"Wir sind eine Familie. Wir müssen für Erfolg sorgen. Let’s make America great again." Das sagt nicht etwa Donald Trump, sondern der chinesische Vorarbeiter zu seinen US-amerikanischen Arbeitern in Ohio. Doch statt Applaus erntet er finstere Blicke. Gerade erst hat die Belegschaft dagegen gestimmt, in ihrer Fabrik eine Gewerkschaft zu gründen, doch zufrieden sieht niemand aus. Auch als ihr Manager ankündigt, zur Belohnung die zehn besten Arbeiter in den Urlaub nach Shanghai zu schicken – "Shanghai, das sieht aus wie Manhattan, oder?" – blickt er in versteinerte Gesichter. Schweigend lassen die Amerikaner die Ansprache ihres chinesischen Chefs über sich ergehen.

Es ist nicht der einzige Moment in American Factory, der ersten von Barack und Michelle Obama präsentierten Netflix-Dokumentation, in dem offenbar wird, wie verschieden die Kulturen, vor allem die Arbeitskulturen sind.

Dabei beginnt die Geschichte optimistisch: In der kleinen Stadt Dayton in Ohio, im sogenannten Rostgürtel der USA, wo seit Jahrzehnten die Industriejobs verschwinden, eröffnet ein chinesischer Investor eine Fabrik in einem stillgelegten General-Motors-Werk. Drei Jahre lang, von 2015 bis 2017, begleiteten die Filmemacher das neu eröffnete Werk, in dem Amerikaner und Chinesen Seite an Seite arbeiten.

Fuyao stellt Windschutzscheiben für die großen globalen Autokonzerne her. Zumindest einige der Arbeiter, die während der Finanzkrise ihre Jobs verloren hatten, können wieder aufatmen. "Ich war so dankbar, als ich wieder in der Fabrik arbeiten konnte", sagt einer von ihnen. Die Krise von 2008 und die Werkschließung hatten ihm wie Millionen von Amerikanern den Boden unter den Füßen weggezogen.

Doch bald stellt sich Ernüchterung ein. Es ist nicht nur der finanzielle Abstieg, der den Arbeitern zu schaffen macht. Kaum mehr als 12 US-Dollar pro Stunde verdienen sie zunächst, statt 30 wie einst bei General Motors. Auch die Arbeit mit dem neuen Management aus China gestaltet sich schwierig. Sicherheits- und Komfortstandards, wie sie Arbeiter in der hochautomatisierten amerikanischen Industrie gewohnt waren, bedeuten den aus China nach Ohio gebrachten chinesischen Vorarbeitern wenig. Die amerikanischen Arbeiter klagen über Unfälle und stundenlanges Arbeiten in großer Hitze.

Statt Wertschätzung und Teamgeist zu predigen, erwarten ihre neuen chinesischen Chefs von ihrer Belegschaft absolute Loyalität und Aufopferung für die Firma. Dass dann noch im Pausenraum Videos glücklicher chinesischer Familien laufen, empfindet ein Arbeiter als Affront. "Die bezeichnen uns als Ausländer", sagt eine amerikanische Arbeiterin über ihre chinesischen Kolleginnen und Kollegen. "Die Leute wollen aber das Gefühl haben, dass sie in Amerika arbeiten. Und nicht, dass man hereinkommt und denkt, man sei in China." Aber es gibt auch positive Begegnungen: Viele schließen Freundschaft mit ihren Kollegen und Kolleginnen aus China, laden sie zum Thanksgiving-Essen oder einer Spritztour mit der Harley Davidson ein.

Die chinesischen Manager verzweifeln derweil am aus ihrer Sicht mangelnden Arbeitseifer ihrer amerikanischen Angestellten. "Sie sind ziemlich langsam und haben fette Finger", erklärt einer von ihnen lachend dem Konzernboss Cho Tak Wong, ein Selfmade-Milliardär, der einen Weltkonzern aufgebaut hat. Arbeiter amerikanisch, Management chinesisch: Es ist für die Amerikanerinnen und Amerikaner eine neue, ungewohnte Hierarchie, die für Konflikte sorgt. 

Schließlich lädt der Konzern einige Vorarbeiter nach China ein, damit sie von ihren chinesischen Kollegen lernen. In Reih und Glied treten hier die Arbeiter zur Schicht an. Amerikaner, lernen wiederum die chinesischen Vorarbeiter in einer Schulung in Ohio, seien dagegen eher lässig, direkt und hätten durchweg ein "übertriebenes Selbstbewusstsein". Loben müsse man sie, dann arbeiteten sie gut: "Wir müssen unsere Weisheit nutzen, um sie zu lotsen und ihnen zu helfen. Denn wir sind besser als sie."

Es zeichnet den in Sundance prämierten Dokumentarfilm von Steven Bognar und Julia Reichert aus, dass er nicht bei der Zurschaustellung kultureller Unterschiede stehen bleibt. Vielmehr zeigt er, welche Zwänge auf allen Arbeiterinnen und Arbeiter, chinesisch oder amerikanisch, gleichermaßen wirken.

Was im Westen selbstverständlich ist, ein Acht-Stunden-Tag oder ein freies Wochenende, gibt es für die neuen Kolleginnen und Kollegen aus China nicht. "Ich bin müde, aber ich habe keine Wahl", sagt eine Arbeiterin. Ihr Kind sieht sie nur zwei- bis dreimal im Jahr. Auch zeigt der Film anschaulich, wie hart und entfremdet Fabrikarbeit selbst im modernsten Hightechbetrieb noch ist. Ihr Job sei monoton und ermüdend, klagt eine Amerikanerin: "Für den Körper. Für die Seele. Ich frage mich oft, warum ich das tue." Solche banalen Realitäten finden nur selten ihren Weg in Filme, wohl, weil einfach zu wenige in Fabriken spielen. 

Julia Reichert ist eine Veteranin des amerikanischen Dokumentarfilms und hat sich immer wieder komplexer sozialer Themen angenommen. Gemeinsam mit ihrem Partner Steve Bognar, der wie sie aus Dayton stammt, hatte sie bereits 2009 in ihrem oscarnominierten Dokumentarfilm The Last Truck: Closing of a GM Plant die Schließung des traditionsreichen General-Motor-Werks in ihrer Heimatstadt dokumentiert. Für ihren neuen Film gewährte ihnen nicht nur die Firma Fuyao einen umfassenden Zugang, sodass sie Hunderte Drehtage mit der Dokumentation des Fabrikalltags verbringen konnten; die Filmer genossen offenbar auch das Vertrauen der Belegschaft, wodurch teilweise sehr intime Porträts – auch der chinesischen Protagonisten übrigens – gelangen.