Demokratisch sind Wahlen, wenn sie frei, gleich, unmittelbar und geheim sind. In Letzterem, so lässt sich die relativ kurze Historie der mittlerweile untergegangenen britischen Datenfirma Cambridge Analytica im Rückblick auch verstehen, steckt ein erquickliches Geschäftspotenzial. Nach jeder Wahl versuchen Politikerinnen und Politiker, Kommentatoren und Umfrageinstituten zu erklären, warum sie so ausgegangen ist, wie sie ausgegangen ist. Weil Wahlentscheidungen aber eben geheim sind, kann man als Firma, die im Wahlkampf tätig war, auch einfach behaupten: Es hat an uns und unseren Methoden gelegen, dass zum Beispiel Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl 2016 gewonnen hat. Oder vielsagend leugnen, für die Brexit-Kampagne Leave.EU gearbeitet zu haben, obwohl man es offenkundig getan hat (aber als britisches Unternehmen den Eindruck vermeiden wollte, in der Heimat juristisch fragwürdige Dinge getan zu haben).

Die Berichterstattung über Cambridge Analytica hatte dadurch mit einem Grundproblem zu kämpfen, mit dem nun auch der neue Netflix-Dokumentarfilm The Great Hack von Karim Amer und Jehane Noujaim zu kämpfen hat: Die Geschichte der Firma spielt zu einem Gutteil im Land der Verschwörungstheorien. Sie machte sich welche zunutze, versuchte, unentschlossene Wähler mit ihnen zu beeinflussen. Und sie ist am Ende vielleicht selbst Auslöser einer einzigen Verschwörungstheorie – die eben besagt, dass sich mit geschickt in Social Media gestreuten Unwahrheiten das wichtigste Machtzentrum der Welt neu besetzen lässt.

Wer findet die Überzeugbaren? Und wie?

Noujaim und Amer haben sich offenkundig dazu entschlossen, die Plausibilität des Produktversprechens, das Cambridge Analytica einst politischen Campaignern machte, nicht weiter zu hinterfragen. Es lautete folgendermaßen: Wir durchforsten für euch den Datenbestand aus Social-Media-Profilen, den die Wählerschaft eines (angeblich gesamten) Landes vor allem auf Facebook hinterlassen hat, um solche Menschen zu finden, die vor einer Wahl noch unentschlossen sind, wen sie wählen sollen; und diese Leute, die wir mithilfe einer (nur vermeintlich) wissenschaftlichen Analyseform ermitteln und Persuadables nennen, Überzeugbare, bringen wir dann mit eigens auf sie zugeschnittenen Social-Media-Botschaften dazu, eurer Partei oder eurem Kandidaten ihre Stimme zu geben. 

Datenskandal - Facebook muss fünf Milliarden US-Dollar Strafe zahlen Das soziale Netzwerk hat persönliche Daten von 87 Millionen Nutzern an die Analysefirma Cambridge Analytica weitergegeben. Es sollen strengere Datenschutzrichtlinien angewendet werden. © Foto: Reuters TV

Dieses Versprechen klingt schon deshalb ungeheuerlich, weil es die sozialmediale Durchleuchtung ganzer Bevölkerungen voraussetzt – und dies als legitime Wahlkampfmaßnahme begreift. Schon ist man allerdings auch im Dunkelfeld der vermeintlich individuell psychologischen und kollektiv politischen Manipulationsmacht von Social Media. Und weil man ein Gerücht und das Raunen darum nicht abfilmen kann, darum wohl haben die Macherin und der Macher von The Great Hack sich drei Protagonistinnen und Protagonisten gesucht, entlang derer man die so undurchdringlich erscheinende Story von Cambridge Analytica erzählen kann. Das sind die Amerikanerin Brittany Kaiser, die bei der britischen Firma einst für das Anwerben von Geschäftskunden zuständig war, ihren ersten Vertrag mit der Trump-Kampagne besorgt hat, dann ausstieg und redet; die britische Investigativreporterin Carole Cadwalladr, die für den Observer beziehungsweise den Guardian wesentliche Enthüllungsgeschichten über Cambridge Analytica geschrieben hat; und der amerikanische Design-Professor David Carroll, der das Unternehmen auf Herausgabe seiner persönlichen Daten verklagt hat und dadurch zu einem recht bekannten Fürsprecher für mehr Datensicherheit wurde.

Das Problem dieses Dokumentarfilms ebenso wie des Schreibens über ihn ist jedoch, dass auch eine Personalisierung die Cambridge-Analytica-Saga nicht unkomplizierter macht. Selbst wenn man sie grob verkürzt.

Entscheidend war der Dreh der Story: Weil sich nach dem Sieg Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl im selben Jahr die Erzählung etablierte, der habe diese nur gewonnen, weil er in den drei US-Bundesstaaten Wisconsin, Michigan und Pennsylvania mit zusammengenommen lediglich 77.000 Stimmen Vorsprung vor Hillary Clinton siegreich gewesen ist – deshalb wohl vor allem galten die Methoden von Cambridge Analytica zumindest eine Weile lang als entscheidende Geheimwaffe Trumps. Obwohl es kaum Belege dafür gibt, dass die der behavioristischen Psychologie entlehnten Methoden von Cambridge Analytica eine echte Wirkung hatten und nicht einfach bloß pseudowissenschaftliches Geschwätz waren; obwohl es, wie die Arbeit des Sonderermittlers Robert Mueller ergab, auch erhebliche Bemühungen Russlands zur Einmischung in den Wahlkampf gab; und obwohl vor allem Hillary Clinton eine laut Umfragen geradezu historisch unbeliebte Präsidentschaftskandidatin war, gegen die Trump da gewonnen hatte.