Sie sieht aus wie die reine Unschuld. Aus nächster Nähe blickt die Kamera auf das zarte Gesicht von Celeste. In ihren Augen spiegelt sich ein wenig Angst, vor allem aber Irritation. Sie schaut mit großen Augen auf ihren Klassenkameraden, der wie ihr Negativ wirkt: Die Haare unsauber abrasiert, sieht er mit seinen schwarzen Kontaktlinsen aus wie der leibhaftige Tod. In der Hand keine Sense, sondern eine Maschinenpistole. Ungerührt zielt er auf seine Mitschüler, die sich verängstigt an die Rückwand des Musikraums drängen, und schießt.

Vox Lux beginnt mit einem Schock. Der Regisseur Brady Corbet inszeniert für seine ersten Szenen das Schulmassaker auf eine Art und Weise, die der Wahrnehmung der Opfer wohl sehr nahekommt: Anders als in der klassischen Filmdramaturgie, die langsam vorbereitet, erahnen kurz vor dem Gewaltausbruch weder die Opfer im Film noch die Zuschauer, was nun über sie hereinbricht. Frühwarnsignale, die auf die Tat hätten hinweisen können, werden in der Realität oft erst im Nachhinein als solche identifiziert. So kann man auch die zwei Knallgeräusche, die in der ersten Einstellung des Films ein paar Vögel in den Vorgärten einer idyllischen Vorortsiedlung aufschrecken, erst im Nachhinein deuten: Es sind die Schüsse, die den Beginn des Amoklaufs markieren und denen zuerst die Familie des Täters zum Opfer fällt.

Die Präzision dieser Eröffnung wird später nur umso deutlicher machen, woran es dem zweiten Teil des Films mangelt. Doch zunächst begleitet Vox Lux die Wiedergeburt von Celeste (Raffey Cassidy) als Popstar. Als eine Überlebende nimmt sie am Gedenkgottesdienst der Schule teil und trägt dort gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Eleanor (Stacy Martin) den Song Wrapped Up vor, den sie geschrieben hat, um das Trauma zu verarbeiten. Es ist ein überirdisch schöner Song, der seine Wirkung weder in der Kirche noch im Kinosaal verfehlt. Geschrieben hat ihn wie alle Stücke im Film die Songwriterin Sia, gesungen hat ihn die erst 18-jährige Cassidy selbst. In der Kirche gleicht Celeste noch deutlicher als in der Eröffnungssequenz der engelsgleichen Erscheinung, auf die ihr Name – die Himmlische – verweist. Ihre Stimme klingt hell und klar wie Licht – Vox Lux.

Natürlich trägt Corbet schon hier zu dick auf: Celeste! Vox Lux! Aber der Film ist trotzdem ein ästhetisches Vergnügen. Corbet wechselte 2015 mit The Childhood of a Leader von der Schauspielerei zur Regie. Diese Erfahrung sieht man seinen Filmen an: Michael Haneke, Lars von Trier, Ruben Östlund, Olivier Assayas, Mia Hansen-Løve – für all diese großen Individualisten des zeitgenössischen Kinos hat er bereits gearbeitet. So fühlt man sich in Vox Lux erinnert an Eden, Hansen-Løves subtiler Blick auf die französische House-Szene und deren glamouröse wie weniger glamourösen Momente; ein collagenhafter Exkurs über die Entwicklung Stockholms zur Hochburg der Popmusik könnte direkt aus einem von Lars von Triers Filmen stammen, zumal Willem Dafoe düster aus dem Off kommentiert. Und in der sezierenden Darstellung von Gewalt fühlt man sich an Haneke erinnert.

All das montiert Corbet im ersten Teil des Films aus dokumentarisch wirkenden, grobkörnigen Bildern und unterlegt es mit einem finsteren Score von Scott Walker. Aber da ist sie wieder, diese dichte Referenzspur, die den Film mit der Zeit zu ersticken droht: Scott Walker war in den Sechzigerjahren als Mitglied der Walker Brothers ein frühes Produkt der Popindustrie, entwickelte sich solo in den Siebzigerjahren allerdings immer mehr zum Avantgardemusiker, dessen Sounds nicht nur extremer Antipop waren, sondern geradezu zum Fürchten klangen. Seine Musik ist das direkte Gegenstück zu Celestes anmutigem Song Wrapped Up, mit dem sie schließlich die Aufmerksamkeit der Musikindustrie erlangt und zum Instant-Star wird. Als sie wenig später auf ihrer Reise an die Spitze der Popwelt einen Metal-Gitarristen kennenlernt, sagt sie wenig subtil: "Der Attentäter hat so eine Musik gehört, wie du sie machst."