil, aber auch Gyllenhaal beherrscht die Illusionskunst des Schauspiels. Besonders hübsch ist die fast schon klassenkämpferische Idee, dass hier das Böse aus frustrierenden und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen erwächst. Am gelungensten aber ist die Extremführung der pubertären Identitätskrise, indem der Film solch existenzielle Fragen wie "Wer bin ich eigentlich wirklich?" in spektakuläre Actionsequenzen verpackt. Das lässt sich in einem Universum, das sowieso nicht exakt so funktioniert wie das reale, bestens durchspielen: Immer, wenn Peter Parker meint, er habe jetzt durchschaut, wie die Welt wirklich tickt, entpuppt sie sich als Fake. Das gilt natürlich auch für Freundschaften, Feindschaften und die Liebe. Und für Peter Parker selbst. Wie in einem Gemälde des Surrealisten René Magritte sieht er sich im Spiegel, doch sein Bild hat ein eigenes Ich und tritt in Widerstreit mit ihm, also sich selbst, also Spidey gegen Spidey. Das ist ebenso verwirrend wie irritierend reizvoll.

Am Ende fügt sich alles recht glücklich, wobei es – ein alter Marvel-Running-Gag während des Abspanns – durchaus noch ganz anders kommen kann. So weit wird es voraussichtlich im Sommer 2021 sein.