Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Der Dunkle Kristall – Ära des Widerstands"

36 Jahre ist es her, dass ein kindsgroßer Gelfling namens Jen das Böse besiegte, indem er das Herz seiner Welt, einen Kristall, wieder zusammenfügte: 1982 kam der Puppentrickfilm Der Dunkle Kristall der Muppets-Schöpfer Jim Henson und Frank Oz in die Kinos. Das Prequel Ära des Widerstands auf Netflix erzählt nun in zehn Episoden die Vorgeschichte, ausführende Produzentin war Jim Hensons Tochter Lisa. Sie hat sich nicht etwa dafür entschieden, die bekannte Spezies am Computer neu zu erschaffen. Es sind wieder Puppen, die die Fantasywelt von Thra bevölkern, handgemacht in dieser Welt.  

Die erkennbare Gemachtheit der Figuren ist es, die die Serie aus der Masse fantastischer Produktionen heraushebt. Während Zeichentrickfilme und Games größtenteils am Bildschirm entstehen und kaum noch unterscheidbar sind, besitzen Puppen die Authentizität des Materials, aus dem sie bestehen. Sie sind geformt, geschnitzt, geklebt, bemalt. Und auch wenn ihren kugeläugigen Gesichtern die ausgefeilte Mimik fehlt, die Computeranimationen immer realistischer nachahmen, so sind sie doch auf eine andere, warme Art lebendig. Wenn etwa der Held der Geschichte, der jugendliche Gelfling Rian, erfährt, dass sein eigener Vater ihm misstraut, liest man Fassungslosigkeit aus seinem Gesicht, auch wenn sich seine Miene nicht verändert. Lider und Münder klappen auf und zu, der Rest passiert im Kopf des Zuschauers. 

Rian ist also auf sich allein gestellt. Niemand glaubt, was er gesehen hat, dass nämlich der Kaiser und seinesgleichen eine korrupte Mörderbande sind. Seit langer Zeit beherrschen die gierigen, geierartigen Skekse die Welt von Thra. Sie haben sich des Kristalls der Wahrheit bemächtigt, dessen Energie sie aussaugen, um dem Tod zu entgehen. Der Preis dafür ist der Untergang, der als Verfinsterung über die Welt kommt. Rian bricht auf, um der bösartigen Gerontokratie ein Ende zu bereiten, bevor es zu spät ist. Zuschauer, die mit Star Wars oder Die unendliche Geschichte aufgewachsen sind, werden sich in ihre Kindheit zurückversetzt fühlen. Auch wenn die Story keinen Fantasy-Fan wirklich überraschen wird, folgt man den Figuren gern bei ihrer Heldenreise durch die von herrlich verschrobenen Nebendarstellern bevölkerten Kulissen. Einige kinderbuchartige Dialoge hält man auch als Erwachsener aus.

Unter Rians Mitstreiterinnen ist eine junge wissbegierige Prinzessin. Zwar heißt sie nicht Greta, sondern Brea, dennoch kann man die Serie (zumindest in den fünf vorab gezeigten Episoden) durchaus als Kommentar zur Gegenwart verstehen: Beinahe ausnahmslos jugendliche Helden setzen sich über die Autorität der Eltern hinweg, weil sie erkennen, dass deren Nichtstun zur Auslöschung ihrer Welt führt. Nach dieser Lesart wäre der dunkle Kristall für die Bewohner der Sagenwelt Thra, was Kohle und Öl ("schwarzes Gold") für uns Menschen sind: eine Energiequelle deren übermäßige Nutzung alles aus dem Gleichgewicht bringt. Selbst der finstere Wissenschaftler der Skeske weiß das. Als er seinem Kaiser erklärt, dass man den Kristall nicht überstrapazieren dürfe, schreit der ihn an: "Es gibt keine Verfinsterung." Dabei klingt er wie ein Klimawandelleugner.

(Alexander Krex)

Die zehn Episoden von "Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands" sind auf Netflix abrufbar.